Am 10. Februar erscheinen auf dem Label Bureau B zwei Sampler mit vielen Gemeinsamkeiten. Sie enthalten elektronische Musik, die im Underground der 1980er Jahre stattfindet, in der avantgardistische Ansprüche und experimentelle Produktionsmethoden über Verkäuflichkeit stehen, und die sich ausschließlich über Kassetten verbreitet. Eine fokussiert sich auf Düsseldorf, die andere auf die Szene in der DDR.


SAMMLUNG: Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982-1989
Düsseldorf war in den 1970ern die Stadt von Kraftwerk und Neu!, also sogenannter Kosmischen Musik, in den späten 1970er und frühen 1980er Jahre wurden dann im Ratinger Hof Punk-Phänomene aus England rezipiert und sich produktiv zu Eigen gemacht. Mit der Kneipe verbindet man Gruppen wie Fehlfarben, ZK, Mittagspause oder Deutsch Amerikanische Freundschaft, die in gewisser Hinsicht mitverantwortlich für die Entstehung der Neuen Deutschen Welle waren, in welcher sich die Haltung und Idee von Punk allerdings größtenteils verwässerten. Was sich zeitgleich eher im Verborgenen abspielte, dokumentiert die SAMMLUNG. Hier vermischt sich das Elektronik-Erbe von Kraftwerk mit der Vorliebe für das Spontane und Ungeglättete von Punk im Kontext einer noch immer grauverschleierten und betonversiegelten Stadt der Nachkriegszeit.

Kassettenmusik

Inhaltlich ist die Platte sehr divers: manche Stücke basieren auf polyrhythmischen Sequenzen und Minimalismus-Repetitionen und lassen sich als Proto-Techno beschreiben (z.B. KONRAD KRAFT), andere erinnern in ihrer Leichtigkeit eher an die Musik von Neu! (PFAD DER TUGEND, DEUX BALAINES BLANCHES). Wiederum andere klingen filmmusikalisch oder lassen sich unter Ambient einordnen (DINO OON, KURZSCHLUSS), und stehen damit verstörenden und fordernden Stücken gegenüber (MARIA ZERFALL). Im Bootleg ist von einer „Post-Band-Musik“ die Rede, aber das mehrmalige Auftauchen von einzelnen Namen in den Credits (u.a. Catherine Ledit, Konrad Kraft, Heinz-Adolf Tack) zeigt, dass im Sinne einer Szene eher kollaborativ zusammengearbeitet wurde statt eigenbrötlerisch sein eigenes Ding zu machen.


V.A. MAGNETBAND. Experimenteller Elektronik-Underground. DDR 1984-1989
Dass die Musik auf diesem Sampler in dem staatlich sehr stark geregelten Musikbetrieb der DDR (Sanktionen, Genehmigungspflichten, Zensur, …) entstehen konnte, ist mir ab dem ersten Track rätselhaft. Aber klar, wir befinden uns hier im Underground, wo auf Tapes an den Vorgaben des Staats vorbei veröffentlicht wurde.

Kassettenmusik

Was dieser Sampler zeigt: auch die DDR hatte seine Genialen Dilletanten. Mit „Erika“ von A.F. MOEBIUS fängt die Platte schon wunderbar durchgeknallt an. Als LoFi-Techno könnte man das Stück bezeichnen, genau wie das darauf folgende „Klatschmohn“ von KRIMINELLE TANZKAPELLE oder die Acid-Nummer „Jab Gab Hej“ von APONEURON. Dem gegenüber steht beispielsweise der trashige elektronische Blues „Immer“ von HEINZ & FRANZ, oder experimenteller Dub-Reggae von STOFFWECHSEL. Ein Highlight ist „Die Kuh“ von DER DEMOKRATISCHE KONSUM, was mich musikalisch wie textlich („Auf der Straße sterben Menschen, auf der Wiese steht die Kuh“) stark an den dadaistischen Punk von PISSE erinnert. Als „kongruent zur Absurdität der realen Existenz“ fasst Bert Papenfuß, der an der Zusammenstellung der Stücke maßgeblich beteiligt war, den Gesamteindruck zusammen. Sehr schön sind hier die Informationen zu den einzelnen Tracks im Bootleg, die einen tieferen Blick auf die Produktionen ermöglichen.


FAZIT: Beide Sampler sind gleichermaßen hörenswert. Ob man im Osten nun radikaler, oder in Düsseldorf die Szene der DDR gar nicht so unähnlich war, entscheidet man am besten selbst. Vielleicht kannte man sich auch vereinzelt und es fand sogar ein Austausch statt. Danke an Bureau B für die Veröffentlichung dieser beiden tollen Platten! Ein Stück Musikgeschichte, dass glücklicherweise nicht verloren geht.


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