Es gibt keine Regeln was die Band angeht!

Beim Anhören des im Vorfeld veröffentlichen neuen Songs mit dem schönen Namen „New Song“ freuten sich die Ohren: da ist eindeutig WARPAINT zu hören, aber die Musik ist fast schon unverschämt catchy. Nach zwei Minuten lässt sich der Refrain mitpfeifen. Das ist bei Liedern des Vierer-Gespanns aus Los Angeles nicht unbedingt so, bestechen die Songs zuweilen doch eher durch Melodien und Arrangements, die erst beim mehrmaligen Hören ihren besonderen Zauber entfalten.

Im Jahr 2004 wurde WARPAINT gegründet, 2008 folgte die erste EP, welche der Band einen Plattenvertrag mit Rough Trade bescherte, wo im Jahr 2010 das erste Album erschien. Dieses wurde von Kritik und Publikum gefeiert. Die Band präsentierte einen Sound, der sich bei Postrock, Shoegaze, Postpunk und etwas bedient, was sich vielleicht als 4AD-Musik bezeichnen lässt. Das Ganze wird mit Pop-Appeal garniert, der ein wenig, aber nicht zu radiotauglich ist und mit interessanten Melodiebögen aufwartet, die auch mal Stippvisiten ins Songwriter-Genre wagen.

Das zweite Album „Warpaint“ wurde von Flood produziert, der zuvor mit Cabaret Voltaire, Nine Inch Nails, Depeche Mode, PJ Harvey, Erasure und Nick Cave gearbeitet hat, um nur einige Künstler zu nennen. Zu der Zeit deutete sich bei WARPAINT eine leicht veränderte Arbeitsweise an, die beim aktuellen Album verstärkt in den Mittelpunkt rückte und von der wir gleich noch hören werden.

Zeitgleich mit dem fluffig tollen neuen Song wurde im Sommer das Album „Heads up“ angekündigt, zudem eine Tournee durch die Staaten und Europa. Im Sommer absolvierten WARPAINT einige Gigs auf Festivals, wo sie zwei neue Lieder vorstellten. Außerdem gaben Theresa ud Jenny Lee Interviews, um über die neue Scheibe zu sprechen, welche am 23. September 2016 veröffentlicht wird.

In Berlin wird im Michelsberger residiert, ein Hotel welches sich so etwas wie im Zentrum des künstlerischen und musikalischen Geschehens befindet. Hier wird eine etwas lässige Boheme-Atmosphäre ausgestrahlt und gelebt. Als Theresa erfährt das die Venue ihres Auftritts im Herbst nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt ist, überlegt sie mit der Band wieder hier zu wohnen.

Zuerst sprechen wir über die neue Single, zu der Theresa lachend sagt:

Du hörst die Hälfte von dem Refrain und weißt was los ist. Es ist sehr catchy geraten.


PiN: Eure Art Songs zu schreiben hat sich etwas verändert. Wie funktioniert das?

Theresa: Wir haben teilweise alleine gearbeitet, allerdings haben wir das beim vorherigen Album auch schon so gehandhabt – auf jeden Fall bei einigen Songs. Ich habe zum Beispiel alleine Klavier-Passagen aufgenommen sowie gesungen. Das hab ich dann zu Stella gebracht, und sie hat sich das angehört und Drums dazu gespielt. Danach haben wir es mit Emily und Jenny Lee im Studio weiter bearbeitet. Alle von uns haben separat an Songs gearbeitet, sozusagen ein Skelett entworfen, und es dann mit den anderen Bandmitgliedern auf ein neues Level gehoben. Dabei stand uns unser Freund Jake Bercovici zur Seite. Mit ihm hatten wir 2008 unsere erste EP aufgenommen. Auf reguläre Weise, also gemeinsam im Studio, haben wir lediglich einen Song geschrieben und aufgenommen, und zwar „Dre“. Stella fing mit einem Beat an, sie und ich haben es in einen Song verwandelt und die anderen beiden haben sich irgendwann eingebracht.

Für mich ist es eine Herausforderung, etwas familiär und altbekanntes so umzuwandeln, daß es anders wirkt als alles was du kennst.

PiN: Wie viele Songs habt ihr mit ins Studio gebracht, und wie habt ihr eine Auswahl getroffen?

Das ist ´ne seltsame Sache mit uns: wir sind keine Band die fünfzig Songs am Start hat. Wir arbeiten daran was wirklich auf´s Album kommen soll, und dann haben wir vielleicht ein oder zwei Lieder übrig. Auf „Warpaint“ hatten wir nur einen Song, der es nicht auf die Scheibe geschafft hat. Immerhin gab es somit ein neues Lied welches wir auf Tour spielen konnten. Später haben wir das dann aufgenommen und veröffentlicht. Mir fällt im Moment kein Song ein den wir dieses Mal übrig haben. Ich wünschte es gäbe wenigstens einen, dann hätten wir eine B-Seite oder so was (lacht). Allerdings haben wir eine Menge Songs in der Warteschleife.

PiN: Ihr seid nicht nur bei WARPAINT, sondern alle vier auch bei anderen Projekten involviert. Wie teilst du das auf? Weißt du beim Schreiben es ist für WARPAINT oder für etwas Anderes?

Jeder Song den ich anfange zu schreiben kann erstmal ein WARPAINT-Lied werden. Bei den anderen Dreien sieht es vermutlich genau so aus. WARPAINT sind wir alle – es gibt keine Regeln was die Band angeht. Jede bringt das ein was sie möchte. WARPAINT can be anything. Nur so fühlen wir uns alle erfüllt mit dem Projekt. Manchmal fange ich mit einer Bassline oder einem Drumbeat an und es wird schnell klar: das ist nicht für WARPAINT, vielleicht auch weil es keinen Spaß mehr bringen würde, da es in der Entwicklung schon so weit fortgeschritten ist. „Wideout“ war so ein Song wo ich die Bassline und die Drums hatte, die Gitarre war eigentlich auch schon kreiert. Emily hat dazu gesungen, wir mochten das Ergebnis sehr. Dann hat Jenny etwas von meiner Bassline-Idee übernommen – aber nur ein bisschen. Den von mir vorher entworfenen Beat hat sie aber gelassen. „Wideout“ hab ich in die Band gebracht mit dem Bewußtsein: hier ist ein Lied, welches für Veränderungen und neue Ideen offen ist. So konnten alle ihre Interpretationen dazu beisteuern.

PiN: Was „Wideout“, die neue Single und auch ein paar andere neue Lieder angeht: ich hab den Eindruck sie sind etwas eingängiger als frühere Lieder von WARPAINT.

Wir gehen in eine Richtung wo wir eher etwas weglassen, wenn es sich nicht komplett richtig anfühlt. Gut ist für uns der ein oder andere Hook mit einem soliden Groove der sich nicht groß ändert. Wir versuchen einen Weg zu finden, der traditionellen Songstrukturen zwar folgt, also Verse Chorus Verse Chorus Bridge Chorus, sich aber nicht unbedingt so anhört. Das ist eine wichtige Erfahrung, vor allem seit dem vorletzten Album, wo ich anfing in so eine Richtung zu denken und zu arbeiten. Für mich ist es eine besondere Herausforderung, etwas familiär und altbekannt wirkendes so umzuwandeln, daß es anders wirkt als alles was du kennst.

PiN: Wie war der Einfluß von eurem von dir bereits eben erwähnten Produzenten Jacob Bercovici?

Jake ist ein Freund von uns. Wir haben vorher schon miteinander gearbeitet, wenn es auch etwas anders war. Es gibt eine neue Dynamik durch unsere veränderte Arbeitsweise. Wir haben uns als Musikerinnen seitdem weiter entwickelt. Jake ist ebenfalls Musiker und nicht nur Produzent. Auch aus diesem Grund hatte er nicht unbedingt den Produzenten-Hut auf. Er ist zum Beispiel in einer Band namens THE VOIDZ mit Julian Casablancas (The Strokes, Anm. des Verf.) und mit Julian schreibt und arrangiert er eine Menge Songs. Er ist ein extrem talentierter Musiker, hat ein gutes Ohr sowie eine Menge sehr wertvoller Anregungen für uns: „Probier das mal so, verschiebe diese Stelle mal etwas weiter nach hinten, bring das nicht überall rein….“ und so weiter. Er hatte einen riesigen Fundus an Ideen und einen guten Blick auf das Ganze. Jake hat nicht FÜR, sondern MIT uns produziert – ich kann sagen er ist einer von uns.

PiN: Wann wart ihr eigentlich mit den Aufnahmen fertig?

Das war letzten Mai.

PiN: Jetzt ist August – wie geht es dir mit dem Album zwischen den Aufnahmen und der kommenden Veröffentlichung mit anschließender Tour?

Ehrlich gesagt bin ich sehr aufgeregt. Ich freue mich vor allem darauf, die Songs live zu spielen. Vor Publikum hab ich die Lieder – von zwei Ausnahmen abgesehen – noch nie präsentiert. Es sollte mehr Mädels geben, die Tontechnikerin, Produzentin oder Mixerin sind.

PiN: Vor einigen Jahren hab ich WARPAINT in Berlin live gesehen, und in einer Zeitung war in einem Artikel über euch der Begriff „All Girl Band“ zu lesen. Was hältst du von diesem Ausdruck? Bei einer Band mit Typen würde ich nie „All Boy Band“ sagen.

Das ist okay für mich. Es ist eine Definition und eine Charakterisierung. Wir sind ja eine All Girl Band wenn du so willst. Wenn es die Norm wäre das die meisten Bands aus Mädchen oder Frauen bestehen, dann würde es tatsächlich den Begriff „All Boy Band“ geben. Da es etwas anderes darstellt als die Regel finde ich es in Ordnung. Davon mal abgesehen finde ich das es neben mehr Frauen die Gitarre, Bass oder Drums spielen sollten vor allem auch mehr Mädels geben, die Tontechnikerin oder Produzentin oder Mixerin sein sollten. Es ist natürlich super wenn es Frauen gibt die gut singen und vielleicht schön und sexy dabei sind. Aber es gibt definitiv mehr, was Frauen können – ganz klar.

PiN: Mir fällt Björk ein, die erzählte sie macht nach wie vor Erfahrungen das Frauen noch immer nicht ernst genommen werden im Musikbusiness. Ihr habt sie mal genannt als Einfluß, neben Kendrik Lamar, Janet Jackson und OutKast.

Die beeinflussten mich allerdings schon in dem Moment wo ich anfing Musik zu hören. Es ist jetzt nicht so daß ich Björk gehört habe, um das neue Album zu schreiben. Wir werden oft gefragt: „Was habt ihr gehört? Wer hat euch beeinflusst?“ Wir bekommen von vielen Seiten Inspiration, alleine im letzten Jahr waren es so viele neuen Sachen. Mein Wunsch selbst Musik zu kreieren wurde geweckt in den Neunzigern, in einer Zeit wo ich selbst ganz verschiedene Musik hörte. Damals ging es bereits los mit Björk, OutKast oder Aphex Twin. Ich kann nicht unbedingt sagen das es Gitarrenmusik war, die mich zum Musik machen gebracht hat. Obwohl ich wirklich gerne Gitarren höre und Al Green, Bob Dylan und natürlich Nirvana mag. Nur war das nicht die Musik wegen der ich selbst losgelegt habe. Das waren tatsächlich eher Sachen wie Björk. Das ist lange her, beeinflusst mich aber noch immer.

PiN:…Und die genannten Künstler existieren – von Nirvana abgesehen – alle noch.

Das tun sie, und alle sind sie einzigartig. Was Kendrik Lamar angeht: er ist inspirierend, weil so viele tiefe Wahrheiten in seinen Botschaften stecken. Das ist vor allem wichtig, weil Pop ja häufig etwas seicht und oberflächlich ist – oder zumindest so gesehen wird. Kendrik hat etwas sehr politisches kreiert und er ist ein Leader, kein Follower. So hat er organischen Funk zurück in Hip Hop gebracht. Seine Musik fühlt sich sehr lebendig an, weil er nicht nur Samples nutzt. Für mich ist er deshalb inspirierend – was aber nicht bedeutet, dass ich ab sofort Funk und Hip Hop in meine Lieder einfliessen lasse (lacht).

PiN: Ich hörte die Meinung seine letzte Scheibe sei eines der wichtigsten politischen schwarzen Alben überhaupt.

Auf jeden Fall fragten viele Leute als die Platte rauskam: „Wieso wird jetzt so was veröffenticht?“ Einer ganzen Menge an Leuten war gar nicht klar das die besprochenen Probleme überhaupt existieren. Dann fingen viele an zu realisieren das diese Probleme immer da waren, eher vage, aber nur, weil sie vorher nicht thematisiert wurden. Die Menschen dachten, dass wir nicht mehr in den sechziger Jahren Leben und das deshalb Schwarze nicht diskriminiert, sondern gleich behandelt werden. Ergo: die Probleme waren nicht mehr sichtbar. Wir wissen natürlich das sie trotzdem da sind, das es Rassismus gibt, das Schwarze in sehr vielen Gegenden schlecht behandelt werden, und es gibt Racial Profiles.

PiN: Am Schluss möchte ich fragen, was das Cover von „Heads up“ symbolisiert.

Ein Freund von uns hat das Foto im Studio gemacht. Es steht dafür, wie wir als Band in die Welt hinaus blicken und nicht, wie die Menschen auf uns schauen.

PiN: Theresa, vielen Dank für das Interview!

prettyinnoise.de präsentiert WARPAINT live:
30.10.2016: Köln – Live Music Hall
01.11.2015: Berlin – Astra (ausverkauft)

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