BERICHT: Poliça, Kulturkirche Köln / 28.01.2014

Ich bin audiophil. Oder übersensibel. Vielleicht auch ein übersensibler Audiophiler. Das ist noch kein anerkanntes Krankheitsbild, aber dass es mich betrifft, weiß ich schon seit einiger Zeit, auch wenn ich es lange versucht habe, zu leugnen.

Poliça zum Beispiel ist eine Band, die mich seit anderthalb Jahren ziemlich begeistert. Nicht nur durch die großartigen Songs, die vertrackten Kompositionen mit der rhythmusdominierten Instrumentierung und dem eigenwilligen Gesang, sondern vor allem durch die Summe, die sich daraus ergibt: den Sound. Irgendwie ist der gleichzeitig druckvoll und fragil. Komplex, aber trotzdem absolut reduziert und klar.

Erst mit dem im Oktober erschienenen Album Shulamith ist mir klar geworden, dass Poliça eigentlich R’n’B machen, nur neu interpretiert. Quasi wie ein Pullover auf links gedreht, so dass die Nähte außen liegen und die glatte Oberfläche weg ist. An deren Stelle steht eine ziemlich unmittelbare und offengelegte Emotionalität.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich jedenfalls hohe Erwartungen, als ich zu ihrem Konzert ins Bürgerhaus Stollwerck gegangen bin und ich wurde leider enttäuscht.

Vielleicht war es ja nur der Audiophile in mir, aber wenn das Setup schon aus zwei Schlagzeugen, einem Bass und wenigen vorgefertigten Arrangements plus Vocals besteht, dann sollte man Bass und Schlagzeuge noch auseinander halten können. Und da man von den Arrangements auch nur etwas hören könnte, wenn es ruhiger war, war es eigentlich Gerumpel und Channy Leaneagh. Der Rest des Publikums schien, sich daran aber nicht zu stören. Und der Soundmann sah zu meiner Überraschung auch nicht verzweifelt aus, sondern zufrieden und im Takt nickend.

Ich habe ihn gestern in der Kulturkirche nicht gesehen, aber ich könnte mir vorstellen, dass er so ähnlich dort stand, vielleicht noch ein wenig zufriedener, denn um es direkt vorweg zu nehmen: der Sound war besser. Zumindest war alles hörbar und auch unterscheidbar, wenn man darauf geachtet hat selbst die beiden Drummer. Aber alles war sehr laut und alles in allem ein wenig unstimmig. Für einen an der Audiophilie Erkrankten wie mich, war das aber trotzdem noch ganz in Ordnung, denn meine Erwartungen habe ich ja zwangsläufig schon runterschrauben müssen. Es ist nur schade, wenn man durch die Youtube-Channels The Current, KEXP und dem iTunes-Festival weiß, zu was Poliça imstande sind, wenn sie unter perfekten, fast studioähnlichen Bedingungen auftreten können. Und wie facettenreich und großartig Channy Leaneaghs Stimme ist, wenn sie nicht gegen ihre Band ansingen muss.

Am besten funktionierten übrigens die Songs von ihrem ersten Album Give You The Ghost. Das könnte damit zu tun haben, dass Wandering Star, The Maker und Dark Star in ihrer Art sowieso schon rumpeliger und grooviger sind als die komplexer arrangierten Tracks von Shulamith, die in diesem Setting viel von ihrer melodischen Qualität verloren haben.

Nach dem Konzert spitzte ich vor der Kirche noch ein bisschen die (ein wenig tauben) Ohren und diesmal war ich anscheinend nicht der Einzige, der mit dem Sound nicht zufrieden war.

Vielleicht kommt ja noch irgendwann der Tag, an dem sie nicht in einem 10 Meter hohen hallenden Kirchenraum auftreten, oder der Mixer tatsächlich mal einen guten Job macht. Das Potential, mich glücklich zu machen, hätten sie. Und wenn nicht, sind mir ihre Studioalben hoffentlich immer noch gut genug, es weiter zu versuchen…

 



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