Es war eine freudige, aber auch ungewohnte Überraschung für Münchner Konzertbesucher, als Interpol ihr einziges Headliner-Konzert der Turn On The Bright Lights Jubiläumstour in der Isarmetropole ankündigten.


In den Genuss solcher einzelner Shows von im weiteren Sinne Independant-Bands kommen in der Regel lediglich die Fans in Köln oder vor allem Berlin. Zumindest Gefühlt. München, das ist zwar die Millionenstadt mit großem Konzertprogramm welche sich aber mit dem Indie schwertut. Als Indie-Fan muss man hier bereit sein, auch mal längere Wege in andere große Städte zu fahren. Umso erstaunlicher eben, dass Interpol halt im Muffatwerk einlegen. Aber eigentlich passen Interpol und München ja durchaus gut zusammen, könnte man sagen. Dem Klischee der sauberen, leicht arroganten bayrischen Millionenstadt entsprechen Interpol in ihrem gepflegten Erscheinungsbild in Anzügen gut, am Odeonsplatz wäre die Gruppe um Paul Banks in ihrem Erscheinungsbild nicht deplatziert. Bedenkt man das Songwriter der Band, erinnert es an die stereotypen Gegensätze von München und Berlin. Statt auf dem großen Platzen von Gefühlblasen und explosionsartigen Reflexen im Arrangement bezieht das Songwriting seine Qualität vielmehr aus die innere Spannung aus der innerlich auferlegten Hemmung, nicht zu platzen oder die Fassung zu verlieren. Interpol arbeiten mit der Kraft aus der (zwanghaften) Beherrschung statt mit der es Exzess. Kein Brand nach der Explosion, stattdessen lodert bei aller kühlen Distanz an der Oberfläche heiß unter der Oberfläche. Die Beherrschung gegen den Exzess, das könnten die zwei Pole sein, mit denen man die stereotype Wahrnehmung von Münchnen und Berlin beschreiben könnte. Und auf dieser Skala lassen sich Interpol gut an der Isar platzieren. Die Muffathalle mit ihrem gediegenen Charakter welche direkt an der Isar liegt erweist sich da als passende Halle für die Post-Punker.

Das Konzert eröffnet Froth, eine Gruppe aus Los Angeles zwischen Shoegaze, Dreampop und Psychedelic. Keine unerhörte, bahnbrechende Mischung, dafür präsentieren sie in 45 Minuten eine ganze Reihe guter Songs – Auftrag erfüllt.

Die New Yorker von Interpol beginnen ihr Set mit einer kleinen Werkschau: Not Even Jail, Take You On A Cruise & Slow Hands von Antics. Lights vom selbstbetitelten vierten Album spielt sich zu einem frühen Höhepunkt der Show auf, der Titel mag als Beispiel für die bereits beschriebene Haltung der zwanghaften Beherrschung, der Gefühlsunterdrückung und der Spannung daraus im Gegensatz zum großen Knall von Interpol gelten. Der Titel schaukelt sich nach & nach immer weiter lauter und größer, ohne jemals mit einem großen Knall abzuheben. Drummer Sam Fogarino ist dem Beat voraus und treibt ihn und dadurch die Spannung an, er erzeugt hier das Gefühl manischer Dringlichkeit, eindrucksvoll unterstrichen vom Stroboskop-Gewitter. Nach All The Rage Back Home vom aktuellen Album El Pintor beginnt der eigentliche Kern des Konzerts – Das Debüt Turn On The Bright Lights in seiner Gesamtheit.

In den ersten fünf Titeln zeichnet sich aber die bereits gewohnte Grundproblematik von Interpol-Auftritten ab. Wie schon auf Konzerten über das ganze Jahrzehnt zu beobachten war, setzen die New Yorker Live auf einen trockenen Sound. Vor allem den Gitarren wünscht man deutlich mehr Hall & Delay. Besonders im ersten Titel des Albums, dem schwelgerischen Untitled wird das deutlich. Auf dem Album gerät der Song durch die wolkigen, schwebenden Gitarrenklänge zum Höhepunkt, Live hingegen durstet der trockene Sound gewissermaßen vor sich hin, die Gitarren tönen vor sich hin, ohne eine Verbindung zueinander zu finden, ohne an den sphärischen Qualitäten zu kratzen, von welchen der Song lebt. Ein bisschen mehr ‚Post-Rock’ im Klang täte ihm gut, insbesondere das schnelle Tremolo-Picking einzelner Töne im Outro des Songs bleibt trocken auf dem Boden, statt zu schweben. Das zu eng geschraubte und dadurch nicht frei schwingende Ride-Becken tut leider sein übriges. Immerhin gelingt Sänger Paul Banks hier mit runder, klangvoller Stimme ein gelungener Vortrag. Aber auch in München überwiegt einmal mehr das kratzige, kantige, tendenziell anstrengente in der Stimme, was der Musik und dem Gesang nicht schmeichelt. Dem vorhergehenden All The Rage Back Home ereignete zuvor ein ähnliches Schicksal.

Obstacle 1, PDA und auch Say Hello To The Angles aus der ersten Hälfte des Abends werden mit hoher Geschwindigkeit dargeboten. Das weitere Konzert über ist es wie in Lights vor allem Drummer Sam Fogarino, welcher dem Rhythmus der Songs zuverlässig vorauseilt, aber auch ein Gespür dafür beweist, wann das Tempo zumindest Zeitweise zu bremsen ist. Das steht vor allem den drahtigen Titeln gut, der großen Offenbarung steht aber weiterhin der trockene Sound im Weg – zu sehr klingen die Musiker, als spielen sie für sich selbst, statt gemeinsam.

Erst ab Obstacle 2 und dann vor allem ab Stella Is A Diver gelingt es der Gruppe, ein gemeinsames Klangbild zu formen. Von dort an erinneren Interpol durchaus auch an ihre so oft genannte, vermeintliche Blaupause, Joy Division. Waren die Engländer um Ian Curtis dafür bekannt, vor allem live mit ihrem trockenen Sound dem hohen Tempo deutlich direkter und punk-lastiger zu spielen als auf den kühlen, sphärischen Produktionen gilt dies im Muffatwerk auch für Interpol. So lässt sich auch der Punk im Post-Punk von Interpol erahnen. Die schnellen Tempi, den trockenen Sound und die angestrengte Stimmfarbe hingegen kultivieren die New Yorker, nun da sie sich auch spielerische gegenseitig gefunden, haben zur gelungenen Interpretation ihrer Produktionen und des Albums. Sie spielen dann keine bloßen, etwas blassen Abbilder ihrer Studiofassungen sondern spielen ihre Titel live voller Leben mit einem gesunden Maß an drahtigem Tempo mit Hang zum Stürmen & Drängen und dem Punk.
The New und Roland markieren die Etappen eines starken Schlusssprints und selbst Leif Erikson, der Abschluss des Albums welcher mit seinem getragenen, schwebendem Klangbild an den Opener Untitled erinnert wird mit der zur Studio-Fassung konträren (punk-artigen) Live-Interpretation großartig dargeboten.

Die Zugabe eröffnen Interpol mit The Specialist, einem raren Titel der ersten EP und schließen mit The Heinrich Maneuvre und Evil ab. Auf der Ehrenrunde lassen sich Interpol verdient feiern – richtig gelungene Konzerte von Interpol gab es in den letzten Jahren selten. Das heißt nicht, dass sie die vergangenen Jahre schlechte Konzerte gespielt haben, aber man war über die Jahre gehobenes Mittelmaß gewohnt. Umso schöner, dass Interpol bewiesen haben, dass sie sich heiß spielen können, wenn sie an einem thematischen Strang arbeiten. Die Songs platzen und knallen deswegen trotzdem nicht, aber die Spannung in und unter den Titel glüht und lodert heiß. Jubiläumskonzerte anlässlich der Geburtstage von Alben sind umstritten, angesichts der Qualität die Interpol durch das Album-Set in München erreicht haben, kann man sich ähnliche Konzerte der Band nur wünschen – Antics, das zweite Album wird schließlich auch bald 15.

Weitere Jubiläumstourtermine zu & mit Turn On The Bright Lights:
25. August / Zürich Openair
26. August / Pure & Crafted Festival Berlin

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