Die riesige Baustelle auf dem Gelände der Kultfabrik kommt langsam zur Ruhe. Jahrelang befinden sich hier zahlreiche Clubs, Konzerthallen und Bars, ein Großteil davon muss jetzt Büro- und Wohnflächen weichen. Auf den Hardcovertickets, die Konzertbesucher entlang der Bauzaunfelder auf dem Weg zur Tonhalle feilbieten, sticht vor allem der Preis für das heutige Konzert ins Auge: Zweiundvierzig Euro. Zu viel, so zumindest die Meinung in den Facebook-Kommentarspalten. Entsprechend viel Platz ist in der Konzerthalle, als Japandroids die Bühne entern – warmen Applaus gibt es trotzdem. Das kanadische Duo stellt sich nicht groß vor, sondern prescht mit ihrem Garage-Rock wirsch nach vorne. Wer Brian King und David Prowse bisher nicht kennt, kann das in den kommenden vierzig Minuten nachholen: Die beiden schwitzen sich an der Gitarre und hinter dem Schlagzeug durch acht Songs ihrer bisherigen Alben und liefern ehrlichen, treibenden Rock mit ordentlich Hummeln im Arsch – die geräumige Halle füllt sich während der Japandroids mehr und mehr.

In der Umbaupause drücken auch diejenigen nach vorne, die die Vorband sausen lassen und stattdessen auf die texanische Post-Hardcore-Institution warten. Zuletzt spielen At The Drive In 2001 in München: einen Monat vor ihrer Auflösung, damals noch im kleinsten Club des Backstage. Heute warten immerhin rund 1500 Menschen vor der Bühne, um herauszufinden, ob die Mannen um Omar Rodríguez-López sechzehn Jahre später noch Spaß machen. Das tun sie: Während “Arcarsenal” springt Sänger Cedric Bixler-Zavala von Bühnenrand zu Bühnenrand, prüft sein eng sitzendes Outfit auf Haltbarkeit und wirbelt den Mikrofonständer durch die Luft. Rodríguez wirkt weniger aufgekratzt, scheint mit seiner Gitarre aber reichlich Freude zu haben. Tony Hajjar bearbeitet kraftvoll das Schlagzeug, Paul Hinojos den Bass und Keeley Davis zeigt, dass er es nach dem Ende seiner Bands Engine Down und Denali durchaus verdient hat, die freie Gitarre bei den Szenegrößen zu besetzen.

At The Drive In versprühen pure Spielfreude, das Publikum lässt sich davon nur zu gerne mitreißen. Abwechselnd kredenzen die Texaner Songs von “Relationship of Command” und “In•ter a•li•a”: Das neue Material kommt etwas rauer daher, fügt sich live aber bestens ein. Die vier Instrumente klingen klar und differenzierbar, lediglich der Gesang geht ein wenig unter. Dabei krächzt, schreit und singt Bixler angenehm schief und gibt bei jedem Song alles – den Tee, den er später im Set zwischen den Songs heimlich schlürft, hat er sich redlich verdient. Vor allem, weil er anschließend wieder ohne Rücksicht auf Verluste über die Bühne fegt wie ein mexikanischer Elvis, dem die Frisur explodiert ist – er stiehlt seinen Bandkollegen definitiv die Schau.

Wer nach zwei Dritteln der Setlist noch immer nicht Feuer und Flamme ist, knickt spätestens bei “198d” von der Debüt-EP oder “Napoleon Solo” von der Emo-Platte der Band ein. Nur neben der Garderobe steht vor der Zugabe ein letzter trübseliger Fan im Sparta-Shirt. „Ist einfach nicht dasselbe, ohne Jim Ward“, meint er. “One Armed Scissor” zeigt zum Abschluss, dass der Großteil der Zuschauer das anders sieht: Das Publikum singt lauter als Bixler und sogar Crowdsurfing-Einlagen lassen sich trotz des hohen Durchschnittsalters beobachten.

In knapp 80 Minuten arbeiten At The Drive In ihre fünfzehn Songs für den heutigen Abend ab und lassen dabei lediglich ein Fazit zu: Man mag von dem neuen Album halten, was man will; die ATDI–Reunion ist eine von den guten und die Band das Eintrittsgeld mehr als wert.

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