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Ein akustischer Gedichtband voller herzlicher Rührung und lyrischer Meisterhaftigkeit

Das Cover von Fortuna Ehrenfeld – „Hey Sexy“ kann einen schon in die Irre führen. Wenig ausdruckstarkes Bild mit Reitern, alles in mumpfigem Braun gehalten, dazu der schmissige Titel. Das muss wohl wieder eine dieser hippen Zwangsironikerbands sein, die sich selbst am allerlustigsten findet… Gut, dass erste Eindrücke gerne mal täuschen, ist nichts Neues. Meine Verblüffung, dass sich hinter dem Cover allerdings etwas ganz anderes und noch dazu wahnsinnig Großes verbirgt, lässt sich hier kaum in Worte fassen.

Martin Bechler aus Köln ist Mittvierziger, Multiinstrumentalist und der beste deutsche Lyriker der mir seit einigen Jahren untergekommen ist. Es ist verdammt hart, gute, anspruchsvolle, nachvollziehbare und ja, gefühlvolle Texte zu schreiben und der Versuch endet nicht selten in peinlichen Auswüchsen, von denen es halt immer noch zu viele in die Top Ten der Landescharts schaffen. Hier gelingt die Kür des lyrischen Anspruchs fabelhaft und die Inhalte werden mit einer Leichtigkeit vorgetragen, dass man sich sofort darin verliert. Musikalisch herrschen hier vorwiegend Tasten, Digidrums und eine eher erwachsene Stimmung, die passender gar nicht sein könnte…

„Der Puff von Barcelona“ startet gleich mit dem E-Piano, das sich fortan durch alle Stücke ziehen und für die eigenartige, aber heimelige und angenehme Atmosphäre sorgen wird. Inhaltlich wird hier eine Geschichte erzählt, eigentlich ohne Sinn oder Zusammenhang, was aber letztlich vollkommen irrelevant ist, da die Worte als reine Poesie im Hörerhirn ankommen. Man hängt dem Herrn Bechler nickend an den Lippen, ohne eigentlich zu wissen warum. Wenn dann noch Orgel- und Synthie einsetzen, klingt alles wie das deutsche Pendant zu Mark Oliver Everetts EELS, wozu auch die kratzige, emotionale Stimme passt. Das Ablesen der Wasserzähler im Freudenhaus scheint ein größeres Ereignis zu sein, als ich Kleingeist es bisher zu erahnen wagte.

„Bengalo“ kündet mit Orgel und Tremologitarren von der Liebe, irgendwie. Alles in schummriger Umgebung, bis es irgendwann ganz schön poppig wird! Seltsame Samples einzelner Satzfetzen sind drin, es wird ein bisschen verrückt und die Gefahr der Kitschigkeit im Keim erstickt. Ein Bontempi-Heimorgelbeat setzt zum Anfang von „Das letzte Kommando“ zum Sprung an, tut es aber nicht. E-Piano und Stimme fangen das Erzählen an, der Beat hat sich doch noch zur Aktion entschlossen. Es geht hier ums Anderssein und um gesellschaftliche Ablehnung, verpackt in eher inaktuelle Popmusik, und „Die „Reisegruppe seltsam ist auf dem Weg ins Pardies“. Einfach großartig! „Ey, Ändi!“ ist ein lang, dissonanter Skit und (hoffentlich) ein Diss auf belanglose Rapmusik. „Ich habe mein ganzes Leben dem HipHop gewidmet; ich lebe für HipHop“ klagt Bechler hier zynisch. Nimmt man ihm nicht ab. Soll sicher auch so.

Die Single „Zuweitwegmädchen“ kommt wieder melancholisch-fröhlich beschwingt rüber und ist schlichtweg ein Popsong. Mit dem etablierten Sound und mit Orgelsolo. Er bereitet mit seiner verschrobenen Eingängigkeit Freude, die möglicherweise aber erst nach dem Genuss des ganzen Albums richtig ausbrechen kann. Das gilt übrigens auch für „Nach Diktat verreist“ mit seinem Orgelriff und dem aus Elektrosprenkeln bestehenden Chorus, das man auch erst für sich begreifen muss. Hier wird auch wieder das wahnsinnige Melodiegespür des Künstlers deutlich, das durch die fein aufeinander gelagerten Instrumente fachmännisch unterstrichten wird. In „Gegen die Vernunft“ werden wieder Bilder in unseren Geist gepinselt und mit wunderbaren Tönen und kratziger Stimme unterlegt. Man kann der (vermutlich unglücklichen) Liebesgeschichte folgen, sie erleben und sich mit vielen Zeilen mühelos identifizieren, auch wenn sie „50 shades of Toastbrot und eine Tonne Quark“ lauten, Leute glaubt es mir! Die Heimorgel scheppert wieder bei „Hundeherz“ und entwickelt sich über psychedelische, undefinierbare Synthies unter erneute Everett-Referenzen zu einem poppigen Rockstück und inhaltlichen Traum oder Drogentrip. „Glitzerschwein“ könnte einem Kinderreim entsprungen sein und ist in einem anderen Kosmos ein billiger Popsong aus längst vergangenen Zeiten, aber hier einfach eine brillante Trashperle mit cheesigem Piano.

Bei „Penn‘ Könn‘“ verzichten wir insgesamt und mit voller Inbrunst auf grammatikalisch korrekte Endungen und irgendwie ist es längst Zeit dafür! Weg mit Glattbügelversuchen unserer Sprache und reden wie einem der Schnabel gewachsen ist, Chapeau dafür, lieber Lyriker. Hier werden die Gedanken, die man sich macht, wenn man nicht schlafen kann in Liedform gegossen und sehr sympathisch darüber lamentiert. Das „Schalalala“ wirkt andernorts albern, hier erscheint es absolut plausibler Ausruf. Es herrschen natürlich wieder poppige Klänge, wobei das Piano zum Ende hin immer dichter und fetter wird. Die Seemannsballade „Endlos weit weg“ ist von Fernweh und Sehnsucht durchzogen, eine Liebeserklärung ans Meer und seit Rios „Über’s Meer“ das eindeutig schönste seiner Art. Klavier und Akkordeon, später eine saftige Orgel die alles zusammenhält und schiefe Hawaiigitarren wirken hier einfach toll! Am Ende steht „Irgendwann der Sommer“. Es kommt der Weihnachtsmann, Superhelden, Königskinder und allerhand surreales Personal, bis sich endlich wieder der Sommer einstellt. War auch allerhöchste Zeit. Martin Bechler hat aus Langeweile, alle seine Körperteile, gründlich neu sortiert und katalogisiert. Und mit einer zweiten Haut, einen neuen Mensch gebaut. Surrealer Unsinn, ich weiß, aber dennoch das vernünftigste, was ich seit langer Zeit gehört habe!

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2 Kommentare

  1. Flo Bätz

    Mittwoch, 23. August 2017 um 08:56:30

    Ich würde das fast so unterschreiben – für mich auch eines der besten Alben des halbverbrauchten Jahres – aber „Ey, Ändi“ ist einfach die Schallmauer gegen die man rennt, wenn man das Album in seiner Gänze genießen möchte. Man wird schmerzlich aus der Tagträumerei, in die einen die grandiosen Textzeilen entführen, herausgerissen und landet blutend auf dem Asphalt der Realität. Mag ja so gewollt sein und in Zeiten des digitalen Musikkonsums stört es die meisten wahrscheinlich auch nicht weiter, aber wer die Scheibe in schwarzem – oder wie in meinem Falle grünen – Gold sein eigen nennt, vermisst spätestens beim zweiten oder dritten hören die Skip-Taste an seinem Plattenspieler.

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  2. Steffen Eggert

    Mittwoch, 23. August 2017 um 09:16:55

    Hey, vorweg erst mal vielen Dank für Deinen Kommentar. Die Entscheidung hier die volle Punktzahl zu vergeben, war in der Tat nicht so einfach… was den „Ändi“ angeht, hast Du nicht ganz unrecht, es ist ein sperriges Stück und unterbricht den „Flow“ ein wenig. Wenn man aber das komplette Werk sieht, ist es irgendwie die logische Konsquenz aus allem, was uns das Album mitgeben möchte. Es passt nicht ins Konzept, aber genau deswegen passt es irgendwie doch! Es ist einfach mutig diesen Bruch mit ins Set aufzunehmen, genau so wie es mutig ist, ein Album wie „Hey Sexy“ in Tagen wie diesen auf die Menschheit los zu lassen.
    Ich bleibe dabei 🙂
    Steffen

    Ergänzen

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