Caspian – Waking Season

Triple Crown

Da singt ja einer! (irgendwie jedenfalls)

Caspian gehören zu den ganz großen im Postrock-Business. Soviel kann man ohne irgendwelche Übertreibung sagen. Und ohne irgendwas vorwegzunehmen, kann man auch sagen, dass Waking Season diesen Status mehr als unterstreicht – doppelt und dreifach unterstreicht. Das dritte Album des Quintetts aus Beverly (nicht Hills), ist, erneut ohne Vorwegnahme und Übertreibung, eins der besten Alben dieses Jahres (wenn nicht sogar länger). Ganz großes Postrockkino, sozusagen.

Trotzdem beginnt das Album erstmal mit einem „Hä?“-Moment. Nach dem mehr als opulenten, sich trotz ziemlicher Simplizität ins unermesslich epische steigernden Opener Waking Season erwartet man (oder vielleicht nur ich, man weiß es nicht) nach all dem, was Caspian in der Vergangenheit so veröffentlicht haben, die überhaupt nur fettestmögliche Soundwand.

Stattdessen – plop, Ende, Track Zwei, Procellous, ein leierndes Gitarrendings erhebt sich ohne irgendeine Form von Übergang aus den Boxen, dann auch verschwurbelte fast-Vocals und Synthesizer. Hab ich gerade aus Versehen irgendein Video von Skrillex angewählt, das nun meinen Hörgenuss infiltriert? Nein. Spätestens ab Einsatz des Schlagzeugs wird klar, dass das alles seine Richtigkeit hat, hier nach wie vor Caspian am Werk sind und direkt mal ein wunderbar erfrischend neues Stück postrockhafter Musik abliefern, das dann auch mit kleiner Verspätung die erwünschten fetten Soundwände abliefert. Und das, so viel kann man auch schon während des zweiten Songs sagen, ist die Kernkompetenz von Waking Season im gesamten: Was die fünf Amerikaner hier schaffen, ist vor allem Weiterentwicklung. Es ist vielleicht alles nicht ganz so hart (wenn man Härte durch Schnelligkeit und dicke Gitarren definiert) wie die Vorgänger The Four Trees (2007) oder Tertia (2009), dafür aber wirklich neu und ungewohnt. Neu und ungewohnt dabei eben nicht im Sinne von Sigur-Rós-bringen-ein-Album-raus-das-irgendwie-lahm-ist, sondern im Sinne von Mogwai-bringen-ein-Album-raus-das-zwar-nicht-unbedingt-klingt-wie-Mogwai-immer-klangen-dafür-aber-trotzdem-genauso-grandios-ist. Wenn im Pressetext eines Albums steht „Die machen jetzt was ganz neues, ohne dabei ihre Wurzeln zu verleugnen“ ist damit natürlich entweder gemeint, dass die jetzt genau das gleiche machen wie vorher, nur schlechter, oder dass die neue Scheibe ein mehr als misglücktes Experiment ist (Erneut muss ich hier auf mein dredg-Trauma hinweisen). Bei Caspian trifft das was-neues-und-Wurzeln-blabla allerdings vollständig zu. Erneut: Ganz großes Kino, sehr abwechslungsreich und trotzdem unverkennbar Caspian.

Unverkennbar Caspian ist auch der dritte Track, Gone In Bloom And Bough, selbst wenn auch hier Vocoder-Synthesizer-Glitch-Blabla-Vocals, die stellenweise vor allem nach Skrillex klingen, vor sich hin mäandern und anfangs ein Elektrobeat rumwuchtet – beides übrigens sehr, sehr gut in Szene gesetzt. Hier fühlt sich nichts unpassend oder erzwungen-ungewöhnlich an, diese neuen Elemente scheinen das caspiansche Songwriting wirklich bereichert zu haben. (Ich sollte wirklich aufhören den Namen Skrillex jetzt schon dreimal in einem Review über Caspian zu nennen.) Abgesehen davon bietet dieser Song akustische Gänsehautmomente, ein richtiges Schlagzeug, Soundwand und alles was dazugehört, sodass ich mich nach gerade mal dem dritten von zehn Tracks fragen muss, was da denn überhaupt noch kommen kann und wie nur fünf Menschen ihre gesamte Kreativität nicht schon bei diesen zwei Stücken verbraten haben können.

Gut ins Gesamtkonzept passende Elektrobeats gibt’s dann auch in Stück vier, dem bereits vorab im Netz veröffentlichten Halls Of The Summer. Dass auch das ganz großartig ist, versteht sich inzwischen fast von selbst. Eigentlich würde es wirklich reichen, die gesamte zweite Hälfte von Waking Season mit dem Prädikat „Postrockmäßig Besonders Großartig“ zu versehen und den Deckel drauf zu machen, aber da würde die Lobhudelei für dieses Album immer noch zu kurz kommen.

Stattdessen fällt mir an dieser Stelle auf, wie verwöhnt der Postrockhörer doch durch Länge ist (höhö). Ob es nun ausufernde Werke wie von Godspeed You! Black Emperor (oder wo sich das Ausrufezeichen in der aktuellen Inkarnation nun steht) oder zumindest moderat-lange Stücke von Sigur Rós oder den anderen üblichen Verdächtigen sind – Stücke wie Track fünf, Akiko, oder Nummer sechs, High Lonesome, wirken mit einer Länge von jeweils „nur“ dreieinhalb Minuten, der durchschnittlichen Länge eines Popsongs, in all diesem Wust aus Überlängezuschlagstücken fast schon wie nicht viel mehr als Interludes.

Zumindest High Lonesome wirkt in seiner minimalen Gestaltung als eine Art Übergangsstück, das die zwei Hälften des Albums voneinander trennt. Denn jetzt wird der ganze Elektrokrams erstmal abgeschaltet und bewiesen, dass auch ohne Drumcomputer und Vocoder noch guter, abwechslungsreicher Postrock möglich ist. Und natürlich ist er das. Das beweist Hickory ’54 direkt einmal konsequent und wartet dabei auch mit – so will ich sie mal nennen – typischen Caspian-Momenten auf. Hört euch den Song an und ihr wisst, was ich meine.

An dieser Stelle sei bei allem „typisch Caspian“-Gerede auch mal ein klitzekleines Bisschen Kritik erlaubt: Das einzige, was mich an diesem Album stört, ist, dass immer ein wenig zu früh der Stecker gezogen wird, dass Songs immer ein kleinwenig zu früh enden, wo ein neuer Part sicher nicht schlecht ausgesehen hätte. Das scheint aber der neueste Postrocktrend zu sein – wie ich das finde, weiß ich nicht, ich hab nix gegen Climax, großes Finale und fette Gitarrenwäand und Doublebass und allem anderen klischeebeladenen Kram. Das findet sich nun hier gar nicht – die Steigerung ist manchmal das Ziel, wie auch auf dem letzten Mono-Album. Ob diese Gemeinsamkeit nun daran liegt, dass Caspian auf Waking Season mit Matt Bayles, der unter anderem bei Scheiben von Pearl Jam, Soundgarden, aber auch Isis, Botch, Mastodon, Russian Circles und eben Mono verantwortlich zeichnete, zusammengearbeitet haben, sei mal dahingestellt. Manchmal ist aber weniger auch mehr und das tut dem Genuss des Albums, das sonst wirklich fast ohne Ausnahme grandios ist, keinen Abbruch.

Noch drei Songs verbleiben nun jedenfalls auf diesem bisher wirklich großartigen Album. Long The Desert Mile ist da vermutlich der Song, über den am wenigsten Worte zu verlieren sind. Hier wird schnörkelloser Postrock auf gewohnt hohem Niveau ausgeführt. Collider In Blue („Hey, schon wieder ein Interlude!“) bringt dagegen kurz die Vocal-whatever-Samples zurück und hätte als abrundendes Outro für ein fast perfektes Album dienen können – wenn da nicht noch der letzte Track, Fire Made Flesh, wäre. Erneut Elektrobeats, Synthesizer und Vocalsamples am Anfang. Erneut dann ein richtiges Schlagzeug mit richtigen Gitarren. Und mit „richtig“ meine ich „richtig richtig“. Es soll nicht zuviel verraten werden, aber: Heiligemuttergottes, das Ende.

Vorhang. Applaus. Ganz großes Kino. Der Postrock-Oscar geht an Caspian.



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