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Kamasi Washington – Eine Sekte namens Jazz


„Ich geh zum Jazz!“, sagt Dr. Angelika Hasenbein a. k. a. Helge Schneider im Film „Praxis Dr. Hasenbein“ und begibt sich in die nächste Jazzkaschemme im fiktiven Ort Karges Loch. Am vergangenen Freitagabend haben es ebenfalls viele Besucher nach dem gleichen Motto zum Jazz geschafft – ins deutlich größere Gruenspan in Hamburg. Der Club war voll, genauso ausverkauft wie der Rest der ersten Deutschlandtour von Kamasi Washington. Der Tenorsaxofonist aus Los Angeles hat den Jazz in diesem Jahr mit dem fast dreistündigen Debütalbum „The Epic“ in Deutschland wieder in Richtung Mainstream bewegt, wie es sonst nur eben dieser Helge Schneider vermag. Aus allen Richtungen war Washington wie ein Jazzmessias gefeiert worden, wie ein neuer John Coltrane, als hätte er die letzten hundert Jahre Jazzgeschichte mal eben auf den Punkt gebracht.

Ebenso feierlich wurde der Bandleader Kamasi Washington auch begrüßt, als die siebenköpfige Band die Bühne betrat. Eine bescheidene Begrüßung seinerseits leitete den ersten Song „Re Run“ ein, der sich schon bald als richtungsweisend erwies: Hier wurden Virtuosität und Spielfreude geboten sowie obligatorische ausgedehnte Solopassagen für die einzelnen, durchweg ausgezeichneten Musiker – egal wie vertrackt die Jazzbeats an diesem Abend daherkamen, der Groove war stets präsent. Die Sängerin Patrice Quinn sang ganz für sich das Thema des Songs mit, sodass es gerade noch das Mikrofon erreichte, und vertrat an den entscheidenden Momenten den Chor, der „The Epic“ so einen Bombast verleiht. Die Band spielte kraftvoll auf den Punkt und ließ den riesigen personellen Umfang des Albums in keiner Sekunde vermissen.

Es waren jedoch nicht nur die ekstatischen Momente, die überzeugten. Die Bearbeitung von Claude Debussys „Clair de lune“, kam langsam und getragen daher. Ein Blick in die oberen Ränge des Gruenspans zeigte das Bild verzückter, bereits dahingeschmolzener Gesichter – das Äquivalent zum Im-Kino-Umdrehen, um die Wirkung des Films visuell gespiegelt zu sehen.

Als Kamasi Washington für „Henrietta Our Hero“ plötzlich seinen Vater Ricky Washington auf die Bühne rief, sorgte er für eine angenehme Überraschung. Washington Senior begleitete das Lied, das Kamasi Washingtons Mutter gewidmet ist, auf der Querflöte und sorgte für einen besonders sentimentalen Moment. Überhaupt wirkte die Band auf der Bühne wie eine große Familie, die sich auch größtenteils wirklich aus Kindertagen kennt – es wird selig gelächelt, als wären sie alle in einer Sekte namens Jazz. Mehr und mehr wob der Bandleader das Publikum mit ein, indem er Anekdoten von früher auspackte, die beiden Drummer ausführlich vorstellte oder sogar einen Song des Keyboarders Brandon Coleman auf die Bühne brachte. Die beiden Drummer sorgten zudem mit einem ausführlichen Drumsolobattle für ihren eigenen Höhepunkt.

Den unglaublich packenden Abschluss brachte Kamasi Washington mit „Malcolm’s Theme“, neu arrangiert nach Terence Blanchards „Malcolm X“. Das Thema wurde verfremdet und bis zur absoluten Ekstase gesteigert. Mit unerträglicher Atonalität gipfelte das Stück in ohrenbetäubendem Lärm, während die Sängerin ins Mikro kreischte und alle Instrumente begannen, ebenso zu screamen, was das Zeug hielt. Die Gesichter im Publikum, die vor Kurzem noch in Verzückung getränkt gewesen waren, zeigten zum Teil schmerzhafte Betroffenheit – das tut richtig weh, ist aber auch richtig gut. Ein dankbarer Abgang nach zwei Stunden Spielzeit. Der hochgelobte Tenorsaxofonist hält auch live, was das Feuilleton verspricht.

Doch halt, eins noch: Es mag im Feuilleton zwar häufig so klingen, aber Kamasi Washington kommt nicht von einem anderen Planeten, ist nicht aus einer anderen Dimension auf die Erde gekommen, um den Jazz zu retten. Er ist eher noch der Jazzgeschichte entsprungen: Alles, was er spielt, ist schon einmal da gewesen, er bringt es eben nur so griffig auf den Punkt. Die Jazzszene hat noch immer so einiges zu bieten – auch in den kleinen, verrauchten Kellerclubs am Rande der Szeneviertel oder dem kleinen Jazzclub in Karges Loch. Deshalb, als kleiner Lifehack des Tages: Öfter mal zum Jazz gehen. Da geht so einiges.

Kamasi Washington im Web: www.kamasiwashington.com



1 Kommentar

  1. Fabian

    Mittwoch, 11. November 2015 um 10:51:44

    Hallo Pretty in Noise,
    Der Bericht über Kamasi Washington ist grandios!
    Welch ein Stern am Jazzhimmel der Neuzeit.
    Kamasi Washington ist ein Erneuerer des Jazz genau wie es Gary Clark jr. Für
    Den Blues ist. Das Album „The Epic“ habe ich mir sofort gekauft.
    Würde mir mehr Berichterstattung für den Jazz in eurem Magazin wünschen!
    Bis dahin und entwickelt euch weiter
    Fabian

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