Cargo-Vinylaktion

In Finnland herrscht im Winter für gewöhnlich tendenziell bedrückende Dunkelheit. Eher ambivalent verhält sich dazu die Musik von Delay Trees, denn der Dreampop auf „Readymade“ ist zwar nicht frei von Melancholie, es blitzen jedoch immer wieder Schimmer von Optimismus auf.

Die lang erwartete dritte LP des finnischen Quartetts gibt es bereits seit drei Monaten kostenlos im Stream zu hören. Während es beim Vorgänger „Dozen“ noch eher entrückt und verträumt zuging, hat man bei „Readymade“ den Eindruck, die Songs bewegen sich etwas straighter auf einen Punkt zu. Weniger post-rockige Klangwände, mehr Indie – was aber nicht schlecht sein muss.

Delay Trees bleiben sich auf ihre eigene Weise treu und definieren ihren Sound trotzdem neu. Die typischen Zutaten aus traumwandlerischer Stimmung, zugänglichen Harmonien und extrem catchy Hooks finden sich auch auf ihrem neuen Album. Dass die Band ein wirklich außergewöhnliches Talent für Songwriting besitzt, wird hier einmal mehr unter Beweis gestellt.

Nach dem Intro zieht „Fireworks“ den Hörer mühelos durch Wechsel von melancholischer Strophe und nach vorne gehendem Ohrwurm-Refrain in den Bann. Ein großartiger Einstieg, der vom nachfolgenden „Steady“ gar noch getoppt wird. Hier trifft eine minimalistische, treibende Rhythmusgruppe à la Dandy Warhols auf einen zerbrechlich und sphärisch wirkenden Gesang, der über dem Song zu schweben scheint.

In den beiden nachfolgenden Songs „Sister“ und „Woods“ werden ruhigere Töne angeschlagen, die genauso überzeugen.

Obwohl das harmonische Material, auf das Delay Trees zurückgreifen, nicht gerade eigenständig ist, klingen die Songs nie abgegriffen. Es gelingt das Kunststück, die Musik gleichzeitig vertraut und trotzdem frisch klingen zu lassen, der berüchtigte Abnutzungseffekt bleibt dabei aber aus. Poppig, aber alles andere als trivial.

Die vergleichsweise lauten Klänge der vorab veröffentlichten Single „Perfect Heartache“ lassen wieder aufhorchen. Noch ein Chorus, der fürs Radio prädestiniert scheint. „The Howl“ versprüht Cure-Vibes, fällt jedoch qualitativ im Vergleich zum Rest etwas ab. Die treibende Steigerung zum Ende hin reißt es dann jedoch wieder heraus. Hier wird zur Abwechslung mal etwas mehr Verzerrung und Wucht eingesetzt, was den vier Bäumen gut zu Gesicht steht.

„Big Sleep“ und das siebenminütige „Atlas“ scheinen sich wieder etwas mehr zu entziehen und weniger greifbar zu sein. Letzterer Song ist dreigeteilt und wird in vergleichsweise epischer Breite ausgekostet, ist aber auch eher postrockig angelegt. Das ruhige Ambient-Outro bildet mit dem dem Album vorangestellten Intro eine musikalische Klammer.

Delay Trees legen mit ihrer dritten Veröffentlichung ein rundum gelungenes Album vor, das vor allem durch die eingängige Machart der Songs besticht. Sie verorten sich mit ihrem Sound erneut zwischen Indie-Gitarren und verträumten Vocals, diesmal aber noch mehr auf der songorientierten Seite.

Möglicherweise würden sich noch ein paar mehr energetische Ausbrüche, wie sie bisher nur an vereinzelten Stellen zu finden sind, gut machen. Die Produktion inszeniert die Musik angemessen und verleiht ihr das entsprechende Retro-Gewand. Von dieser Band werden wir hoffentlich noch viel hören.

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