Zeitlose Musik aus Island zu einem hundert Jahre alten Film aus Frankreich.

Fantômas, der vielen Leuten wohl am ehesten aus der französischen Kinoverfilmung in drei Teilen aus den Sechzigern ein Begriff sein dürfte (an einer Neuinterpretation wird derzeit gearbeitet), wurde im Jahr 1911 von dem Schriftsteller Marcel Allaine als furchterregender Serienkiller auf die Menschheit losgelassen. Durch den kurz darauf folgenden Film wurde er nicht nur ein Begriff für den Mainstream, sondern auch interessant für Intellektuelle und die Avantgarde-Szene. Nur selten vermischen sich diese beiden Elemente in gelungener Weise. AMIINA passen bei dem Thema ebenfalls ins Raster, denn auch sie bedienen diverse Felder recht gut: die ehemalige Live- und nach wie vor bei Studioaufnahmen beteiligte Begleitband von SIGUR RÒS fällt in den Bereich „alternative Musik“, wird aber auch gern von Leuten gehört die Klassik oder Neoklassik mögen. Immerhin haben die vier Ursprungs-Mitglieder Hilda, Sólrún, Maria und Edda Musik in Reykjavik studiert. Seit einigen Jahren gibt es Zuwachs im ehemals komplett weiblichen Bandkollektiv: erweitert von zwei Jungs oder Herren namens Magnus und Kippi. Dadurch ist die Musik von AMIINA noch vielfältiger geworden: Magnus erweitert den Horizont um diverse Percussions, wärend Kippi mehr Elektronik ins Spiel bringt. Alle Beteiligten spielen jedoch nicht nur ein, sondern diverse Instrumente. Vor allem bei Live-Shows ist das toll, da auch mal gerne in der Mitte eines Songs Bühnen-Positionen und Instrumente getauscht werden.

Das neue AMIINA-Album „Fantômas“ ist an der legendären Filmfigur ausgerichtet, denn die Band aus Reykjavik hat einen Live-Score zum Stummfilm-Meisterwerk aus dem Jahr 1913 komponiert und aufgeführt. AMIINA-Trademarks sind viele enthalten: ein organischer Sound mit Instrumenten wie Violine, Gitarre, Cello, Harfe, Ukulele, Mandoline und Zither wird gemischt mit Percussions und Elektronik, was ein zauberhaftes, fast schon magisch zu nennendes Klangerlebnis erzeugt. Die Uraufführung der Musik fand 2013 im Pariser Théâtre du Châtelet statt, wobei auch James Blackshaw, Tim Hecker, Loney Dear und Yann Tiersen teilnahmen.

Bei diesem ganz speziellen Halloween-Erlebnis wurde die knapp sechsstündige Fantômas-Serie zum hundertsten Geburtstag von den genannten Musikern so präsentiert, dass sich alle Künstler je einem Teil des aus fünf Filmen bestehenden Werks widmeten.
Auf eigenen Wunsch haben AMIINA einen Score für den zweiten Teil der Serie geschrieben, da ihnen die Spontanität und das Surreale dieses Parts gut gefällt.

Da es sich um Filmmusik handelt, ist „Fantômas“ komplett instrumental gehalten. Zwischen sehr ruhigen Stücken („Telegram“) und energetischen Tracks („Simplon Express“) finden sich auch beinahe tanzbare, rhythmische und mehr der Elektronik zugewandte Stücke wie „Entrepôts de Bercy“ und das Minimal-orientierte „Bourreau Silencieux“, aber auch ein Walzer mit Streichinstrumenten („Crocodile“).

Es ist eine feine Sache das AMIINA sich doch noch entschieden haben, den Score als eigenes Album rauszubringen. Genau ein Jahr nach dem filmischen Erlebnis begab sich das Sextett ins Studio, um die Musik für den gerade erscheindenen Release neu aufzunehmen. Da sich die Bandmitglieder mit etlichen Nebenprojekten beschäftigten, dauerte die Fertigstellung ein weiteres Jahr. Interessant dabei ist, daß immer Halloween ein Datum für die Weiterbringug des Ganzen war: die Filmvorführung fand an diesem Datum statt, die Aufnahmen für das Album ebenfalls. Die Abmischung von „Fantômas“ wurde ein Jahr später an Halloween im Jahr 2015 beendet.

Auch wer den Film (noch) nicht in Zusammenhang mit der Musik von AMIINA gesehen hat kann versichert sein: es ist gut vorstellbar wie gut die schönen Klänge mit der ersten „Fantômas“-Verfilmung harmonieren. Das neue Album der isländischen Truppe ist aber auch ohne Film oder die passenden Bilder im Kopf ein wunderbares Hörerlebnis und ein weiterer zeitloser Meilenstein im Oeuvre der Band.

Tracks:
1. Fantômas
2. Juve & Fandor
3. Paris
4. Café
5. Simplon Express
6. Telegram
7. Entrepôts de Bercy
8. Crocodile
9. Lady Beltham
10. Bourreau Silencieux
11. L’homme Noir

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  • 8.5/10
    Autor Nico Kerpen - 8.5/10
8.5/10

Kurzfassung

Zeitlose Musik aus Island zu einem hundert Jahre alten Film aus Frankreich.

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