Das war 2013 – Rückblick der Autoren: Sibylle Bölling

Top 10 Alben und EPs

1. Year Of No Light – Vampyr

Der Winter ist vorbei und dann zieht dieser Brocken über einen her und verspricht ewige Dusternis. YONL versuchen sich an einem Soundtrack zu Dreyers Schwarzweiß-Epos aus dem Jahr 1932, der einen ungeheuren surrealen Sog hat. Zur Untermalung dieses fast stummen Vampir-Dramas verwendet man dann nicht den üblichen Postmetal Sound der Band, sondern wählt flächige, dronige Sounds, die der latenten Bedrohlichkeit des Filmes noch mehr Eindringlichkeit verleihen. Aber auch wenn Sound und Film jeweils für sich schon ein Meisterwerk ist, gehört beides zusammen, weil es sich gegenseitig noch einmal hebt und in andere Sphären bringt.

 

2. Natural Snow Buildings – The Snowbringer Cult

Eigentlich hatte ich meine Top 10 schon fertig und dann flattert mir dieses wahnsinnige Ding ins Haus, was ursprünglich 2008 als Teil einer Doppel-CD erschienen ist, die erste CD mit Soloprojekten der beiden Bandmitglieder, die CD2 eben der Snowbringer Cult. Zählt aber trotzdem als 2013er Neuerscheinung, weil so ein Werk erst für sich alleine stehend richtig zur Geltung kommt. Psychedelisches Gewaber, verträumter Neofolk, Drone, wundervolle Melodien und teilweise alles auf einmal. Wem die Alben von Master Musicians of Bukkake noch zu sehr im Hier und Jetzt verwurzelt sind, der lasse sich von dieser Scheibe hypnotisieren.

 

3. Troum – Mare Morphosis

Lieblingsband, neue Platte, immer ein heißer Toplistenkandidat. Nummer 3 der Power Romantics Trilogie kann nicht ganz an den Vorgänger Grote Mandrenke anknüpfen, aber was die beiden Bremer Jungs da mit schöner Regelmäßigkeit aus dem Hut zaubern, kloppt einen trotzdem jedesmal wieder aus den Schuhen. Troumhafte Drones zu teils seltsamen Rhythmen, die vom Hörer kaum zu bewältigen sind.

 

4. Oiseaux-Tempête – Oiseaux-Tempête

Auch noch ziemlich kurzfristig reingerutscht ist dieses Album eines Projektes aus dem FareWell Poetry Umfeld, diesmal aber ohne Texterin und Sängerin Jane Amara Ross. Und trotzdem gibts hier wieder Postrock der poetischen Sorte. Songstrukturen lösen sich auf, es wird mit allem musiziert, was der Musikerhaushalt so hergibt, oft fühlt man sich an Godspeed! You Black Emperor erinnert.

 

5. Dale Cooper Quartet & The Dictaphones – Quatorze Pièces De Menace

Ihre Darkjazz Elemente behalten sie bei und ergänzen ihr Klangspektrum auf dem neuen Album noch um Dark Ambient und Industrial Elemente. Das ganze klingt noch deeper als die beiden Vorgänger, aber ohne bedrohlich zu wirken. Auch dafür verantwortlich sind die Vocals der zauberhaften Alicia Merz (Birds Of Passage).

 

6. Philippe Lamy – Entre deux

Jean Marc vom Label Pariser Label taâlem ist ein Trüffelschwein. Jedes Jahr zählen seine Mini-CDrs zu den besten Releases des Jahres. Ausführliche Kritik zu Entre deux gibts hier.

 

7a. Jannick Schou – Eldey

7b. Jannick Schou – Fasjil

Ja okay, das ist gepfuscht, zwei EPs in einem. Im gleichen Schub wie Monsieur Lamys Werk auf taâlem veröffentlicht (und im gleichen Artikel besprochen), war Eldey mein Einstieg in die Drone-Kompositionen des in Århus, Dänemark ansässigen Musikers, der dort elektronische Musik studiert hat. Wo Eldey duster, verhallt und flächig wirkt, dabei aber trotzdem wunderschön wie eine Naturgewalt ist, ist Fasjil mit einigen dezenten monotonen Rhythmen ausgestattet, die der EP eine gänzlich andere Note geben. Zusammen schaffen es beide EPs dann in die Top 10.

 

8. Year Of No Light – Tocsin

Wie hoch können Erwartungen sein? Nach Ausserwelt, Live in Roadburn 2008 und dem 2013er Primus Vampyr, war es kaum noch möglich, dem Sound der Franzosen etwas Neues abzugewinnen und noch eins draufzusetzen. Ersteres haben sie dann aber doch geschafft und an letzterem sind sie nur knapp gescheitert. Vielleicht hat Tocsin nicht ganz die großen Hits wie Ausserwelt, aber das Album ist dafür durchgängig spannend, was bei Ausserwelt nicht so ganz hundertprozentig der Fall war.

 

9. Witxes – A Fabric O Beliefs

Selten war ein Musikjahr so von Franzosen dominiert wie 2013. Sieben von zehn Releases der Top 10 wurden von Künstlern aus unserem westlichen Nachbarland aufgenommen, so auch A Fabric Of Beliefs. Ambientalben aus dem Hause Denovali halten sich in der Regel in einem eng umrissenen Klangraum auf. Irgendwie ähneln sich die meisten Sachen dann doch. Witxes schafft es, den Raum zu durchbrechen, scheinbar Zusammenhangloses in einen Kontext zu bringen, so daß man nicht einmal mehr merkt, was für einen Parforceritt durch die unterschiedlichsten Genres man nach dem Hören dieses Albums gerade hinter sich gebracht hat.

 

10. Aidan Baker & A-Sun Amissa – Scarpe Sensée

Eine Jahresliste ohne Aidan Baker? Fast nicht mehr möglich. Mit einem Affenzahn haut der gute Mann solo oder als Nadja, Arc oder sonst was neue Musik raus, ohne daß man mal durchatmen kann. Und immer wieder sind Perlen dabei wie diese Kollaboration mit dem Projekt vom Gizeh Records Macher Richard Knox. Erschienen auf dem Doom-Netlabel drowning.cc, aufgenommen in (natürlich mal wieder) Frankreich, trifft hier die kleinteilige Zerbrechlichkeit des typischen Gizeh Sounds auf das relaxte Gitarrenmäandern des Oberdroners aus Kanada und es entsteht eine besondere Magie. Nach dem gut 20minütigen Onetracker fühlt man sich irgendwie verhext, ohne daß man den Eindruck hat, daß überhaupt etwas passiert ist. Möge Herr Baker in der Wahl seiner Kollaborationspartner auch weiter so ein glückliches Händchen haben.

 

Bester Rocksong des Jahres: Generation Of Vipers – Ritual

Eigentlich schon von 2011, aber dieses Jahr in hiesigen Gefilden neu veröffentlicht. Zählt also noch. Tribalgetrommel und Dampfwalzensound ala Neurosis. Und wenn man das dann live sieht, staunt man, daß das nur 3 Leute sein sollen? Irrsinnig fetter Sound.

 

Releases mit der anrührendsten Geschichte des Jahres: Thursday Bloom: die 7 EPs auf Bandcamp

Ein bisher unbekannter australischer Musiker beteiligt sich an einer Aktion von 12eps.com, ein Jahr lang jeden Monat eine EP auf der Seite zu veröffentlichen. Die ersten beiden EPs erscheinen, sind von einer zarten zerbrechlichen Schönheit. Dann der Bruch: die dritte EP ist auf einmal ein depressives Monster, immer noch wunderschön, aber an Beklemmung kaum  zu toppen. Nr. 4 bleibt ähnlich. In der Folge experimentiert er etwas an seinem Stil rum, erreicht aber nicht mehr ganz die herausragende Qualität. Wir erfahren, daß der gute Mann an schlimmen Depressionen leidet. Die Arbeit an den EPs wird immer mehr zur Belastung, aber er macht weiter und stellt die Musik über seine Gesundheit. Irgendwann begeht er einen Selbstmordversuch, wird in einer Klinik aufgenommen und macht danach trotzdem weiter. So lange, bis es nicht mehr geht und er in einem Statement auf Facebook  den Schlußstrich zieht. Im November greifen die Kollegen von acloserlisten.com die Geschichte auf und machen sich berechtigte Sorge, da seit dem Facebook Statement niemand mehr etwas von Thursday Bloom gehört hat. Glücklicherweise erhalten sie die Nachricht von einer dritten Person, daß Thursday Bloom noch lebt und auf einem guten, aber schwierigen Weg der Besserung ist. Was bleibt ist die emotionalste Geschichte des Jahres und ein musikalisches Monument, was eindrucksvoll den Kampf gegen eine psychische Erkrankung bzw. das Leben mit ihr dokumentiert und so wie eine Art Tagebuch wirkt.
http://thursdaybloom.bandcamp.com/album/monolith

 

Bestes Album des Jahres, Kategorie moderne Klassik: Daníel Bjarnason – Over Light Earth

Dagegen wirken die Nils Frahms dieser Welt wie stümperhafte Kleinkünstler. Orchestrales gezielt mit etwas Elektronik betupft, Einflüsse von Arvo Pärt sind auch hörbar. Großes Kino und noch eine deutliche Steigerung zum hochgelobten 2010er Album Processions.

 

Unbedingt erwähnenswertes Album, für das es keine Kategorie gibt und was auch nicht 2013 erschienen ist: Artuan de Lierrée – La Grande Conserverie

Glockenspiel als Hauptinstrument einer Rockband? Klingt ziemlich verrückt und ist es auch. Gutgelaunt ist es und irgendwie mathrockig. Seltsamstes Album der letzten Jahre. Und natürlich wieder mal Franzosen.

 

Überraschendste Gänsehaut des Jahres: Zinnschauer live @ Midsummer Open Air, Halver, 17.08.2013

Erste Amtshandlung für PiN war der Besuch beim Midsummer Open Air. Normalerweise sind Singer/Songwriter ein rotes Tuch für mich. Zu Zinnschauer bittet mich Cheffe Marc mit vor die Bühne, weil Jakob aka Zinnschauer angeblich so ein Guter ist. Etwas genervt (ein Klampfenheini!) geh ich mal mit, man kann sich ja immer noch unauffällig absetzen. Aber was dann passiert, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Hingabe wirkt nicht aufgesetzt, die Lyrik wirkt nicht wie aus dem Songwriterfloskellexikon abgeschrieben, die Songstrukturen haben nix mit Lagerfeuerromantik zu tun, wieso es eine Split mit The Hirsch Effekt gibt, wird sehr schnell klar. Der Mann ist ne emotionale Urgewalt, zieht die viel zu wenigen aufmerksam zuhörenden Zuschauer geradezu physisch an wie ein Magnet oder eine Art Rattenfänger. Daß so ein kleiner Mann mit so einem langweiligen Instrument mich so umblasen kann, hätte ich niemals für möglich gehalten.

 

Festival des Jahres: Moving Noises, Christuskirche, Bochum, 16.11.2013

Stimmung, Akustik, Acts, Location, Publikum, alles perfekt, nur absolut unterbesucht. Siehe Bericht.

 

Bestes Konzert des Jahres: Fabio Orsi @ Moving Noises Festival

Ragte aus dem grandiosen Lineup noch einmal heraus. Ansonsten s.o.

 

Ohrwurm des Jahres: Leitkegel – Bauwagenplatzromantik

Hipster Hardcore ist eigentlich so gar nicht meine Baustelle. Dann spielen die sympathischen Jungs aus Essen den Refrain gefühlte 10mal zum Soundcheck auf dem Midsummer Open Air und als der Song dann regulär während des Programms kommt, kann ich mitsingen: „Pack die Neurosen ein und geh, du bist hier nicht so gern gesehn.“ Das hätte ich gerne als T-Shirt.

 

Bester Text und Gutelaunesong des Jahres: Diametral – Arbeit ist Arbeit

Der Rückblick war schon fertig geschrieben, da kommt kurz vor knapp noch dieser zum schreien komische Song (auf den zweiten Blick hat er aber einen doch eher ernsten Hintergrund) ins Haus geflattert. Mit im Wohnzimmer produzierten Super-Lofi Sounds im Schunkelstyle und mit Dirk-von-Lowtzow-ähnlicher Stimme und Olli-Schulz-Schnoddrigkeit könnte das die Hymne aller depressiven Prokrastinierer werden. Ich hab auf jeden Fall meinen Sommerhit gefunden und das am 4. Advent. Textbeispiel gefällig?

Denken ist Arbeit

Nicht zu Denken ist Arbeit

Lachen ist Arbeit

Weinen ist Arbeit

Fühlen ist Arbeit

Frühling ist Arbeit

Sommer ist Arbeit

Herbst ist noch viel mehr Arbeit

Im Winter kommt man fast um vor Arbeit

Dabei umkommen ist Arbeit

 

Und nun zu den etwas unerfreulicheren Sachen: Ruhet sanft…

Akifumi Nakajima (Aube) † 25.9.2013

Zbigniew Karkowski † 12.12.2013

Neben Merzbow wahrscheinlich DIE beiden Ikonen der Noise-Szene versterben binnen weniger Monate. Der Tod ist ein hinterhältiges Arschloch!

 

Hype des Jahres: My Bloody Valentine – m b v

Anfang des Jahres auf einmal die Sensation, mit der keiner mehr gerechnet hatte. My Bloody Valentine bringen ein neues Album heraus. Auch in nicht musikbezogenen Medien hört man davon. Eigentlich fehlte nur noch der ARD Brennpunkt nach der Tagesschau. Was dann am Ende musikalisch dabei herauskommt, ist leider nur mittelmäßig und lässt mein großes Shoegazer-Herz nicht gerade höher schlagen.

 

Enttäuschung des Jahres: Rosetta -The Anaesthete

Das ist beileibe keine schlechte Platte, außerdem ist der Band hoch anzurechnen, wie konsequent sie mit der Veröffentlichung den DIY Gedanken umgesetzt haben. Eine Erstveröffentlichung als „name your price“ Release (also quasi gratis, wenn man will) auf Bandcamp, um damit die Kosten für die Vinylherstellung vorzufinanzieren, das ist bei Bands dieser Kategorie schon mehr als ungewöhnlich. Trotzdem ist das Album musikalisch nur Durchschnittsware. Wer mit The Galilean Satellites eines der besten Alben der Geschichte des derberen Postirgendwas auf seinem Kerbholz hat, der sollte mehr als dieses halbgare Etwas zustande bringen.

 

Schlechteste Platte des Jahres: Arcade Fire – Reflektor

Nicht nur die schlechteste Platte des Jahres, sondern nach Dredgs letztem Machwerk Chuckles and Mr.Squeezy das schlimmste Album, das mir seitdem zu Ohren gekommen ist. Das unendliche Pathos der Band und die Aufschneiderei von Herrn Butler hat mich schon immer angekotzt, aber das neue Album ist ne Beleidigung für jede empfindsame Seele. Ein einziger musikalischer Witz, aber komplett ohne Pointe. Bitte ganz dringend die Band auflösen und nie wieder Musik machen oder zusammen mit Dredg die Milchstraße betouren. Da lässt sich das mit der Anzugpflicht auch prima umsetzen.



1 Kommentar zu diesem EintragKommentar schreiben
  1. great piece with good music…

    keep up the good work!

    cheers,

    hans

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