Eine weithin bekannte deutsche Musikzeitschrift bedauerte zuletzt die äußerst unwahrscheinliche Reunion der Punkkapelle …But Alive!. Das Bedauern resultierte aus dem Missfallen gegenüber „Zwischen den Runden“, dem jüngsten Werk der Band Kettcar, die mitunter aus eben dieser Punkkapelle entstand.

Klar, mit Punk hat das alles schon längst nichts mehr zu tun und das dürfte niemandem neu sein. Allerdings ist das wohl kaum der Maßstab an dem man eine neue Kettcar-Platte messen sollte. Und ob man dem jüngsten Schaffen der Hamburger gegenüber nun ebenfalls die Stirn runzelt oder nicht – die schier unüberschaubare Menschenansammlung im Kölner E-Werk spricht eben doch für die Band. Proppenvoll, unglaublich warm und schwer zu durchbrechen – das waren die ersten Eindrücke beim Betreten der Halle. Das die Hamburger inzwischen eine solche füllen ist selbstverständlich beeindruckend und erfreulich, wenn auch anstrengend, vor allem wenn man mit seinen 1,60 ein wenig verloren dasteht.

Für die vielen, vielen großen Songs und die nicht minder großen Momente kann und sollte man das aber in Kauf nehmen. Weniger gilt das für den aus good old Hamburg mitgebrachten Support namens Torpus. Hinter dem irgendwie albernen Namen verstecken sich irgendwie alberne Typen, die auch irgendwie alberne Musik machen. Nein, nicht lustig, sondern schlichtweg schwer ernst zu nehmen. Eine deutsche Band im Bestreben sich einen sehr britischen Anstrich zu geben und möglichst viel nach Mumford And Sons zu klingen. Selbstverständlich mit ein wenig mehr Avantgarde im Gepäck. Im Paket mit dem obligatorischen Arbeiterschick war das alles leider nicht sehr überzeugend. Weil die Freude auf die Herren Wiebusch und co aber steigt und weil so ein Support ja auch nur unter Umständen wichtig ist und nicht zuletzt weil man nah an der Theke steht, ist das alles verschmerzbar. Und in Ordnung ist die Welt mit den ersten Tönen von „Zwischen den Runden“ sowieso.

Es ist wirklich erstaunlich wie augenblicklich Kettcar Herzen zum erweichen bringen und dieses tolle Bauchgefühl hervorrufen können. Der Grund warum man diese Band so liebt. In solchen Momenten ist es wirklich völlig egal mit wem oder mit wie vielen Menschen man sie teilt. Um bei diesem Konzert eine tolle Zeit zu verleben brauchte es übrigens keineswegs eine positive Meinung zum neuen Album. Nicht weil die darauf befindlichen Songs doof wären, sondern weil Kettcar in eineinhalb Stunden einen herrlichen Spaziergang durch den Wald ihres bisherigen Schaffens machten. Entspannt und gewitzt wie eh und je und wie man sie eben immer gern sieht. Große Überraschungen bot die Setlist allerdings nicht. Ungewöhnlich nur, dass Marcus Wiebusch „Balu“ schon relativ zu Beginn des Abends zum besten gibt. Es sei die Schuld der Macho-Gemeinde, die sich nur ungern mit `nem dicken Bären vergleichen lässt und stets genervt von so einer ollen Schnulze als Abschluss seien. Was für ein unsäglicher Blödsinn. Die Allgemeinheit freut sich jedenfalls über diesen und auch andere Kracher wie „Im Taxi weinen“, „Money Left To Burn“, „Deiche“ oder auch „48 Stunden“. Zu vermissen gab es tatsächlich sehr wenig. Und zumindest meine Wenigkeit kann sehr gut auf die Mitklatsch-Orgie bei „Nullsummenspiel“ verzichten, welche dann zum Glück auch ausblieb. Eineinhalb Stunden, ein wunderschönes Konzert, zwei Zugaben und den Anblick einer doch tatsächlich ausrastenden Gruppe bei „Landungsbrücken raus“ später, kommt man glücklich und zufrieden darüber, dass einem die Garderobenschlange erspart bleibt, die sich zu diesem Zeitpunkt über drei Stockwerke des Treppenhauses zieht, aus dem E-Werk. Mit dem Vertrauen darauf, dass egal was noch aus der Feder der Hamburger entspringen mag und auch ohne …But Alive!-Reunion, diese Band einen doch immer wieder glücklich machen wird. Menschenmassen hin oder her.

Bianca Hartmann

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