Ein blaues Licht über kalten Landschaften, man schließt die Augen und tausend Bilder, Eindrücke und Emotionen fließen hindurch: Vom ersten Synthie-Klang und von den ersten hypnotischen Beats fängt der Traum von Box And The Twins an. Ein intensiver Wachtraum, der sich über die ganzen 50 Minuten von “Everywhere I Go Is Silence” im Nebel ausdehnt.

Nach den zwei EP “Our Fears” und “Below Zero” veröffentlicht das Trio aus Köln sein Debütalbum. Schon das Cover, wo ein einsamer Mensch einen majestätischen Wasserfall betrachtet, sagt viel über die Stimmung dieses Werks. Eingetaucht im Tau und bläulichen Nebel bewegt sich der Sound von Box And The Twins zwischen Dream Pop, Dark Pop und Coldwave. Das Album ist träumerisch und dunkel, schwermütig und sanft, erweckt Sehnsucht nach allem, was fehlt und nach allem, was war. Produziert wurde es von Hélène de Thoury (Minuit Machine, Phosphor, Hante).

Gleich entführt die Stimme der Sängerin Box in ihre Welt, die ätherisch bis gespenstisch aber auch sehr warm und sinnlich klingen kann. Melancholische Gitarren, die aber auch mit Verzerrungen einschneiden können, düstere Elektronik, dumpfe, klopfende Beats und tiefe, füllende Basslines bereiten die perfekte Bühne für die prägenden Vocals, um alles in einem imposanten und eleganten Klang zu verbinden.

Box And The Twins zeigen ihre dunkelste und atmosphärischste Seite gleich am Beginn mit dem Opener “Pale Blue Dot”. Wie eine Prophezeiung erklingen die Zeilen “we are all here drifting into the black”, denn das ist genau, was ab jetzt passiert. Der Song ist pures Schwarz, matt und dicht, worauf die hier besonders feenhafte Stimme schwebt. Drums und Bass sorgen für Volumen und Tiefe, die Wave-Gitarre setzt Akzente und der Amboss erweckt einen Eindruck von Unentrinnbarkeit: “Who will save us from ourselves”, singt dabei Box. Schwer und dunkel ist auch “Birds”, Beispiel für einen dichten Dark-Dream-Pop. Die Beats drücken nach unten, während man sich an die träumerische und melancholische Stimme wie an einer Hoffnung hält. Die verzerrten Gitarren sorgen für mehr Härte in der Stimmung. Wieder Nostalgie kommt mit “Sometimes The Waves” auf. Der Song hat etwas Majestätisches an sich, wie Wolken die sich zusammenziehen, um dann in einen Sturm auszubrechen. Genau so entwickelt sich der Sound, von der einen anfänglichen Tension, kreiert durch die sich wiederholenden Lines, die wie Regen herunterfallen, und die Verzerrungen, bis zur Auflösung.

Elektro-Beats, mehr Post-Punk und weniger Dream-Pop: Der zweite Track “Gravity” zeigt früh in dem Album auch eine andere Seite der Band –man kann dazu tanzen. Und so ein Song zeugt auch für die Fähigkeit, Refrains zu kreieren, die man gleich mitsingen kann. Und für einen dynamischen Aufbau, der jeden Song spannend macht. Auch “This Place Called Home” hat stärkere Beats. Sehr schön sind der Gesang, der von tieferen Strophen zu dem hallenden Refrain wechselt, und der Bass, der wie ein schwarzer Fluss weiter sprudelt. Aber der Song, der am besten für diese tänzerische Seele der Band spricht, ist der einnehmende “Guilty Red”. 80er Wave-Beats, ein punktierter, unermüdlicher Bass, Atmo-Synthie und die sinnlichen Vocals: Jedes Detail stimmt hier, um aus diesem Lied einen der Höhepunkte des Albums zu machen. Und gleich danach hämmern kalte Beats weiter zu einem anderen Lieblingsstück: “Ice Machine”. Die kalte Gesangslinie harmoniert mit dem fast martialischen Gang der Drum Machine und des Basses, während die Gitarre als weicher Begleiter fungiert.

Diese verschiedenen Aspekte ihrer Musik machen den Charme des Albums aus, sodass man mit jedem Song weiter in dessen Welt ohne Ablenkungen gezogen wird. Und die Band kann auch weich, sogar süß klingen. “Perfume Well” hat einen hypnotischen, spielerischen Charakter. Die Synths erklingen leicht, sie sind wie Schmetterlinge auf nassen Blumen, die Gitarre schneidet die Atmosphäre, trotzdem klingt sie nie zu hart. Romantisch ist die Ballade “Certains”, wo die Stimme direkter ins Herz trifft, begleitet von dem zarten Gitarrensound und den nächtlichen Keys. Es ist ein Liebessong, der viel Angst und Sehnsucht in sich birgt.

Weich, dunkel und gefühlsvoll schließen “Western Horizons” mit wolkigen Synthies, Echos und Verzerrungen wie Peitschen und der Ghost-Track “Notes to the Spiders” mit seinem akustischen Charakter das Album ab. Ein Werk, das mit jedem Song überzeugt. “Everywhere I go is Silence” – überall, wo ich hingehe, ist Stille. Überall in diesem Album ist Traum, Poesie, Tiefe. Es ist ein Sound, der die die Realität verwischt. Und wenn es vorüber ist, braucht man einige Sekunden, um wieder die Konturen scharf sehen zu können.

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