DIIV – Is The Is Are

Captured Tracks www.diiv.net

Alles fließt. Alles fühlt sich selbstverständlich an. Wie eine Welle nach der anderen. Kristallklare Gitarren, ein beharrender Bass und der dunstige, hallende Gesang. „Is The Is Are“, das zweite Album von DIIV, hört sich einfach gut an – aber auch gewohnt. Es erfüllt die Erwartungen an die Band aus Brooklyn und seinen Dream-Pop. Fast „über-erfüllt“ sie, denn 17 Tracks sind eine gewisse Menge, die etwa reduziert hätte werden können.

Der ungewöhnliche Titel „Is The Is Are“ stammt aus einem Gedicht des Künstlers, der das Cover entworfen hat. Er schrieb für Zachary Cole-Smith 50 Gedichte voller Nonsens. Die vier Worte des Albumtitels waren seine Favoriten. Doch trotz dieses Nonsens-Titels ist die LP keineswegs spielerisch. Im Gegenteil: Smith öffnet sich hier mehr als im Debüt-Album „Oshin“. Die Lyrics sind persönlicher und intimer geworden, der Gesang präsenter und deutlicher. Es ist eine Stimme wie Zuckerwatte- süß, sanft aber auch sehr nostalgisch, die an Vergangenes erinnert.

Und so ist dieses Album. Licht, sogar Euphorie vereint mit Trauer und Melancholie. Schatten ruft der Opener „Out of Mind“ hervor. Der Song ist mitreißend, man erkennt gleich den Sound von DIIV. Und man merkt auch, wie dieser punktierter ist. Das kompakte, fast undurchdringliche Wummern von „Oshin“ ist nun zu einem reiferen Sound aus deutlichen, harmonierenden Klangschichten geworden. „Out of Mind“ klingt wie ein Kinderlied, doch es verbirgt sich hier eine tiefe Melancholie, wenn man gut hinhört: „The world was mine, but I’m too blind“. Genauso wie in „Ben (Roi’s Song)“, einem der schönsten Tracks des Albums. Hier kreieren die Gitarren einen sanften Klangteppich, leuchten wie Sterne, der Gesang ist fast gesprochen, als Refrain dienen wieder die Gitarren-Riffs. Doch es ist ein eher depressiver Moment, Cole-Smith singt unaufgeregt und fast nebenbei starke Sätze wie „You just lost the fight“.
Manchmal wird diese träumerische Atmosphäre zur Hoffnung. „I wanted to die, now I‘m fighting“ teilt der Song „Is The Is Are“ mit. Ein schneller Einstieg, der einen gleich mitnimmt, vor allem verglichen zum vorherigen, eher unauffälligen Track „Take your Time”. Man spürt eine Bewegung nach oben, die man in den Lyrics wiederfindet. Euphorisch klingt auch die erste Single „Dopamine“, das Smith seiner Freundin widmet und nach seinem Heroin-Entzug entstand. Das Lied ist schön flüssig, die Gitarren entführen und dringen immer wieder in den Gesang ein. Dieser klingt wie herausgeschrien, obwohl Smith immer sanft singt. Ein Dream-Pop-Schrei, als ob er seine Liebe ganz öffentlich und deutlich machen möchte.

Neben der Stimme bekommt auch der Bass mehr Relevanz auf diesem Doppel-Album. Wie im „Under the Sun“, das gleich nach zehn Sekunden mit einem Gänsehaut-Bass überzeugt. Noch stärker pulsiert der Bass im dunklen „Valentine“. Schon beim ersten Anhören bleibt man an diesem Song hängen. Schön getaktet, schnell, traurig und träumerisch, „Valentine“ ist wie eine Spiegelkammer aus Klängen, jedes Instrument pulsiert, es ist sehr viel Bewegung im engen Raum. Und dabei erklingen so passend die Zeilen „And I’m still where I was last“.

Genau diese dunkleren Momente des Albums sind die stärksten, es ist, als ob die lichterfüllten Songs nur da wären, um zu zeigen, wie tief diese Nostalgie sei. Dunkel und zugleich lasziv ist „Blue Boredom“, gesungen von Sky Ferreira, Freundin von Cole-Smith. Der Bass ist sexy wie ihre Stimme, die Atmosphäre erinnert an die Sinnlichkeit von Sonic Youth. Ähnlich wirkt auch „Mire’s Song“, wo die Stimme von Cole-Smith sehr weiblich und noch sanfter klingt. Wenn man an die Drogen-Probleme des Musikers denkt, klingt der Track wirklich wie Heroin. Ein Requiem For A Dream-Song, ein Rausch aus einschleichenden und verzerrten Gitarren.

„Incarnate Devil“, „Healthy Moon“, „Lose Ends“, „Dust“ hören sich gut an, doch ähneln sich alle sehr und man hat den Eindruck, dass das Album vor sich hin planscht. Sie sind gut gemachte Tracks, doch sie ragen nicht heraus, sie fallen weder positiv noch negativ auf. Doch dann kommt zuletzt „Waste of Breath“, ein abgehaktes, dunkles Ende, das an Slowdive erinnert. Ein sehr gutes Lied, das einerseits einen Akzent am Ende des Albums setzt, doch gleichzeitig nach den vielen Songs nicht mehr die richtige Aufmerksamkeit bekommt. Es klingt wie ein bedrohliches Wiegenlied, ein langsamer Abschied, der eigentlich diese Momente der Hoffnung vergessen lässt. Doch dieser schwere Dunst soll kathartisch gewirkt haben, denn Cole-Smith hat in Interviews mehrmals behauptet, das Album sei das Licht am Ende des Tunnels. Doch „Is The Is Are“ klingt mit seinen Lichten und Schatten eher wie der Tunnel selbst.



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