Eine Punkband wird erwachsen – deutlicher kann sich Weiterentwicklung kaum zeigen.

Zum ersten Mal kam ich 2014 mit den Gnarwolves und ihrem selbstbetitelten Debutalbum in Kontakt und ich weiß noch ganz genau, was ich damals gedacht habe: „Meine Fresse, das klingt ja wie früher!“. Dazu muss man wissen, dass ich mit frühem Melodi- und Emo(tional) Hardcore der späten 80er bzw. frühen 90er aufgewachsen bin. Da kommen drei junge Typen aus Brighton/UK um die Ecke und scheppern los als ob es kein Morgen gäbe. Ich habe mir dann daraufhin fest vorgenommen, wieder öfter auf Konzerte zu gehen und mich dort mit den anderen vergleichsweise alten Säcken wieder jung fühlen zu können. Dafür war ich den Gnarwölfen auch ganz schön dankbar. True story, aber nun zum wesentlichen. 2017 liegt mir das schlicht Outsiders betitelte, zweite Album dieser Band vor und kurz das Ergebnis zu spoilern: es ist ein wenig anders, aber nicht weniger großartig!

Der Opener Straitjacket beginnt mit einem ungewöhnlich langen Anzähler und schon nach kurzer Zeit so, wie Frank Turner nebst Band auf einer Überdosis Kaffee. Man sei in einer Zwangsjacke geboren, ist die im nötigen Unernst getätigte Aussage und das Augenzwinkern kommt sofort an. Über unbeschwerte Indiepunkmusik mit schönem, kalifornischen Haken, thront der Hymnenrefrain und der Einstieg ist perfekt geglückt. Bei der feinen Midtempo-Nummer Car Crash Cinema höre ich zum ersten Mal richtig die leichten Ausflüge in den Emocore (nicht vergessen, der gute von früher, nicht diese überschminkte, unmöglich frisierte, pathetische Trauerkloßmucke als angebliche Weiterentwicklung des Genres) auf und ich werde sehr angenehm an Bands wie Jets To Brazil oder Samiam erinnert. Obwohl es hier recht gemächlich vonstattengeht, fehlt es zu keiner Zeit an Druck und die schönen Gesangsharmonien unterstreichen hier die Gefälligkeit. In ähnlichem Stil knüpft hier Wires an. Superdynamischer Indiepunkrock wie er eigentlich hauptsächlich auf der Insel zu finden ist und der schlicht und ergreifend Spaß macht. Der Knüppel aus dem Sack kommt mit einem Gruß an die vergangenen Outputs der Gnarwolves mit Paint Me A Martyr! Hier gehen den Jungs mal kurz die Gäule durch und die Melodicore-Wurzeln werden offenbar noch gerne gepflegt. Die typischen Melodiebögen, die wundervollen, rasend schnellen Geloppdrums, ich kann es nicht verhehlen, ich muss grinsen! English Kids hat ganz eindeutig mehr als die berüchtigten Drei Akkorde zu bieten und klingt nach aufgedrehtem Folk-Punk. Verschiedene Strukturen auf den gleichen Akkordmustern, Bass und Schlagzeug variieren ständig, die Gitarren kommen mal mehr, mal weniger nach vorne. An Abwechslungsreichtum fehlt es hier nun wirklich nicht. Alternativ-noisig, mit feedbackschwangeren Hooks geht Argument voran und führt zu The Comedown Song, der punkig aber doch recht erwachsen darauf hinweist, dass eben nicht mehr rund um die Uhr Zeit für Parties ist (‚Fuck your party, I’m sleeping in‘), was hier absolut sympathisch und authentisch rüberkommt. Das harmonische Gefiepe von Talking To Your Ghost erinnert unweigerlich an die wunderbare Popmusik die Rivers Cuomo seit Jahren mit Weezer zelebriert, aber wir reden natürlich von Inspiration, nicht von Plagiarismus, keine Sorge. Während sich Channeling Brian Molko sehr zynisch aber wieder höchst abwechslungsreich mit der Kontaktaufnahme zum Placebo-Sänger als höheres Wesen beschäftigt, gelingt mit Shut Up eine über sechs minütige Krönung des Werkes. Stimmungsvoll und traurig, schleppende Stakkato, ja, ich muss es sagen, einige Erinnerungen an den kurzlebigen Grunge werden hier wach, aber so verrückt das auch klingen mag, es passt! Nach einem wirklich sehr ruhigen Teil gibt das Trio noch einmal alles und dreht noch einmal richtig auf. Ganz große Nummer!

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