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Drei Alben in sechsundzwanzig Jahren ist nicht unbedingt der Traum einer Plattenfirma. LEFTFIELD´s drittes Werk „Alternative Light Source“ erscheint gerade mal sechzehn Jahre nach Album 2 namens „Rhythm and stealth“ welches für leftfield´sche Verhältnisse im Blitztempo nur vier Jahre nach ihrem Eletronik-für-alle-Ewigkeiten beeinflussenden „Leftism“ veröffentlicht wurde.

Die zwei Ur- und Gründungs-Mitglieder Neil Barnes und Paul Daley lernten sich beim Congas-Spielen in einem Club kennen. Neil war bereits durch eine interessante musikalische Schule gegangen, hatte mit neun die Beatles entdeckt, später Donna Summer und Giorgio Moroder, wurde zum Buzzocks-, Wire- und Sex-Pistols-Fan und reiste Joy Division während einer UK-Tour hinterher. Zwischen den beiden klickte es sofort, was die musikalische Sichtweise der Welt angeht. Sie veränderten eine von beiden gemochte Filmmusik Richtung Elektronik. Dieser Track „Not forgotten“ wurde die Debut-Single von LEFTFIELD. Der Durchbruch liess noch etwas auf sich warten und wurde durch den BBC-Boykott des bekanntesten Liedes (aufgrund der Worte: „Burn Hollywood Burn“) nicht aufgehalten: mit John Lydon aka Johnny Rotten als Gastsänger war ein Hit geboren, der sich zwischen Techno, Punk und Wahnwitz bewegte und damit ganz gut einen grossen Teil von LEFTFIELD beschreibt. Denn die Band liess so viele Genres in ihre Musik einfliessen, das es keinen passenden Namen für ihr Werk gibt. Vielleicht einfach Leftfield? Zumindest galt dieses Wort bei den britischen Blättern DJ Magazine und Mixmag zeitweise als eigenes Genre.

Häufig werden LEFTFIELD auch als Begründer und Pioniere der so genannten „Intelligent Dance Music“ bezeichnet. Der Begriff ist allerdings zwiespätig, da er suggeriert, das Tanzmusik vorher dumm oder blöd war, was selbstverständlich nicht der Fall ist. Jedenfalls nicht häufiger als in anderen Genres wie zum Beispiel Rock. Vielleicht wäre „Politically Uploaded Dance Music“ ein besserer Begriff: hier hatten LEFTFIELD neben den genialen und kurz vorher da gewesenen 1-Million-Pfund-Verbrennern THE KLF die Nase vorn.

Heute sieht die Sache so aus: Paul ist nicht mehr an Bord. Ende der Neunziger und Anfang der Nuller Jahre gab es häufig Unstimmigkeiten zwischen ihm und Neil. Irgendwann war die Freundschaft und die bis dahin ergiebige musikalische Partnerschaft flöten gegangen. Somit stellte sich die bange Frage, ob ein neues LEFTFIELD-Album ohne Paul Daley trägt. Es kann Entwarnung gegeben werden: es „trägt“ nicht nur, vielmehr ist ein grosser Wurf gelungen.

Das neue Album „Alternative Light Source“ wurde deutlich mitgestaltet und beeinflusst durch Adam Wren, der „Rhythm and Stealth“ mitproduziert hatte.

Schon bei den ersten Takten wird klar: LEFTFIELD klingen zwar noch immer wie LEFTFIELD, aber natürlich wurde der Sound zeitgemäss aufgemöbelt, wobei sich analoge wie digitale Klänge im rosenberg´schen Sinne wie Sand und Meer vereinen – oder aber gegeneinander antreten wie zwei Krieger aus unterschiedlichen Game-of-Thrones-Ländern. Ähnlich hat das Stuart Price beim letzten PET SHOP BOYS-Album hinbekommen. Tatsächlich erinnern gar nicht so wenige Momente an deren vorvorjähriges „Electric“. Das zweite, ziemlich instrumental gehaltene Stück „Universal Everything“ lässt einen dann auch gleich weiter auf dem Techno-Floor verweilen, während beim dritten Lied „Bilocation“ das Tanzbein geschwungen werden kann, die Musik aber etwas nervöser und verdröselter klingt und….Moment mal, die Stimme kenne ich doch?

Wieder mal sind es diverse Gastsängerinnen und -Sänger, die dem Album besondere Kicks verpassen: waren es früher zum Beispiel Afrika Bambaataa und John Lydon, so sind es dieses Mal Tunde von TV ON THE RADIO, Channy Leaneagh von Poliça beim gerade erwähnten „Bilocation“ und bei „Little Fish“ – sowie Sänger Jason von den SLEAFORD MODS bei „Heads and shoulders“. Gemeinsam mit Ofei (später dazu mehr) sind vier tolle Künstler mit ganz unterschiedlichen Stimmen und Backgrounds dabei, die den Liedern eine spezielle Note verleihen.

Tunde’s Stimme setzt sich gegen die krass geilen, tanzbaren flächige Beats und Keyboard-Kaskaden von Opener „Black Radio“ tatsächlich durch (das Lied erinnert ein wenig an den ALTER EGO-Klassiker „Gary“ – wow!) Bei „Heads and shoulders“ erklingt am Anfang ein seltsamer Sound, der so klingt wie die langsam entweichende Luft aus einem Ballon. Sleaford-Jason gibt – so wie in seiner eigenen Band – den grössten Nölkopp neben Mark E. Smith. Bei ihm geschieht dies allerdings in einem britisch akzentuierten Rap-Gewand bei gesellschaftskritischem Text und tanzbarer, wenn auch leicht schräger Musik. Damit tritt er in die ziemlich grossen Fußstapfen von dem noch lange nicht verrotteten Johnny, denn dessen damaiges „Open up“ mit LEFTFIELD erinnert an seine eigene Band PIL.

So verschiedenartig die gesungenen Tracks klingen, sie haben eins gemeinsam: die allesamt interessanten Stimmen stehen gleichberechtigt neben dem elektronischen Sound, und manchmal entsteht das Gefühl, der Gesang funktioniert trotz der Wichtigkeit der Texte wie ein Instrument neben und in den Klängen.

Neben dem deutlich analog klingenden „Dark Matters“ ist lediglich das letzte Drittel des Albums ein bisschen ruhiger, wenn auch die Dramaturgie teilweise enorm hoch bleibt („Storm´s End“). Der Titelsong wartet mit keyboardlastigen Ambient-Passagen auf, die sich stromgepimpt anfühlen, während akustische Gitarren Akzente setzen. „Shaker Obsession“ holt uns noch mal zurück auf den Dancefloor. Das letzte Lied „Levitate for you“ fällt komplett aus dem Rahmen, hauptsächlich wegen Sänger Ofei, der zu einem souligen Abschluss verhilft. Dem Vernehmen nach wolte Neil einst, dass George Michael den Track singt. Diese Info entlockte mir anfangs ein vieldeutiges „Puuuuuuuh“.

LEFTFIELD absolvieren im Frühsommer acht Konzerte im United Kingdom. Diese sind bereits alle ausverkauft. Für das Festland und für Deutschland sind noch keine Termine gebucht – hoffentlich ändert sich das bald. Es wäre schön zu erleben, wie „Alternative Light Source“ live klingt und ausschaut, und wie der Sound auf „Head and shoulders“ erzeugt wird, damit ich das Bild aus dem Kopf bekomme, wie Neil Barnes mit einem knallbunten Luftballon im Studio steht und die Luft aus ebendiesem entweichen lässt.


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1 Kommentar

  1. Kai

    Mittwoch, 3. Mai 2017 um 11:40:33

    Tja, was soll ich sagen, jetzt, zwei Jahre nach dieser Rezension, höre ich seit Wochen diese Scheibe rauf und runter und muss sagen, Nico Kerpen hat’s mit seiner Rezension voll getroffen. Das ist für mich Qualitäts-Musikjournalismus. Die Scheibe ist ein absoluter Buirner, für mich 10/10. Anhören, immer wieder und wieder!

    Ergänzen

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