Auch wenn Essens Tradition als Bergbaustadt den Bach runtergegangen ist und somit ihre goldenen Kohle-Energie-Zeiten endgültig passé sind, in einer Zeit in der die Deindustrialisierung ihre Fahne am höchsten hält, ist noch lange nicht die Vielfalt ihrer Energieressourcen aufgebraucht.

Das beste Beispiel dafür ist die Band Frostitudes. Eine 5-köpfige Band aus Essen, die Anfang März 2017 mit ihrer 9 Songs bestückten Debüt-EP „Citrus“ um die Ecke kommt und damit bis nach Paris für ordentlich Furore sorgt.

„Citrus“ bewegt sich, rohe Energie ausstrahlend, in einer pendelnden Atmosphäre zwischen Garage-Punk-Rock und Pop in simpler Lo-fi Manier und ist ausschließlich und bewusst gewählt auf Tape-Format erhältlich; meines Erachtens die besten Entscheidung diese Musik noch intensiver in ihrem Stil aufblühen zu lassen.

Mit einer angezerrten, an die 70er-Jahre-Punk erinnernden Stimme, zwei bodenständigen Gitarren, die eine perfekte Mischung aus desert-artigen Tremolo und grobschlächtiger Bodenständigkeit ergibt, einen soliden und puristisch gespielten Bass und zwei Drummern (beide zwischen Drums und Percussion wechselnd), entfaltet sich hier eine Art klassizistisches Gebilde- vielfältig und ideenreich mit Anknüpfung auf die Halsschlagader des Punks.

Das Tape legt mit „Citrus“ einen flotten Start hin. Der Song lebt von erster Sekunde an durch seine rauhe, nicht ruhende Energie, durch Reduziertheit im Griffwechsel der Gitarren, seinen nach-vorne-treibenden, monotonischen Drumtakt und seinen fragmentartig hervorbringenden Gesang. In der Mitte wird die Reduziertheit der Gitarren ein wenig entzerrt durch einen auflockernden, soloartigen Part einer Gitarre, perfektes Timing das Ganze nicht zu stumpf klingen zu lassen.

„Clutter And Dust“ besitzt die Atmosphäre von CAN und die Durchschlagkraft von Adverts und/oder auch Ruts. Eine guter Song um sich mental mal hinzulegen, Augen zu und wirken lassen. Schwebende Zustände lassen nicht lang auf sich warten.

„Missing Words“ besticht durch die simple Art der fast durchgängigen, magischen 3 Akkorde im Zusammenspiel mit dem fast lethargisch vorgetragenen Textes. Mit einer Tonne Reverb drauf könnte man meinen, ein wenig Brimstone Howl rauszuhören.

Weiter rollt „Citrus“ mit „Just The Same“ auf der Garagenschiene Richtung Mitte des Albums zu und reanimiert hier auch wieder die guten, alten Punk-Ursprünge der 60er/70er Jahre. Die Leadgitarre begleitet hier teilweise mit einem schön zerrig, rohen Fuzzsound, welcher zum grob geschmirgelten Sound passt, für meinen Geschmack aber etwas zu „kontrolliert“ scheint.
Hier vermisse ich eine cholerischere und hemmungslosere Exekutive der zerrigen Gitarrenpedale, die ohne Rücksicht auf Verluste ihres Amtes walten und schalten könnten um sinnlose Rahmenbedingungen wegzusprengen. Verwandte Töne à la Reatards sind hier ansatzweise auszumachen, das gefällt; nur fehlt hier noch das entscheidende Element der „ich glaub das ist zuviel- ich mach mal mehr“ Einstellung; zuviel an dieser Stelle ist hier noch lange nicht genug. Überreizung als Erlösung. Schrot anstatt Knallerbsen !

„Mama“, der nächste Song des Tapes´ überrascht vom ersten Augenblick an mit „poppigeren“ Tönen und verspielteren Anschlägen, welche jedoch keinen (stil-)Bruch in ihrer Songliste erzeugen, sondern vielmehr die Rolle einer erfrischenden Limo zum richtigen Zeitpunkt erfüllen. Diesen Song kann man getrost als „Garagen-Pop-Hit“ des Tapes´ benennen mit seiner aufgedrehten Art und Freude am Spaß. Man ist gewillt „Mama“ lauthörend mit sich spazierenzutragen, damit der Kopf assoziativ Bilder zu produzieren beginnt, wie beispielsweise übertrieben-organisierte Booze-Poolpartys in übergroßen Gärten mit offenherzigen Nudisten oder ausgelassen-frivole BBQ-Orgien an maritimen Orten mit einem Seesack voller Fusel. Der weise und prägende Philosoph Epikur wäre stolz auf das Gefühl, welches der Song hinterlässt.

„Staring“ startet 2-akkordig mit einem sich Endlimit neigendem Tremolo Sound, der hier schon klarmacht, dass sich etwas anbahnt,.. ein Umbruch, der die bewusst eingesetzte Eintönigkeit zu Anfang,- die als eine Art besungenes Intro fungiert-, dankend in den Schatten stellt und sich mit treibenden Drums, lebhafterer Dynamik, sirenartigen Background und schwermütigen Akkorden in eine neue Welt katapultiert … groß.

„Slaves“ setzt hier wieder mehr auf Tempo und Rabiatheit und rast mit seinem anklagenden Gesang unbekümmert kopfüber durch die Erdkruste!Vom Drive und dem Gitarrensound erinnert er ein wenig an „Wipers“…ja, doch. Schön.

Vorletzter Song. „Mummies“. Hier kurbelt man die durchbohrende Dynamik vorerst wieder zurück und man bemerkt hier, im Blick zurück, die bisherig gestaltete Vielfalt der Songs. „Mummies“; begleitet von einem einfachen, fast dilettantisch wirkenden aber wirkungsvollem Schlagzeug, einem Bass, der sich hier die Freiheit nimmt ein paar Läufe zu spielen um das ganze nochmal n Tick, hm, „schmissiger“ zu gestalten und den bewährten Gitarren- hier nun in gezupfter und locker angeschlagener Version (zumindest im Strophenteil). Wechselnd zwischen Strophen, die erzählend und gelassen wirken und dem Refrain, der an Tempo anzieht, schlendert er in farbloseren Gefilden als alle anderen Songs auf der „Citrus“, wie ich finde. Unbemerkt suchend nach Glanz verschwindet er schnell, wie er gekommen ist, fremd.

So, Finale. „Volcano“ geht so durch. Dieser Abschluss erhebt nicht den Anspruch einer Apotheose für sich aber das möchte er auch nicht und das macht ihn so sympathisch. Er macht das was er kann und das kann er gut. Freunde der Garageszene werden auch bei „Volcano“ nichts vermissen. Ärgerlich dass der im Background mitgesungene Teil ein wenig „verhalten“ rüberkommt, zu zaghaft und zaudernd und den Song somit ein wenig abbremst.

„Citrus“ ist alles in allem eine ordentliche, spaßbringende, vielseitige und größtenteils gut ausgereifte EP, die die Macht besitzt uns schöne Stunden zu bescheren, die wir gerne annehmen.

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