Chris Illingworth von GoGo Penguin ist ein schmaler, junger Mann. Am Telefon erzählte er vor einigen Wochen dass er früher eigentlich klassischer Pianist werden wollte. Heute Abend sind seine, hinter einer dicken Brille versteckten, Augen fest auf das Elfenbein des Flügels gerichtet. Man könnte ihn sich problemlos als Informatik-Studenten vorstellen – wenn er nicht auf der Bühne des beinahe ausverkauften Uebel & Gefährlichs sitzen würde.

Das Jazz-Trio GoGo Penguin aus Manchester um Illingworth, Bassist Nick Blacka und Drummer Rob Turner eröffnet sein Set mit „All Res“, dem Opener ihres aktuellen Albums „Man Made Object“. Illingworth spielt zarte, rhythmisch versetzte Arpeggios, Blacka streicht gefühlvoll seinen Kontrabass. Und dann setzt Turner ein – ein hektischer, synkopischer Beat, mit wilden Snare- und Hi-Hat-Einwürfen. Das ist schon noch klar Jazz, aber nach der Logik eines Squarepusher-Tracks. Und das Publikum eskaliert.

„Man Made Objekt“ ist schon als Album ein intensives Erlebnis, dieser Mix aus wunderschönen Jazz-Harmonien und Breakbeat-Feuerwerken. Live im Uebel & Gefährlich wachsen die Songs aber zu ihrer wahren Größe an. Speziell die satte, drückende Bassdrum bringt die technisch hochgradig komplexe Musik richtig zum Tanzen. Im zweiten Stück, „Unspeakable World“ arbeitet die Band glitch-artige Breakdowns in den Song ein, die schnell und unerwartet den Hörer den Boden unter den Füßen wegreißen. Dies macht das Trio aber ohne Ableton Live oder andere Computer-Tricks – das sind alles einfach nur drei Musiker, die wie in Trance miteinander harmonieren. Akustische Jazz-Tronica könnte man das nennen.

Illingworth hatte sich, nach eigener Aussage, als junger Pianist zwar mit Jazz-Urgesteinen wie Bill Evans und Thelonious Monk auseinandergesetzt – die richtige Inspiration brachten aber elektronische Künstler. Jon Hopkins, Aphex Twin, Squarepusher, und ganz besonders Massive Attack. Die progressive Tanzmusik liegt live spürbar tief in der DNA seiner Band. Der fließende Breakbeat vom dritten Song des Abends „Kamaloka“ erinnert an Aphex Twins Klassiker „Vordhosbn“, die Melodieführung des fünften Songs „Initiate“ klingt so schön wie Massive Attacks „Teardrop“.

Illingworths glasklare Harmonien werden live jedoch von der unmenschlichen Tightness seiner Rhythmusgruppe in den Schatten gestellt: Blackas Bassspiel ist virtuos, präzise und mitunter von einer an Charlie Mingus erinnernden Härte. In einem der Highlights des Abends, „Smarra“, dominiert er mit einem atemberaubenden perkussiven Bass-Riff das fast zehn Minuten lange Stück. Seine Hände flirren mit solch einer Präzision und Härte über die Saiten, das muss man sehen um es glauben zu können. Und Turner entpuppt sich als ein Zauberer an seinen Drums, der seine Snare wie durchdrehende Drummaschinen klingen lässt. Sein zusätzlicher Percussion-Fuhrpark aus Klangschalen und Rasseln erschafft dabei immer wieder neue Klangwelten, verdichtet GoGo Penguins Sound und hält die virtuosen Soli von Blacka und Illingworth mit eigener Virtuosität zusammen.

Das Publikum ist zugleich geplättet und euphorisch von diesem Feuerwerk, es wird getanzt und es wird gestaunt. Doch die ganze Virtuosität ist auf lange Zeit fast etwas zu überwältigend, nach elf Songs und einer guten Stunde sind die Synapsen spürbar angestrengt. GoGo Penguin schaffen es zum Glück mit „Garden Dog Barbecue“, dem letzten Song vor der Zugabe, das Set ohne eine Spur von Redundanz zu beenden: Der Song ist eine manische Jazz-Variante eines Eurodance-Tracks. Illingworths synkopischer Piano-Rhythmus geht direkt ins Bein, Turners spielt mit seiner Hi-Hat trashige Dance-Klischees, Blacka wandert mit seinen Finger in ungeahnte Höhen Richtung Griffbrett. Bis zum Drop. Da muss das müde Publikum einfach ekstatisch tanzen. Und GoGo Penguin entlassen uns nach einem keine Minute zu langen Set in den Abend.

Setlist:
All Res
Unspeakable World
Kamaloka
Break
Initiate
Branches Break
Smarra
Ocean in a drop
Murmuration
One Percent
Hopopono
Garden Dog Barbecue

Zugabe:
Protest

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