Auf Wiedersehen Spaceboy!

Erster Gedanke: „David Bowie ist tot? Kann nicht sein. Das ist bestimmt nur ein Gerücht.“Zweiter Gedanke: „Vor ein paar Tagen Lemmy, und jetzt Bowie. Geht die Welt unter?“


The first duty in life is to be as artificial as possible. What the second duty is no one has as yet discovered. (Oscar Wilde)

Der Blick ins Internet bestätigt: einer der letzten Superstars ist von uns gegangen. Nach und nach ist auf allen wichtigen Nachrichtenseiten zu lesen, dass der neunundsechzigjährige Sänger nur wenige Tage nach dem Erscheinen seines neuen Albums „Blackstar“ in New York an Krebs verstorben ist. Er wußte schon länger Bescheid, seine Familie ebenso, ansonsten wurde es geheim gehalten. Es folgt die Bitte, die Privatsphäre der Familie zu respektieren.

So unterschiedlich Lemmy und Bowie in ihrer Musik, ihrem Auftreten und ihrer Entwicklung sind, sie haben eine Gemeinsamkeit: beide sind in gewisser Weise Punks, auch wenn ihre Musik kein Punkrock ist.

Walking on Memory Lane once again: auf einen Smalltown Boy wie ich nun mal einer war wirkte David Bowie nicht nur wie ein Paradiesvogel, er repräsentierte in jenen Zeiten das Paradies namens Berlin. Im Gegensatz zum gleichnamigen christlichen Mythos ist Berlin real, auch wenn es damals unendlich weit weg erschien und zudem noch hinter Grenzstreifen und Mauern lag.

David Bowie war überhaupt nicht einzuordnen, weil es niemanden wie ihn gab. Er spielte zwar rockige Musik, rückte die Stromgitarre dabei aber in ein neues Licht: nicht mehr breitbeiniges Macker-Muckertum, sondern Glamour und Ambivalenz mit einem gehörigen Schuß Provokation standen im Mittelpunkt. Welche Wirkung das wohl hatte, ist besonders gut in dem „Top of the Pops“-Video von „Starman“ aus dem Jahr 1972 zu sehen: Bowie sieht knallbunt aus, seine Band ebenfalls, teilweise tragen die Jungs Frauenklamotten, während im Hintergrund sehr, wirklich SEHR brav aussehende Teenager in Hemden und teilweise in kratzig aussehenden Pullovern zaghafte frühe Tanzversuche wagen. Ob Mutti sich derweil zu Hause die Haare raufte?

Bei einem anderen in diesen Zeiten stattfindenden TV-Auftritt in UK sagte der Sprecher, ein seriös wirkender älterer Herr: „David Bowie arrived in glamorous clothes and perfectly-applied makeup, and I thought he’d arrived all ready to sing. But just before he was due to go on, he disappeared to change, and reemerged looking even MORE glamorous.”

Dies ist für manche Leute die wichtigste Phase in Bowie’s Karriere, denn er hat – nicht nur, aber auch mit „Ziggy Stardust“ eine Kunstfigur geschaffen, die Gedanken und Diskussionen zu sexuellen Identitäten anschob. Durch seine Aussagen, bisexuell oder schwul zu sein, war er ein frühes Role Model für Queerness. Das Wort „queer“ gab es zwar schon, wurde aber meist als „seltsam“ benutzt, was natürlich auf Bowie so oder so zutraf. Spätere Bands wie SUEDE, PLACEBO, aber auch Marilyn Manson in der „Mechanical Animals“-Zeit, sind nicht nur von der Musik sondern auch von Auftreten und Attitüde eines David Bowie geprägt.

Nach den eher ruhigen und folkigen Anfangs-Tagen und der Glam-Phase von „Ziggy Stardust“ erfand Bowie sich schon wieder neu: er reiste nach Amerika und beschäftigte sich mit schwarzem Soul. Der Ex- Paradiesvogel sah jetzt aus wie ein Gentleman im Anzug. Mutti war beruhigt: „Jetzt ist er normal geworden!“
Das war falsch gedacht: Bowie lebte sowieso nie solche Kategorien, er hatte lediglich eine neue Stufe der Transformation erreicht.

Kurz darauf folgten die Berlin-Jahre mit einer wegweisenden Album-Trilogie: „Heroes“, „Low“ und „Lodger“ – in Zusammenarbeit mit Brian Eno und Tony Visconti, aufgenommen in den legendären Hansa-Studios, die es heute noch gibt. Vor ungefähr drei Jahren hatte ich das große Vergnügen, einen Auftritt von RECOIL hier zu erleben. Der Kopf dieser Band, Alan Wilder, war viele Jahre bei DEPECHE MODE, und diese hatten – neben Künstlern wie Bowie, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, R.E.M., DIE ÄRZTE, NICK CAVE & THE BAD SEEDS und ERASURE – hier so gut wie immer charakterstarke Alben aufgenommen.

Das Studio war zu Mauerzeiten direkt neben ebendieser und somit im Niemandsland. Die düster-graue und eingezäunte Stadt hatte natürlich – zumindest auf die von „aussen“ zugereisten Künstler – großen Einfluß auf die entstehende Musik. Das damals auch schon wilde Nachtleben tat sein übriges. Bowie hing im Café „Anderes Ufer“ (nomen es omen) ab, welches sich gleich gegenüber seiner Wohnung in der Hauptstrasse befand und war ziemlich dicke mit Iggy Pop sowie Romy Haag befreundet.

Die Hauptstrasse führt in ihrer Verlängerug über die Potsdamer Strasse fast direkt zum Hansa-Studio. Seit dem Tod von Bowie gibt es Bestrebungen, die Hauptstrasse in David-Bowie-Strasse umzubenennen.

David Bowie

Im ersten Moment wirkt die Idee etwas bizarr, das David Bowie unter Anderem zum Drogenentzug ausgerechnet nach Berlin kam. Zu jenen Zeiten war die Stadt bekannt wegen Christiane F. und galt als gefährliches Drogen-Mekka, in dem Wehrdienstflüchtige, Künstler und Aussteiger gleich reihenweise „untergingen“. So mutmasste es jedenfalls die westdeutsche Provinz.

Bowie sah für sich in Bezug auf Berlin aber keine Gefahr, denn er hatte in dem Fall die….ähm….Nase vorn, da er weit vor der Yuppie-Glorifizierung von Kokain mit dem Zeug am Start und auch zu Ende war. Laut Eigenaussage brachte er überhaupt kein Interesse für das in Berlin „angesagte“ Heroin auf.

Vor allem das Avantgarde-Album „Low“ (der Titel bezieht sich angeblich auf Bowie’s Laune im grauen Entzugs-Berlin) ist ein Meilenstein der Popkultur, wo sich Instrumental-Tracks und Song-Fragmente die Hand reichen, produziert von Tony Visconti unter Mitarbeit von Brian Eno. Inspiration gab es durch Visconti’s vierjährigen Sohn, dessen Klaviergeklimpere im Studio einen ungeahnten Einfluss ausüben sollte. Nicht zuletzt wird „Low“ geadelt durch den Umstand, das Neoklassiker Philip Glass dessen Wirkung auf seine eigene Musik thematisierte.

Wirklich anders als die Berliner Jahre war David Bowie’s Leben wenige Jahre darauf in London nicht, lediglich die Orte und das Personalkarussell hatten sich verändert. Bowie war jetzt mit Steve Strange und dessen New Romantic-Freunden unterwegs, natürlich auch in Strange’s Nachtclub „Anvil“. Das schlug sich deutlich auf David’s Platte „Scary Monsters“ nieder. Oder hat die New Romantic Bewegung sich von „Scary Monsters“ und Bowie als Überdrüber-Persönlichkeit beeinflussen lassen?

Genau wie Berlin bedeutete London eine gegenseitige Bereicherung zwischen Stadt, Setting und Künstler.
Im Gegensatz zu den damaligen One-Hit-Wondern oder Projekten die es (manchmal traurigerweise, das lässt sich nicht anders sagen) nur für ein oder zwei Alben gegeben hat, blieb David Bowie weiterhin aktuell und setzte Trends. Mit seinem…sagen wir mal faustschen Pakt „Let’s dance“ gelang Bowie ein Quantensprung in puncto Berühmtheit. MTV war jetzt angesagt, und die drei ausgekoppelten Singles nebst Videos passten wunderbar in die neue Zeit. David Bowie konnte alte Fans behalten und eine Menge neue und junge Hörer dazu gewinnen. Danach kamen ein paar Jahre, in denen Bowie weiter bekannt und relativ erfolgreich war, aber nicht mehr unbedingt als Trendsetter galt. Zu nennen sind hier die beiden Alben von TIN MACHINE sowie drei Solo-Alben.

Mitte der Neunziger wurde es dann wieder interessant: mit „Outside“ fand eine erneute Zusammenarbeit mit Brian Eno statt – sowie mit den Pet Shop Boys, die einen Mix zur Single „Hallo Spaceboy“ beisteuerten. Zwei alte und neue Bowie Themen sind hier vereint: das Weltall sowie eine ambivalente sexuelle Identität. Eno und Bowie erinnerten sich an das frühere Trilogie-Erfolgsrezept und gingen nicht mit fertigen Songs ins Studio, sondern triggerten Ideen und verteilten Karten mit für den Tag anzunehmende Identitäten an die Musiker. Damit sollte etwas Eigenständiges und nicht im voraus geplantes auf der Platte zu hören sein.

Mit „Earthling“ provozierte David Bowie auch Die-Hard-Fans, denn hier war wirklich neuartige und damit wieder mal aufregende Musik zu hören: Drum’n Bass war der Sound der Stunde, wobei Bowie dieses Mal bereits Bestehendes analysierte und in seinen…nun ja…Kosmos aufnahm. Eine der Singles ist „I’m afraid of Americans“, welches in Zusammenarbeit mit Eno aus der Zeit von „Outside“ stammt. Auch NINE INCH NAILS-Kopf Trent Reznor arbeitete mit und ist im düster-schönen Video zu sehen.

Zwischen 1999 und 2003 kamen weitere drei Bowie-Alben heraus, doch insgesamt wirkte es etwas ruhiger um den großen Musiker. Die Welt drehte sich dank Internet und Multimedia-Zirkus immer schneller und wilder. Auch für ein Talent wie Bowie war es schwierig, Neuerfindungen umzusetzen. „The Hours“, „Heathen“ und „Reality“ sind gute Alben und haben allesamt starke Momente, aber bahnbrechende Innovation wie in frühen Jahren waren nicht auszumachen. Zudem war Provokation nicht mehr einfach und vielleicht auch uninteressant, da sie sich neben Ironie in allen Teilen der Gesellschaft breitgemacht hatte und nichts Besonderes mehr bedeutete.

David Bowie nahm eine Auszeit von zehn Jahren und zeigte ab und an Präsenz in Filmen, musikalischen Gastauftritten und gesellschaftlichen Happenings.

Dann der Knaller zu Bowie’s sechsundsechzigtem Geburtag Anfang 2013: neues Album, neue Single „Where are we now?“ ganz großartig und bezogen auf seine Berlin-Jahre – und wieder von Tony Visconti produziert.

Eine Wanderausstellung machte 2014 im Berliner Martin Gropius Bau halt: Bowie’s Lebenswerk in Bildern, Videos, Filmen, Kleidung….der Künstler hatte den Kuratoren viele Dinge aus seinem Fundus überlassen und anscheinend gesagt: „Macht damit was ihr wollt“. In einem der besten Berliner Museen (und vor allem in einem der schönsten Gebäude dieser Stadt) wurde die Ausstellung extrem erfolgreich. Auch nach der Verlängerung war es notwendig, sich online Tickets zu reservieren, da der Andrang riesig war. Die sehr interessante Ausstellung war ein modernes Multi-Media-Ereignis und fügte sich gut in die ehrwürdige Umgebung ein. Hie und da gab es Gerüchte, David Bowie sei mit seiner Familie vor Ort gewesen und habe Fotos vor den Exponaten gemacht.

Where are we now?
Kurz nach dem Tod von David Bowie wirkt das gerade erschienene Album „Blackstar“ etwas anders als in den ersten Tagen. Es erscheint bedeutungsvoll, da Bowie nicht nur so gut wie alle seine Schaffensphasen musikalisch vereint, sondern er hat seinen Fans ein Vermächtnis geschenkt, da die Texte offensichtlich von seinem Gesundheitszustand und einem möglichen Ableben geprägt sind. Vielleicht dachte er sich: „Wenn Schostakowitsch einen Schwanengesang komponierte, dann kann ich das ja wohl auch.“

Ich hatte das Glück David Bowie’s letztes Live-Konzert zu erleben: im Jahr 2004 auf dem Hurricane-Festival. Schon im Vorfeld gab es Gerüchte, er würde eventuell nicht auftreten. Trotz tollen Konzerten von MCLUSKY, PJ Harvey, PIXIES und THE CURE ist die Erinnerung an den „Reality“-Gig von David Bowie am lebendigsten und am nächsten: die Freude über sein dann-doch-Erscheinen war außerordentlich, und er spielte ein fantastisches Greatest-Hits-Konzert. Er verströmte sogar in der ihm gereichten nicht ganz bowie-esquen Trekking-Jacke Glamour und Style. Danach wurde er ins Krankenhaus geflogen: ein Herzinfarkt wurde diagnostiziert. Danach gab er nie wieder ein Konzert. Dieser Abend hatte schon in jenem Augenblick einen relativ hohen Stellenwert in meinem Leben, der danach noch wuchs und durch das plötzliche und überraschende Ableben Bowies beinahe surreal wirkt.

Während dem Schreiben des Textes schickte ich auf diversen Kanälen eine Bitte an Freunde und Bekannte, die ersten drei Wörter zu nennen, die ihnen zu David Bowie einfallen. Das Ergebnis ist interessant. Gewonnen haben:

„Berlin“ mit neun Nennungen und „Drogen“ sowie „Queer“ mit jeweils drei Erwähnungen. Zweimal genannt wurden: „Androgyn“, „Christiane F.“, „Glam“ und „Kunst“.

Weitere Einfälle: Pop, Star, One Day Heroes, Lebende Legende, Superfrise, Schlaghosen, Gänsehaut, Paradiesvogel, Thursdays Child, Extravaganz, Genie, Interstellar, Identitätsheld, Heroin, Nicht von dieser Welt, Unterschiedliche Augenfarbe, Tilda, Alien, Wandelbar, Experimentierfreude, Pionier, Ambivalenz, Superhero, Sexy, Größe, Tod, Bunt, Hysterie, Provokation.

Interessant: „Rebel Yell“. Dabei handelt es sich zwar um einen blondierten Künstler mit einer Hoch-Zeit in den Achtzigern und schönen Gefühlen gegenüber Damen wie auch Herren – aber David Bowie ist es in dem Fall nicht.
Bizarr: „Sex mit Michael Jackson auf dem Wohnzimmertisch“. Für diese nicht unbekannte Geschichte gibt es keinen Beleg.

Schön, auch wenn es mehr als drei Wörter sind: „A part of Britain has died“.

Am Schluss ein Zitat von Produzent Tony Visconti via BBC News:

He always did what he wanted to do. And he wanted to do it his way and he wanted to do it the best way. His death was no different from his life – a work of Art. He made Blackstar for us, his parting gift…..He will always be with us. For now, it is appropriate to cry.

Wenn ich David Bowie etwas mitteilen könnte oder dürfte, wäre das etwas, das wahrscheinlich viele Fans sagen würden:

Du hast dazu beigetragen, daß aus mir die Person wurde die ich bin.

Dankeschön und Winken.

Fotos: Frank Socher

David Bowie

bowie 01

David Bowie



1 Kommentar zu diesem EintragKommentar schreiben
  1. Hallo Nico!
    Glückwunsch zu diesem ausführlichen Nachruf. Wunderbar zu lesen, unterhaltsam und innovativ. Besondere Erwähnung hat deine persönliche Geschichte zum Hurricane Gig verdient. Jetzt nach seinem Tod wirkt wirklich vieles surreal!
    Danke
    Sandro

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