Interview mit Zen Zebra – Fünf kreative Geister erzeugen Reibung

Im grossen und hohen Cassiopeia-Backstage ist das Licht sehr hell, was direkt nach dem eher dunkel gehaltenen Auftritt von ZEN ZEBRA etwas irritierend wirkt. THE HIRSCH EFFEKT befinden sich ebenfalls im Raum und werden in ein paar Sekunden die Bühne entern. Noch stehen sie in einem Kreis und rufen laut: „Hirsch! Hirsch!! Hirsch!!!“ ZEN ZEBRA-Sänger Martin – auch genannt Marv – sagt, ich würde was verpassen, denn die befreundete Band sei sehr gut.

Das trifft – vor allem live – auch auf ZEN ZEBRA zu, die eine spezielle und besonders für dieses Land unübliche Form von…nennen wir es mal Postrock mit Post-Hardcore kreieren. 2007 gegründet, haben sie einige interessanten Touren erlebt sowie neben Singles und Videos das Debut-Album „Awaystation“ unter den Fittichen von BLACKMAIL-Kurt Ebelhäuser rausgebracht.

Für den Gig in Berlin und die zwei darauf folgenden Konzerte haben ZEN ZEBRA eine spannende Setlist vorbereitet, wie Gitarrist Benny berichtete, als wir bei Cranberrysaft und Zigarette auf einer Holzbank sassen. Etliche Songs der Band gingen beim Set ineinander über und erzeugten einen halbstündigen Hybrid, der die geneigten Zuhörerinnen und Zuhörer gehörig am Schlafittchen packte. Dazu gesellten sich ältere wie neuere Songs, die am Tag nach dem Berliner Konzert erscheinende Single „Genesia“ und als weiteres Highlight „What else is there?“ von RÖYKSOPP als Brachial-Gitarren-Version.

PiN: Martin, wie hat dir der Gig heute hier im Cassiopeia gefallen?

M: Richtig gut. Vielleicht hat Benny dir bereits erzählt, dass es als Experiment gedacht war. Es hat funktioniert, deshalb sind wir wohl gerade alle sehr glücklich, aber auch weil so viele Leute hier sind. Wir haben ein Set gespielt, welches in der ersten Hälfte komplett düster gehalten wurde: mit alten Songs, die wir teilweise seit Jahren nicht gespielt hatten. Dazu kamen ein paar neue Lieder und ein paar bekannte Songs vom Album, die gut in das Set passen. Es hat geklappt! Ich freu mich auch, dass wir „Minus me“ gespielt haben, was damals bei MTV den dritten Platz beim deutschlandweitem Wettbewerb in der Sendung „Rookie“ gemacht hat. Das war ein kleiner Höhepunkt am Anfang unserer Bandgeschichte.

PiN: Hat sich dadurch was verändert?

M: Wir haben schon ordentlich Leute dadurch erreicht. Es waren Myspace Zeiten und da hatten wir für unsere Verhältnisse richtig viele Fans. Dann kam Facebook und Myspace war tot. Nach einem Push für uns hat sich die digitale Welt verändert: bei Facebook kannst du heute Geld berappen als Band, wenn du mehr Leute erreichen willst. Bei Myspace war das einfacher mit den Newslettern, ohne die Leute ständig mit Mails nerven zu wollen. Es war richtig cool, als das gut lief, aber sie haben es so lange verschlimmbessert, bis es verschwunden war.

PiN: Was macht ihr jetzt – neben der Musik – um Leute zu erreichen?

M: Wir haben immer noch’n Newsletter, den versuche ich so wenig wie möglich zu aktivieren um die Leute nicht zu nerven. Facebook haben wir natürlich auch sowie eine ganz normale Homepage, wo die Leute sich informieren können, wenn sie gerade Lust drauf haben.

PiN: Seid ihr bei Soundcloud und bei Bandcamp zu finden?

M: Ja bei Soundcloud sind wir – und da steht auch noch immer unser Album kostenlos und komplett. Bei Bandcamp sind wir nicht und bekommen manchmal so Reaktionen: „Waaas? Ihr seid nicht bei Bandcamp?“ Das werden wir wohl mal machen. Alex hilft uns sehr bei der Online-Promo und bringt uns in Blogs und in Fanzines. Wir haben aber nicht den Anspruch, dass es irgendwann den großen Knall gibt. Ich glaube dafür ist die Musik einfach zu speziell.

PiN: Ihr wart mit BLACKMAIL auf Tour und euer Album erschien auf deren Label.

M: Ja, BLACKMAIL war eine große Unterstützung für uns und wir sind sehr dankbar dafür. Wir sind ganz anders als die, aber wir sind auch anders als THE HIRSCH EFFEKT, mit denen wir jetzt unterwegs sind. Da gibt es gewisse Überschneidungen bei der Musik, aber nicht all zu viele. Auf jeden Fall ist es gut mit ihnen.

PiN: Wie habt ihr euch kennen gelernt?

M: Wir hatten im Conne Island in Leipzig einen Gig und suchten nach Bands die wir gerne dabei haben wollten. Bei THE HIRSCH EFFEKT kannte ich den Namen und ein ganz altes Foto, wo sie nackt im Wald stehen und der Ilja noch Rastas hat. Anfangs hab ich die gar nicht ernst genommen und dachte, das sei so’n verschrobener Art-Rock. Auf der Suche nach Bands für den Gig hab ich sie angehört – seitdem ist das meine absolute Lieblings-Band aus Deutschland. Es gibt für mich keine besser Band in diesem Land!

PiN: Jetzt bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie noch nie gesehen habe und sie gerade auf der Bühne sind, während wir hier reden.

M: Ja, die musst du dir auf jeden Fall mal geben (lacht).

PiN: Von euch kommt eine neue Single namens „Genesia“ via iTunes raus. Bringt ihr die auch auf Vinyl oder CD?

M: Nee, wir sind eigentlich überfällig, lassen uns aber Zeit. Vor gut zwei Jahren haben wir unser Debut-Album rausgebracht, also sind wir dem Business-Takt ganz schön hinterher. Normalerweise müssten wir eins nachgelegt haben, aber wir haben keine Lust gedrängt zu werden. Wir wollen erst mal schauen was so geht. Die Single ist vielleicht das poppigste Lied, was wir jemals geschrieben haben. Wir haben allerdings neue Songs, die viel düsterer und härter sind. Wir haben uns noch nicht festgelegt und werden das wahrscheinlich auch nicht so schnell tun. Vielleicht bringen wir zwei EP’s raus, von der die eine poppig und die andere härter wird, mal sehen. Heute haben wir drei neue Songs gespielt, das haben wir uns schon mal getraut.

PiN: Der Gig wirkte sehr routiniert und gut, ihr habt euch ja auch gut vorbereitet, wie ich hörte.

M: Für die drei Shows inclusive Leipzig und Dresden auf jeden Fall. Wir wollten mal was anderes machen und etwas experimenteller sein und haben uns Mühe gegeben…ich hoffe du hörst das.

PiN: Besonders gefallen hat mir eure Version von „What else is there“ aus der Feder von RÖYKSOPP mit der Sängerin Karen Dreyer von THE KNIFE. Wie seid ihr darauf gekommmen?

M: Ich mag diesen Song sehr gern und hab gemerkt da ist eine Gitarre drin (macht sie nach:) Din din din din din…. eine Gitarre ist bei RÖYKSOPP ja nicht so gängig. Ich dachte: Was passiert, wenn wir ALLES aus dem Song auf Gitarren übertragen? Das ist schon ´ne Weile her. Wir haben um neunzehn Uhr mit dem Proben angefangen und den Song immer wieder gehört und gespielt und um fünf Uhr morgens sind wir – drogenfrei, möchte ich ergänzen – aus dem Proberaum gegangen und das Ding war fertig.

PiN: Hörst du sonst auch gerne Musik aus anderen Genres?

M: Karen Dreyer von THE KNIFE finde ich großartig, die Frau ist unfassbar, und ihr Solo- Projekt FEVER RAY ist der Hammer! Sie ist so eigenartig und sehr speziell mit diesem hohen und spitzen Gesang. Das könnte einem auch auf die Nerven fallen, aber ich finde es unglaublich toll. Ansonsten höre ich wenig Musik – ich bin bei dem Thema auch sehr wählerisch.

PiN: Aber FEVER RAY und THE KNIFE geht?

M: Ja, die haben mich umgehauen, FEVER RAY noch mehr als THE KNIFE.

Benny: Welches Lied gefällt dir am besten?

M: „Seven“ glaub ich heisst das (Imitiert Karen Dreyer´s Gesang) „I foouund a frriiiiiiiend!“. Schwierig finde ich das sie so mystisch und ein bisschen hexenmässig drauf ist. Wenn sie mit dem Schamanen-Zeug anfängt, bin ich raus. Deswegen weiß ich nicht, ob ich auf ein Konzert gehen will.

PiN: Ich hab noch nie ein Video von FEVER RAY gesehen – aber welche von euch. Was hat es zum Beispiel mit dem See von „Lake Saur“ auf sich?

M: Trick 17: Das Video wurde nicht am Lake Saur gedreht, sondern an meinem Lieblingssee, dem Zwenkauer See. Der gehört zum so genannten Neuseenland von Leipzig. Da werden viele Seen geflutet, das war vorher ein Tagebau-Gebiet. Als wir gedreht haben, wurde gerade der Zwenkauer See geflutet, was bedeutet: das was im Video zu sehen ist, gibt es alles gar nicht mehr und du siehst auch nicht mehr, wo das war. Ich bin öfter an dem See, weil er menschenverlassen ist. Der Dreh war sehr anstrengend. Wir haben an einem Tag von früh bis spät in die Nacht mit einem guten Freund von uns gearbeitet, dem Philipp Hirsch. Der werkelt gerade an seinem ersten Film, der nur gut werden kann. Ich darf aber noch nichts weiter darüber sagen.

PiN: Ich hab gehört ihr seid schon mal durch Georgien und Armenien getourt.

M: Wir waren schon mal in Norwegen und Schweden unterwegs und dann halt in Georgien und Armenien inclusive dem Kaukasus, Bergkarabach und die autonomen Regionen. Das waren sozusagen unsere großen Auslandstourneen. Die Erinnerungen daran werden immer an mir hängen bleiben. Die Leute kannten uns kaum, uns gab es ja erst ein halbes Jahr zu der Zeit, und wir hatten gerade mal ein vierzigminütiges Set. Wir wurden dahin eingeladen und es handelte sich um eine Tour durch alte Theater und Opernhäuser. Die Konzerte waren sofort ausverkauft. Erst dachten wir es kommt niemand, weil wir um zehn vor sieben abends in den Saal reinschauten, und da war niemand. Um eine Minute nach neunzehn Uhr war der Saal voll. Die Leute waren total dankbar. Das Publikum kennt deutschen Bands wie TOKIO HOTEL, RAMMSTEIN und SCORPIONS, und jetzt kennen sie auch noch uns.

PiN: Wie geht´s dir denn damit, eine Gemeinsamkeit mit diesen Bands zu haben?

M: Wenn du da unten bist spielt das keine Rolle mehr. Wir haben in einer Stadt gespielt, die vergleichbar mit Hamburg ist. Die hatten den Rider falschrum verstanden: wir hatten einen geschickt wo drauf steht was wir brauchen, und die dachten es steht das Zeug drauf was wir mitbringen. Es war also nichts da. Wir haben in der alten Oper auf dem Dachboden ein altes Schlagzeug gefunden. Da war nur ein Fell dran und eine alte schrumpelige Bass Top. Das haben wir mit Gaffa-Tape an Stühlen und Tischen zusammen geschustert und dachten: hier wohnen dreihunderttausend Leute, lass uns doch mal kurz zum Musikhändler fahren und was ausleihen. Wir bekamen mitgeteilt, da gäbe es nichts und man müsste in die dreihundert Kilometer entfernte Hauptstadt fahren. Da gibt es kaum Konzerte. Hier in Berlin oder Leipzig oder auch Hannover kannst du die ganze Zeit auf Rockkonzerte gehen. Es gibt in diesen Ländern auch nur wenig Leute, die sich ein Konzert leisten können.

PiN: Gehen die Leute in dem Fall zu jeder Band die kommt, oder ist bei euch dann doch ein spezielles Publikum?

M: Ja klar, das ist nicht vergleichbar mit den anderen genannten Bands. Es waren auf jeden Fall viele jungen Leute da, die haben uns die Hand geschüttelt und sich bedankt, bevor wir überhaupt angefangen hatten. Das war sehr surreal, weil wir hatten ja bis dahin gar nichts gemacht und hätten uns eigentlich bei DENEN bedanken müssen, das wir das alles erleben durften.

PiN: Waren die Theater und Opernhäuesr eher schick oder runter gerockt?

M: Das war so´n Russen-Schick will ich mal sagen: alte ehrwürdige Opernhäuser. Ganz oben – so wie im Kino wo der Film abgefahren wird – sitzt ein alter Mann und steuert die Boxen: er hat den Master in der Hand. Wir hatten ein Vierspur-Mischpult vor der Bühne stehen – in einem Opernhaus! Wir haben alles selbst gemischt mit unserem Tontechniker, und auf einmal war nichts mehr zu hören, während wir spielten. Hochgedreht, neu losgelegt, gespielt, alles cool. Dann kam wieder nichts mehr. Irgendwann kam raus, dass der alte Mann da oben dachte: „Neee, das ist zu laut.“ Deshalb hat er immer den Master runter gedreht. Wir haben die Leute gebeten, ganz freundlich zu ihm zu sagen, dass er nicht mehr da dran dreht. Die: „Ja, machen wird – alles gut.“ Wir stellten alles richtig ein, der Laden war voll, die Leute sind ausgerastet – und natürlich hat der Herr den Sound wieder runter geschaltet und wir haben alle vier Regler auf Anschlag gedreht (lacht). Das war wirklich geil. Zu dem Zeitpunkt gab es ein richtig schlechtes Foto von uns, das war total retuschiert. Georgische und armenische Jugendliche haben das runtergeladen, gross kopiert und ausgedruckt. Dann haben sie es als Transparente mitgebracht, mit Glitter drauf gesprüht. Uns gab es zu der Zeit ja eigentlich noch gar nicht. Das war echt surreal, nach zehn Shows in Deutschland in eine solche Situation zu geraten.

B: Zwei Jahre danach haben die Leute uns geschrieben, als die Russen in Armenien einmarschiert sind. Das sind Bekannte, es war alles ein bisschen so wie hier und auf einmal ist dort Krieg. Das war heftig. Man hat einen persönlichen Bezug.

M: Es gibt kein Misstrauen unter den Leuten, anders als in Deutschland oder Europa. Trotzdem gibt es so krasse Konflikte wie in dieser autonomen Gegend um Karabach, wohin wir mit zwanzig Leuten im einem Bus gefahren sind. Wir sind durch vermintes Gebiet gefahren und durften nicht aussteigen. Auch das war surreal, weil wir dachten, wenn du dort den Fuss in eine falsche Hecke setzte, dann war´s das. Du bist umringt vom Tod. Dazu die Leute, welche anders als hier nicht mit verschränkten Armen vor dir stehen: mal kucken was sie so spielen – sondern sie stehen gespannt weiter vorne und denken: Wow krass – Live Musik!

PiN: Gerade grössere Städte wie Berlin gelten ja als eher schwierig, was das Publikum angeht.

M: An Städten kann man das aber nicht festmachen.

B: Nee, heute ist ja jeder multimedial ausgerüstet. Es ist alles verfügbar.

M: Wir haben viele Gigs gespielt, wo die Veranstalter hinterher zu uns kamen: „Sorry für unser Publikum! Das ist immer so in dieser Stadt! Und das ist NUR hier in dieser Stadt so!“ Wir haben aber viele gute Erfahrungen gemacht, auch in Städten wie Bielefeld und Hannover. Im Lindenpark haben wir unplugged gespielt, das war sehr schön. Alle Songs umgeschrieben: auf Country, Reggae oder Muschepupu (lacht). Das war auf jeden Fall ein sehr intimer und wunderschöner Abend in Hannover.

PiN: Können wir weitere Unplugged-Gigs von euch erwarten?

M: Wir wollen – aber es ist sehr anstrengend und viel Arbeit, weil wir davor viel proben müssen. Im Moment haben wir andere Prioritäten, weil wir mal langsam zu Potte kommen wollen (lacht).

PiN: Da ihr alle so unterschiedliche Sachen macht, die zum grossen Teil einen künstlerischen Hintergrund haben, interessiert mich wie ihr innerhalb der Band kooperiert.

M: Der Job spielt nicht in die Musik rein, deshalb gibt es da keine Überschneidungen. Durch die kreativen Jobs haben wir wenigstens ab und zu mal Zeit, durchaus auch mal zwei Wochen im Monat, wo wir es uns erlauben können, mit der Musik Zeit zu verbringen.

B: Das Menschliche spielt viel mehr rein, weil bei fünf kreativen Geistern mit teilweise unterschiedlichem Output auch Reibung erzeugt wird. Was wir live spielen, entsteht aus den fünf verschiedenen kreativen Meinungen.

PiN: Martin, vielen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast, und Benny, dir auch.





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