Cargo-Vinylaktion

„Vorsicht, zerbrechlich!“ Aufgrund dieser Aufschrift wäre ein Umzugskarton vielleicht eine passende Verpackung für Feral & Strays zweites Album „Between You And The Sea“. Stattdessen fällt der Blick auf ein einsames Haus in einer zerklüfteten Küstenlandschaft. Feral & Stray: Ungezähmt und abseits jeder Gewohnheit wartet es darauf, von Besuchern näher in Augenschein genommen zu werden.

Hinter Feral & Stray verbirgt sich ein loses, fluktuierendes Kollektiv um die kanadische Künstlerin Erin Lang und ihre Sammelleidenschaft. Erin sammelt Bilder, Gerüche, flüchtige Zeugnisse eben jener Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit: Wandernde Schatten, Sturmböen, Sommerschauer und scheinbar zufällige Berührungen scheinen durch die sanfte Stimme Langs, die wispert und haucht, als würde sie von fast vergessenen Träumen erzählen.

Um diese Stimme nicht zu erdrücken, hält die Instrumentierung sich im Hintergrund, schwillt leise an und wieder ab und trägt Wellen vager Erinnerungen heran. Selten durchbricht Rhythmik das atmosphärische Ineinanderfließen von Streichern, Klavier, Orgel und gespenstischen Gitarreneffekten. Dieser Hang zur Egozentrik, der leise, schrullige Unterton in Erin Langs Stimme, ist es vermutlich, der Besucher ihrer Konzerte, die meist unter hohen Kirchengewölben stattfinden, in ihren Bann zieht. Sie verleiht den im Grundton düsteren Arrangements etwas Verspieltes und Ungezwungenes. Feral & Stray beschwören keine Geister, sie fordern sie zum Tanz auf, wie zum Beispiel im folkigen „I Envy The Ivy“ zu einem ausgelassenen Foxtrott.

Unter den geladenen Gästen zum Dream Pop Ringelrein finden sich sich Einflüsse von Björk, My Bloody Valentine, PJ Harvey und The Notwist. Auch im physischen Sinne Hand anlegen durften wiederum Mitglieder von Timber Timbre, Dave Bryant von Godspeed You! Black Emperor und Mark Lawson, zu dessen letzten Produktionen „Reflector“ von Arcade Fire zählt. Die Besetzung hinter Feral & Stray ist offensichtlich ähnlich ungreifbar wie die Musik des Kollektivs und bringt ihre Facetten auf immer neue Art und Weise zum leuchten.

Es lohnt sich in jedem Fall, anzuklopfen an jenem Haus, das auf „Between You And The Sea“ zu sehen ist, einen Blick durch den Türspalt zu riskieren und sich einlullen zu lassen von Erin Langs fragiler Stimme. Die Musik von Feral & Stray birgt jene Entschleunigung, an der es unserem Alltag so häufig zu mangeln scheint, ihre Liebe zum Detail fordert dazu auf, immer wieder aufs Neue gehört zu werden und sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden zu geben. Auch wenn dieser schon ahnen lässt, dass Feral & Stray uns noch länger begleiten wird.

1. Anchor
2. Falling
3. Carried Away
4. Interlude
5. Dr. Lowrey
6. Taps
7. Threads
8. All The Birds In The World
9. One For Sorrow (Two For Joy)
10. You Had To Lie Down In The Wet Leaves
11. I Envy The Ivy
12. Quiet Soul
13. Safe And Sound
14. Love Boat Theme

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