Drei Tage mit Caspian – Ein Konzertbericht

Auf der Caspian – Europatour im November habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt und bin der Band drei Tage lang nachgereist.


Was ich in Hamburg, Berlin und Dresden alles auf den Konzerten und im Anschluss erlebt habe, könnt ihr im Folgenden erfahren!


Hamburg, Dienstag, 10.11.2015
Es ist kurz vor 20 Uhr und wir – ein guter Freund, der mich an diesem Abend begleitet und ich – stehen vor dem Hafenklang. Es regnet ein wenig, wir trinken Bier und reden über die schönen Dinge, die wir ein halbes Jahr zuvor auf dem dunk! Festival erlebt haben. Dort haben wir Caspian auf der Bühne gesehen und kennengelernt, so ganz echt und hautnah. Ich bin aufgeregt, denn für mich ist es der erste Tag meines Road Trips, den ich geplant habe, um möglichst viel von dieser Band zu haben. Drei Tage, drei Städte, dreimal das gleiche Konzert.

Immer, wenn sich die Tür öffnet und jemand aus dem Club heraustritt, zucken wir ein wenig zusammen, denn es könnte ja einer dieser Menschen sein, auf die wir uns so sehr freuen. Zwischendurch kommt Erin aus der Tür und begrüßt uns. Wir haben einen kurzen Smalltalk, dann macht er sich auf, um sich etwas zu essen zu kaufen. Plötzlich steht Phil hinter mir. Er war das einzige Bandmitglied, mit dem ich mich auf dem dunk! leider nur sehr sporadisch unterhalten konnte, mit dem ich allerdings zum Zwecke meiner Planung viel schriftlich kommuniziert hatte. Wir plaudern für einen Moment und während er das Hafenklang betritt, sehen meine Begleitung und ich uns mit freudestrahlenden Augen an. In diesen Momenten sind wir wahrlich wie kleine Kinder.

Irgendwann öffnet das Hafenklang seine Tür auch für uns, wir kaufen unsere Getränke und nehmen schon einmal eine gute Position vor der Bühne ein.

Als Support für diese Europatour hatten Caspian die britische Cellistin Jo Quail ausgewählt, die ebenfalls auf dem diesjährigen dunk! gespielt hatte. Ihr Auftritt ist wunderschön, gleichzeitig ruhig und energetisch. Mit nichts als einem Cello und ein paar Effektgeräten vermag sie es, zu klingen, als stünde eine vollwertige Band auf der Bühne. Bei „Adder Stone“, dem letzten Stück ihrer Setlist, lässt sie sich jedoch von Caspians Drummer Joe begleiten, was die ganze Show noch ein kleines Bisschen imposanter wirken lässt.

Umbau. Meine Aufregung steigt ins Unermessliche. Welche neuen Stücke sie wohl spielen würden? Ob meine Lieblingssongs wohl dabei sind? Zumindest was meine Favoriten des neuen Albums angeht, bin ich mir sicher, dass sie gespielt werden würden. Ich hatte die Tour ja auf allen verfügbaren Kanälen verfolgt und habe im Vorfeld genug Fotos von Erin am Mikrophon gesehen. Auch „Darkfield“ spielten sie schon während ihrer Radio Sessions im Sommer.

Hier ein Livevideo welches am 23.11.2015 beim Konzert in Köln von Pferdberg Laboratories aufgenommen wurde!

Das Licht wird gedimmt und die fünf Musiker betreten die Bühne, die nun, so voller Menschen zwischen den Amps, höllisch klein wirkt. In diesem Moment sieht mich auch Jonny und begrüßt mich mit einem Kopfnicken und einem Lächeln. Und ehe ich noch fassen kann, was um mich herum geschieht, erklingt das Intro von „Darkfield“. Ich versuche, alle Eindrücke gleichermaßen in mich aufzusaugen, während ich gleichzeitig Fotos mache, um keine Sekunde ungesehen verstreichen zu lassen. Ich habe Zeit, sage ich mir. Ich werde diese Show dreimal erleben. Es ist etwas völlig Anderes als auf dem dunk!, auf der riesigen Bühne dort, bei der man so weit von den Musikern entfernt steht. Es ist intim im Hafenklang. Der Schweiß der Musiker trifft einen in der ersten Reihe (im wahrsten Sinne). Ich bin gefangen von der Musik, von den Lichtern, von allem und als sich „Darkfield“ dem Ende zuneigt, wende ich mich meinem Begleiter zu und wir staunen mit offenen Mündern. Gerade will ich etwas zu ihm sagen, als das nächste Intro ertönt: „Echo and Abyss“. Damit hatte ich nicht so früh gerechnet. Meine beiden Lieblingsstücke von „Dust and Disquiet“, direkt hintereinander, direkt zu Beginn des Auftritts. Völlig unvorbereitet und gelähmt stehe ich da und starre Erin an, während sich langsam aber sicher meine Kehle zuschnürt. Ich bin an den Moment erinnert, in dem ich zum ersten Mal diesen Song hörte und es mich unvermittelt wie ein Blitzschlag traf, als ich seinen Gesang vernahm. Und ebenjenen Moment erlebe ich nun wieder, denn ein Gesangsstück erstmalig live zu hören, ist praktisch wieder ein erstes Mal, bei dem sich völlig unbekannte Nuancen der Stimme zeigen. Ein wenig enttäuscht bin ich allerdings schon im ersten Moment, denn für meinen Geschmack ist Erins Gesang viel zu leise. Später würde ich lernen, dass dies beabsichtigt ist, denn es geht der Band nicht darum, dass der Text zu verstehen ist, da das Gesamtwerk im Vordergrund stehen soll.

Um mich herum steht die Zeit förmlich still und ich bin viel zu überwältigt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht grinse ich grenzdebil, ich weiß es nicht. Dies ist nicht die Zeit, um sich Gedanken zu machen. Dies ist nur die Zeit, um mit allen Sinnen aufzunehmen, worauf ich mich Monate im Voraus gefreut habe.

Das nächste Stück der Setlist ist „Of Foam and Wave“, das auf „Tertia“, dem zweiten Album, erschienen ist. Diesen Song empfinde ich persönlich als sehr positiv und aufbauend und gemäß seinem Titel tauche ich innerlich in eine Brandung ein, die Augen voller Tränen und mit schmerzenden Wangen von meinem breiten Grinsen. Mit jedem weiteren Song bin ich gespannter darauf, welche Songs noch gespielt werden würden. Wie viel Zeit ist eigentlich schon vergangen? Es waren nun drei Titel, aber wie viele würden noch folgen?

Es folgt „Ríoseco“, ein gefühl- sowie kraftvolles und langes Stück des aktuellen Albums, wobei es ein erneutes Intermezzo zwischen Caspian und Jo Quail gibt, da die Cellistin sie auf der Bühne mit ihrem Cellospiel begleitet. Auch, wenn Caspian heutzutage vermutlich nichts mehr beweisen müssen, ist es wahrlich befriedigend anzusehen, dass sie alles, was sie auf ihren Alben verarbeiten, auch live bestens umsetzen können, obschon sie bei den meisten ihrer Auftritte sogar auf einen ihrer Gitarristen verzichten müssen.

„Ríoseco“ ist zu Ende, Jo Quail verlässt mit ihrem Cello die Bühne, die Jungs stimmen ihre Gitarren und aus dem undefinierten Klang der Gitarren erwächst langsam „The Dove“, das vermutlich das größte Potential bietet, es auf mannigfaltige Art und Weise live neu zu interpretieren und das nahtlos in „ASA“ übergeht. Als Klassiker des ersten Albums „The Four Trees“ dürfen diese zwei Stücke in keiner Setlist fehlen und ich schätze, dass sie tatsächlich ihren festen Platz im Live-Repertoire der Band haben. Ebenso unverzichtbar sind die Titel „Gone in Bloom and Bough“ und „Halls of the Summer“, die klassischerweise in dieser Reihenfolge gespielt werden. Darum versetzt es mich ein wenig in Aufruhr, als nach „ASA“ das Intro zu „Halls of the Summer“ erklingt.

Dieser Song, live gespielt, bringt für mein Empfinden eine ganz besondere Schwingung mit sich, die direkt in den Körper eingreift und einen dazu bringt, nicht länger stillzustehen, sondern mit ihm mitzuschwingen. Die wunderbaren Drums im Intro breiten sich in meinem Brustkorb aus und ich fühle mich völlig im Einklang mit der Musik. Ich stehe sehr mittig vor der Bühne, mittig zwischen Erin und Phil, die ich abwechselnd bei ihrem Gitarrenspiel bestaune. Ich habe eine gewisse Schwäche für Körperhaltungen und –bewegungen und bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von der Ausstrahlung dieser zwei Musiker. Und um die traditionelle Reihenfolge der Songs nicht komplett auseinanderzureißen, folgt auf dieses Stück, das sich wirklich sommerlich anhört, „Gone in Bloom and Bough“. Diesem Stück konnte ich lange Zeit nichts Besonderes abgewinnen. Es war da, es war schön, aber mehr war es nicht. Bis zu meinem ersten Caspian-Konzert. Vielleicht gehört auch dieser Song zu denen, die man erst richtig erlebt haben muss, mit der Lichtshow auf der Bühne, Phils „Gesang“, der den Körper ganz vereinnahmenden Lautstärke und dem hoffentlich perfekten Klang. Seitdem ich diese Performance zum ersten Mal erlebt habe, bin auch ich ganz besessen von „Gone in Bloom and Bough“.

Mein Begleiter und ich stehen vor der Bühne und halten uns an den Händen. Nachdem meine Tränen doch gerade erst getrocknet waren, rinnen sie mir nun schon wieder über die Wangen. Ihm geht es ähnlich. Und irgendwann stehen wir inmitten der anderen Besucher und umarmen uns einfach für den Rest des Liedes. Ich weiß nicht, was andere Personen um uns herum vielleicht denken und es spielt auch keine Rolle. Wir lassen zu, was die Musik in uns auslöst und erleben so einen ganz besonderen Moment unserer Freundschaft.

Im nächsten Moment erklingt das Intro von „Arcs of Command“. Es gehen ein paar Jubelschreie durch das Publikum – offenbar ist dieser Song bei vielen Fans sehr beliebt. Ich freue mich, weil auch ich „Arcs“ sehr gern mag. Er ist energetisch, sehr hart und schwer, ein wahres Feuerwerk, schon auf dem Album und nun auf der Bühne noch viel mehr. Sie verwenden kaum Bühnenbeleuchtung bei diesem Stück, doch viele Stroboskope, die mir in den Augen brennen und mich ganz duselig machen. Die Jungs rocken sich im wahrsten Sinne den Arsch ab und ich muss sogar Tropfen von Phils Schweiß von meiner Kameralinse wischen. Es ist ein Fest und eine Zerstörung und das Stück läuft aus mit kreischenden und pfeifenden Gitarrenklängen, Rückkopplungen und Rauschen, die so durchdringend sind, dass ich mir die Ohren zuhalten muss (sie haben zu Beginn der Tour ihre Fans gewarnt, dass es sehr laut werden würde und Gehörschutz aus Gründen existieren würde). Während Phil, Erin, Jonny und Jani nach und nach die Bühne verlassen, spielt Joe am Schlagzeug den Song zu Ende. Ein Gewitter aus Drums und Stroboskoplichtern, bis auch er die Bühne verlässt.

Caspian

Die Menge tobt und ich atme tief durch. Ich weiß, dass es noch nicht vorbei ist. Caspian würden sicher nicht die Bühne verlassen, ohne „Sycamore“ gespielt zu haben. Oder doch?

Wir applaudieren geduldig und tatsächlich betreten sie schon nach wenigen Augenblicken erneut die Bühne. Wenn Phil sich einen Hocker aus der Ecke nimmt und Jonny sich mit seiner Gitarre auf den Boden kniet, dann ist es „Sycamore“.

Ich halte den Atem an. Dieser Moment ist für mich der aufregendste: Das Warten auf den ersten Ton von Phils Gitarre. Und wenn er dann erklingt, ist es, als würde jede Last, jeder Schmerz von meinen Schultern fallen. Und so genieße ich diese letzten Minuten des Konzerts, mal wieder mit einigen Tränen in den Augen und einem seligen Lächeln auf den Lippen, als sich, wie gewohnt, zum Ende des Liedes alle Jungs um das Schlagzeug versammeln und gemeinsam trommeln. Schöner könnte ein Auftritt gar nicht enden. Das Publikum und ich applaudieren und die Musiker verlassen die Bühne. Aber ich höre nicht auf zu klatschen. Niemand hört auf zu klatschen. Das Licht geht nicht an. Niemand verlässt den Club. Wir klatschen und jubeln einfach weiter. Mein Begleiter und ich schauen uns ein wenig fragend an, zucken mit den Schultern und applaudieren fortwährend. Es vergehen einige Minuten, in denen nichts passiert, bis sich schließlich die Tür zum Backstage-Bereich erneut öffnet und Caspian wieder die Bühne betreten. Phil tritt ans Mikrophon und sagt, das hätte es noch nie gegeben, dass sie nach „Sycamore“ noch ein weiteres Lied spielen würden. Die Menge tobt.

Es erklingt ein Sample, ein Zitat, „Roll the Dice“ von Charles Bukowski, gesprochen von Tom O’Bedlam, das man als Intro zu „Fire made Flesh“ schon von der „Live at the Larcom“ DVD kennt. Ich schließe die Augen und spreche es mit. Es ist mein Lieblingsgedicht von Bukowski. Und es folgt „Fire made Flesh“.

Nach diesem nunmehr wirklich letzten Song verlässt der Großteil der Besucher das Hafenklang und ich kaufe mir noch ein Bier. Wieso geht man so früh nach einem Konzert?, frage ich mich. Wieso möchte man nicht bleiben und die Möglichkeit nutzen, sich mit diesen wundervollen Musikern zu unterhalten?

Caspian

Ich bleibe natürlich. Es ist der Abend, auf den ich mich seit Monaten freue. Nach einer Weile gesellen sich auch die fünf Jungs zu den restlichen Anwesenden, man redet, trinkt ein wenig, tauscht Eindrücke aus. Mein Begleiter und ich spielen zusammen mit Erin und Jonny Kicker – „foosball“, wie die Amerikaner sagen. Das war auch neu für mich. Erin und ich sind in einem Team und verlieren leider gegen die beiden anderen. Ich beherrsche das Spiel auch leider ganz und gar nicht. Während mein Begleiter sich später vorwiegend mit Jo Quail unterhält, rede ich mit Phil über verschiedene Caspian-Songs. Er fragt mich, welcher mein Lieblingssong wäre und ich druckse herum. Ich kann mich nicht entscheiden, sage ich. Mein Herz hängt an vielen Songs. Und wenn ich mich genau jetzt für genau einen entscheiden müsste?, fragt Phil und stößt mir mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. Dann wäre es wohl „High Lonesome“, sage ich. Dieser Song gibt mir ein besonderes Gefühl, als würde ein Helikopter durch meine Brust fliegen. Er lädt mich ein, am dritten Tag meiner Reise, in Dresden, zum Soundcheck zu kommen und sagt, sie würden dann „High Lonesome“ für mich spielen können. Vielleicht gehört dies zu den schönsten Dingen, die jemals ein Mensch zu mir gesagt hat…


Berlin Kreuzberg, Mittwoch, 11.11.2015
Nach einigen Schwierigkeiten mit dem Personal des Lido, das mir meine Kamera wegnehmen wollte, ehe Justin Forrest, der Tourmanager von Caspian, den Mitarbeitern klarmachen konnte, dass ich fotografieren darf, obwohl ich ein reguläres Ticket habe, stehe ich im Raucherbereich und fühle mich prompt etwas verloren, da ich ohne eine mir bekannte Person dort bin. Allein auf Konzerten, das ist noch ein wenig neu für mich. Phil kommt wenig später auch nach draußen, begrüßt mich, fragt mich, wie meine Fahrt war und ich erwidere die Frage. Ihnen ist zum wiederholten Male der Reifen vom Van geplatzt, sagt er. Sie wollten eigentlich einen Anhänger mieten, aber man braucht in Deutschland ja einen speziellen Führerschein, den es in den USA nicht gibt. Ich habe einen Anhängerführerschein, sage ich. Phil antwortet, er würde mich direkt einstellen, wenn ich sagen würde, dass ich in den nächsten zwei Wochen Zeit hätte, Fahrerin zu sein. Leider habe ich in zwei Wochen eine Prüfung…

Ich lerne auch einen weiteren Gast kennen, der schon seit längerer Zeit ein Freund der Band ist. Nun bin ich auch nicht mehr allein. Etwas später kommt ein Bekannter von mir dazu, der in Berlin lebt und mit meinen nun schon zwei Bekannten kann der Konzertabend auch losgehen.

Die Bühne im Lido ist riesig im Vergleich zu der im Hafenklang. Die Setlist ist die gleiche und es ist ein bisschen schön, vorbereitet zu sein auf das, was kommt. Natürlich ist alles ein wenig unaufregender als noch am ersten Tag, aber nun kann ich mich voll und ganz fokussieren, ohne durch meine Überraschung abgelenkt zu sein. Als Zugabe, jedoch dieses Mal nicht vor „Sycamore“, spielen Caspian an diesem Abend „Loft“ – einen sehr alten Song von ihrer ersten EP „You are the Conductor“. Es ist ein Klassiker, den ich bisher noch nicht live gehört habe. Aus dem Publikum erklingen gerade in den Pausen zwischen den Stücken immer wieder Rufe von zwei offenbar betrunkenen Besuchern. Ich fühle mich davon sehr genervt. Die Rufe sind nicht beleidigend, aber doch unangebracht und störend. Wir sind auf keinem Metal-Konzert und ich möchte gern die Musik in Ruhe genießen. Vielleicht würde ich es weniger störend empfinden, wenn die Personen nicht direkt hinter mir stehen würden. Vielleicht ist es auch einfach nur meine eigene Empfindlichkeit in solchen Belangen. Letztlich sind die Anwesenden dennoch sehr respektvoll. Ich versuche, die Rufe zu ignorieren und mich weiterhin auf die schöne Bühnenshow zu konzentrieren. Ich habe nun an zwei aufeinanderfolgenden Abenden Caspian auf einer kleinen und einer großen Bühne gesehen und wenngleich außer Frage steht, dass die Jungs beide Situationen beherrschen, ist der Eindruck hier im Lido doch ein völlig anderer. Da steht diese großartige Band fast unnahbar auf einer großen Bühne und für einen Moment vergesse ich, dass es so liebe und bescheidene Menschen sind.

Caspian

Und trotz der großen Location und der vielen Menschen um mich herum, fühle ich mich fast so, als würden sie für mich allein spielen.

Nach dem Auftritt unterhalte ich mich eine Weile mit Simon Kallas, dem Fotografen und Begleiter von Jo Quail, über technische Besonderheiten unserer Kameras und Konzertfotografie im Allgemeinen. Als die Mitarbeiter des Clubs im Begriff sind, die Gäste rauszuschmeißen, darf ich mich zur Band und zu den übrigen Freunden und Anhängern in den Backstage-Raum gesellen. Es ist das erste Mal, dass ich so einen Raum von innen sehe und ich bin ein wenig überrascht, wie überschaubar dieser Raum im Lido ist. Es gibt ein paar Sofas und Couchtische, eine Tischreihe, auf der allerhand Krempel liegt und ein Kühlschrank mit Getränken. Während die Musiker ihr Equipment zusammenpacken, unterhalte ich mich mit verschiedenen anderen Personen und wir planen, wohin wir anschließend noch gehen sollten. Wir sind in Berlin, dort können wir unmöglich schon um Mitternacht nach einem Konzert zu Bett gehen.

Wir treten raus auf die Straße. Erin und Joe fahren ins Hostel, Phil, Jonny, Jani, die übrigen Gäste und ich diskutieren ein wenig, wohin wir nun gehen sollten und gehen dann einfach in die Kneipe „Zur Fetten Ecke“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es ist eine sehr urige und gemütliche Raucherkneipe mit alten Sesseln und Stühlen und wir arrangieren einen Stuhlkreis, in dem wir uns alle gut unterhalten können. Phil und ich reden viel. In unseren Reihen sitzt zum Beispiel ein junger Fan aus Polen, den die Jungs schon von einer vergangenen Tour kennen. Damals sei er beinahe die ganze Europatour getrampt, von Ort zu Ort, und habe die Band erst am letzten Abend angesprochen und ihnen davon erzählt. Dagegen sind meine drei Tage mit dem eigenen Auto sehr unspektakulär, denke ich. Ich denke noch ein wenig darüber nach, wie spannend es eigentlich ist, was Musiker mit ihrer Musik in Menschen auslösen können und wie unvorstellbar ich es selbst finde, dass es Menschen gibt, die Musik nicht auf diesem besonderen Wege erreicht.

Irgendwann fragt uns ein Mann, ob er ein Instantfoto von uns machen darf. Er trägt einen schwarzen Anzug mit roter Krawatte und einen Hut und sieht ein wenig lächerlich aus. Phil sagt, wir sollten alle so gucken, als wären wir im Civil War. Das Foto wird sehr lustig – offenbar wusste niemand von uns, wie man wohl guckt, wenn man im Civil War ist – und der Fotograf verlangt drei Euro für das Foto. Phil kauft es ihm ein wenig widerwillig ab.

Dann erzählt Phil, dass ihm sein linker Ringfinger sehr wehtun würde. Offenbar hat er sich eine Sehnenscheidenentzündung oder ähnliches zugezogen. Ich mache mir Sorgen, schließlich hat er noch mehr als zwei Wochen Tour vor sich und braucht seine linke Hand natürlich zum Spielen. Er lässt sich jedoch auch in diesem Moment seine Laune nicht verderben und wir trinken noch ein paar Runden Bier.

Gegen viertel vor drei ist es Zeit, die Kneipe zu verlassen und uns auf unsere Heimwege zu machen. Auf meinem Weg empfinde ich etwas Wehmut, da morgen schon der letzte Tag meiner Tour sein würde. Gleichzeitig waren diese zwei Tage vielleicht auch schon das Schönste, das ich jemals erlebt habe.


Dresden, Donnerstag, 12.11.2015
Um halb fünf nachmittags erreiche ich das Beatpol. Ich bin unsicher, wie ich nun in den noch geschlossenen Club hineinkommen soll, aber erwische die Band glücklicherweise gerade beim Entladen des Vans. Ich gehe mit durch den Hintereingang und stehe mitten in einem unglaublich großen Backstage-Bereich. Es gibt mehrere Aufenthaltsräume und eine große Küche. Einer der Räume ist praktisch ein großzügiges Esszimmer mit angeschlossenem Wohnzimmerbereich. Es stehen Tischreihen dort, Kühlschränke mit diversen Getränken, Joghurts und Obst. Außerdem eine Sitzecke mit Sofas und einem weiteren Tisch. Ich treffe auf Phil und frage, wie die Fahrt war und ob es noch einmal Probleme mit dem Wagen gab. Er sagt, die Fahrt sei gut gewesen, aber ihm ginge es nicht gut und hält dabei seine linke Hand nach oben, die mit einem dicken Verband verbunden ist. Kannst du spielen?, frage ich. Das werde sich zeigen, aber darauf verzichten könne er natürlich nicht, antwortet er. Nach einer Weile beschließt Phil, den Verband von seiner Hand zu entfernen und sie mit Eis zu kühlen. Er lässt sich aus der Küche eine Schüssel mit Eiswürfeln geben und wir setzen uns zusammen auf ein Sofa. Er kühlt seine Hand und wir reden. Jetzt weißt du, wie der Touralltag aussieht, sagt Phil. Sie steigen vormittags in ihren Van, fahren in die nächste Stadt, die mal 200 oder auch mal 700 Kilometer entfernt ist, laden ihr Equipment aus, machen Soundcheck, ruhen sich so viel wie möglich aus, treten auf und gehen schlafen. Während ich mich mit Phil unterhalte, hat Jonny eines seiner ThinkPads auf dem Schoß und recherchiert nach Bauplänen für irgend etwas, das er mit seinem Raspberry Pi vorhat. Jani hat sein iPhone in der Hand, Joe und Erin sitzen am MacBook und spielen Secret of Mana über einen SNES-Emulator. Es ist sehr ruhig und man spürt die Müdigkeit der Jungs.

Dann ist der Soundcheck. Ich frage Phil noch einmal nach „High Lonesome“, aber er sagt, dass er leider ein gewisses Effektgerät nicht dabei hat, das er bräuchte, um den Song zu spielen. Dann wünsche ich mir „Some are White Light“, sage ich. Ich betrete den Konzertsaal des Beatpol und bin sehr überrascht von seinen Ausmaßen. Er ist generell relativ groß, aber was mich am meisten fasziniert ist die sehr hohe stuckverzierte Decke, in deren Mitte eine Discokugel hängt. Ich setze mich im leeren Saal auf den Boden, neben das Mischpult, und trinke ein Bier. Dieser Moment gehört mir allein. Während die feinen Einstellungen vorgenommen werden, läuft Phil vor der Bühne hin und her, um sich selbst zu vergewissern, dass alles perfekt klingt. Die Musik ist laut und durchdringend, da der Raum leer ist. Der Boden vibriert, ein wunderschönes Gefühl. Natürlich werden nicht nur die Instrumente, sondern auch die Mikrophone eingestellt. Wie Phils Gesangseffekt bei „Gone in Bloom and Bough“ wirklich funktioniert, verstehe ich nun langsam. Während Erins Mikrophon eingestellt wird, macht Phil wiederholt und deutlich klar, dass es wirklich nicht darum geht, den Gesang zu verstehen. Und dann stehen sie alle zusammen und Phil spielt „Some are White Light“ an. Die anderen stimmen ein und für einen kurzen Moment – natürlich spielen sie nicht den ganzen Song – bin ich die einzige fremde Person im Raum, die eines ihrer Lieblingslieder hören darf.

Nach etwa einer halben Stunde ist der Soundcheck vorbei. Ich frage Phil, ob es ein guter oder eher problematischer Soundcheck war, um mir die Dimensionen dieses Aufwands besser vorstellen zu können. Er sagt, er sei zwar nicht besonders kurz gewesen, aber doch relativ unproblematisch. Bei manchen Soundchecks passt alles so gut, dass sie nach einer Viertelstunde fertig sind. Sie haben durchaus jedoch schon knapp zweistündige Soundchecks hinter sich.

Zurück im Backstage-Raum wird es endlich Zeit für mein Interview. Ich setze mich zusammen mit Jonny, Erin und Phil auf das Sofa, ziehe meine Fragen hervor und stelle das Handy auf Aufnahme. Und dann zieht sich mir die Kehle zu. Nachdem ich nun drei Tage mit diesen Menschen verbracht habe, bin ich plötzlich so nervös, dass ich kein Wort herausbringe. „Bist du nervös? Sei es nicht, wir sind doch alle Freunde!“, sagt Phil. Das beruhigt mich etwas und ich steige mit meiner ersten Frage ein. Während meistens Phil sehr umfangreiche Antworten gibt, werden von einem der Mitarbeiter die Tische gedeckt und es riecht nach leckerem Essen. Nach dem Interview wird auch sogleich aufgetischt und ich bin beeindruckt vom Menü. Es gibt Kartoffelspalten, Salat, eine Art Eintopf aus Paprika, roter Beete und viel Ingwer, der dafür, dass viele Personen ihn essen sollen, ziemlich scharf ist, und eine Platte mit Schinkenbraten und mit Käse gefüllten Frikadellen. Alles ist mit wahnsinnig viel Liebe selbst gemacht, das sieht und schmeckt man sofort. Zum Nachtisch gibt es etwas Undefinierbares im Glas. Nach einem prüfenden Blick beschließe ich, dass es vermutlich Grießpudding mit Schokoladensoße ist. Erin ist skeptisch. In den USA gibt es zwar die so genannten Grits, was auch eine Grießspeise ist, die jedoch eher herzhaft als süß zubereitet wird, und mit Schokoladensoße habe er so etwas noch nie gegessen. Ich erkläre, dass es bei uns recht populär ist, Grieß als Süßspeise mit Schokolade, Zimt und Zucker oder Fruchtkompott zu essen, ebenso wie Milchreis. Auch das ist den Amerikanern offenbar unbekannt.

Phil macht sich Gedanken um seinen Finger. Vor dem Soundcheck hatte Erin ihm aus einem dünnen Metallplättchen, das er gebogen und an den Finger angelegt und mit Tape umwickelt hatte, eine Art Schiene angefertigt, doch damit konnte er nicht spielen.

Durchstrecken kann er den Finger auch nicht und er schmerzt sehr, wenn er zu stark auf dem Gitarrengriffbrett aufdrückt. Also hilft es nur, den Finger weiter zu kühlen und vielleicht noch eine Schmerztablette zu nehmen. Phil leidet, denn er hat keine Wahl. Es ist kein schöner Anblick.

Irgendwann ist es dann Zeit für die Jungs, die Bühne zu betreten. Das Beatpol ist jetzt sehr voll und zu meiner großen Freude treffe ich Menschen von gestern wieder; andere sehr treue Begleiter der Band. Zu Beginn des Abends hatte Phil einmal zu mir gesagt, dass ich unbedingt den heutigen Abend genießen und nicht traurig sein solle, dass mein Abenteuer danach vorbei ist. Es ist nun der dritte Abend in Folge mit der selben Setlist und ich weine noch immer an den selben Stellen wie am ersten Abend. Ich bin leider zu Beginn nicht überzeugt vom Sound. Das Intro zu „Darkfield“ wirkt schon wesentlich leiser und dumpfer als bei den anderen Auftritten. Nun, da ich beim Soundcheck gewesen bin, wird mir zum ersten Mal bewusst, wie stark sich der Sound verändert, wenn eine vormals leere Halle mit mehreren Hundert Menschen gefüllt ist. Doch offenbar nimmt der Soundmensch noch einige Änderungen vor, denn alsbald klingt alles schon sehr gut. Beeindruckend ist hier im Beatpol vor allem die Lichtanlage. Auch hier wird viel Stroboskoplicht eingesetzt, zudem auch schmale Strahler aus dem Hintergrund, was die Bühne in ein dunstiges und weiches Licht taucht.

Caspian

Phil hat deutliche Probleme beim Spielen, weil er versucht, möglichst viel auf seinen Ringfinger zu verzichten. Er verspielt sich einige Male, experimentiert dafür aber viel herum, was den Auftritt in gewisser Weise von den vorigen abgrenzt, wenn man sie direkt mit einander vergleicht.

Heute Abend spielen sie „The Raven“ als Zugabe. Ich genieße ein letztes Mal das Set und versuche, nicht daran zu denken, wie ich mich morgen fühlen werde, wenn alles vorbei ist.

Nach dem Auftritt hole ich mir noch ein Bier und frage Phil, ob er auch eines möchte. Er lehnt ab und sagt, dass er auf einer so langen Tour froh sei über jeden Tag, an dem er keine Lust auf Alkohol habe. Man hat diese Vorstellung von Sex, Drugs and Rock and Roll und stellt sich vor, dass diese Musiker eine Party nach der nächsten feiern. Doch die Realität einer zweimonatigen Tour kann offenbar auch anders aussehen.

Wieder im Konzertsaal, nimmt die Band sich noch einmal kollektiv Zeit für ihre Fans, um Gespräche zu führen und Schallplatten zu signieren. Es ist ein wenig erstaunlich, wie wenig lange es her ist, dass ich zuletzt sehr aufgeregt wie ein kleines Kind vor diesen Menschen stand und sie um Autogramme gebeten habe. Und wie schnell sich alles ändert, wenn man nur ein wenig Mut aufbringt.

Es dauert nicht lange, bis wir draußen am Hinterausgang stehen, das Equipment im Van verladen ist und es Zeit für die Verabschiedung wird. Phil bittet Erin, ihm noch eine Schmerztablette zu geben, woraufhin Erin sich vor Phil hinkniet und in seinem Rucksack nach den Medikamenten sucht. Joe fragt Erin, ob er Phil jetzt einen Heiratsantrag machen würde und ja, es sieht wirklich genau so aus.

Phil nimmt mich einen Moment zur Seite und redet mir ins Gewissen, dass dies auf keinen Fall mein letztes großes Abenteuer gewesen sein wird. Ich kämpfe schon wieder mit den Tränen. Er fragt, was von all diesen schönen Erinnerungen der drei Tage wohl die schönste für mich wäre und ich antworte, dass es direkt der erste Abend in Hamburg war, an dem er, mit dem ich bisher den wenigsten persönlichen Kontakt hatte, mir direkt das Gefühl gegeben hat, dass ich willkommen bin und dazugehöre. Zur Verabschiedung umarmt er mich und vielleicht weine ich ein wenig an seiner Brust. Zu guter Letzt durfte ich auch das Foto aus der Kneipe in Berlin mitnehmen.

Diese Tage waren ein unbeschreiblich schönes Erlebnis für mich. Festzustellen, dass es sich auszahlt, seinen Mut aufzubringen und auf die Menschen zuzugehen, die so warm und herzlich sind, ist eine gute Erfahrung, die ich für den Rest meines Lebens in mir tragen und weiterhin befolgen werde. Ich danke Caspian und allen Beteiligten, allen Menschen, die ich kennenlernen durfte, dafür, dass ich dieses Abenteuer erleben durfte.

Das Interview, das ich mit Caspian geführt habe, könnt ihr hier in ein paar Tagen lesen und eine Galerie der Konzertfotos findet ihr hier.



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