Leoniden im Interview 2017

Am 24. Februar hat die Kieler Band Leoniden ihr selbstbetiteltes Album herausgebracht, und schon steht die erste große Tour an. Für den Sommer sind auch schon mehr als 30 Festivals geplant. Pretty in Noise hat sich mit Sänger Jakob und Gitarrist Lennart in ihrem Hamburger Studio getroffen um über ihre Musik, deutsche Songtexte und Kiel zu reden.


PiN: Wie kam es, dass ihr euer eigenes Label gegründet habt?

Lennart: Wir haben uns mit Labels getroffen, sind uns aber mit keinem so richtig einig geworden. Das lag bestimmt zu einem Teil an uns, weil wir gewisse Sachen wollen und gewisse Sachen nicht wollen. Zum Teil liegt es aber auch daran wie die Musikwelt so funktioniert, dass man bei ganz vielen Sachen mitspielen muss und das kommt für uns nicht in Frage. Andererseits machen wir schon ewig lange Musik, wir haben lange in Punk Bands gespielt, viel Konzerte selbst organisiert, also uns liegt das DIY nicht so fern. Wir sind es gewohnt Dinge selber zu machen und machen das auch gerne. Das ist auch manchmal komisch wenn andere Leute Aufgaben übernehmen, die ich am liebsten selbst mache oder die wir gerne zu fünft entscheiden wollen. Wir haben intern für die Bandaufgaben eine gute Verteilung aber haben auch unser Team größer gemacht als uns fünf. Wir haben Freunde, die gut als Graphiker sind, Videos drehen, und so weiter und so fort.

Lennart: Wir haben den Anspruch – auch wenn das blöd klingt oder kitschig oder abgedroschen – dass wir nur mit Leuten zusammen arbeiten wollen, mit denen wir auch befreundet sind. Und mit denen wir halt auch Bier trinken können, mit denen man sich halt auch mal streiten kann ohne, dass es so komisch ist wie wenn du bei O2 bei der Hotline anrufst. Das ist schon cool, dass der Booker halt unser Kumpel ist, und dass unser Managerfreund Henning, uns total unterstützt in Sachen von denen wir einfach keinen Plan haben. Und Benny unser Promo Mensch ist halt genau so ein Kumpel, den wir von früher von Konzerten kennen und ich möchte es mit niemandem lieber machen.

Jakob: Diese Zusammenarbeit mit anderen Labels schließen wir nicht aus, aber es hat einfach nie so gefunkt, dass wir gedacht haben das ist wirklich ein Vorteil für uns. Deswegen haben wir es dann selber gemacht.

PiN: Gerade mit dem eigenen Label, dem Artwork und der Website wirkt das bei euch ja schon echt professionell und hat gar nicht den typischen DIY Charakter, wie kommt das?

Lennart: Das glaube ich liegt daran, dass wir einfach bescheuert sind und uns sehr lange und viel Zeit und Mühe darein stecken. Die Seite haben wir zum Beispiel selbst gebaut. Und es ist 19 Mal schief gegangen und beim 20. Mal waren wir zufrieden. Wir machen den Shop selbst und Jakob saß da Tagelang und hat diesen Kram programmiert, (Leidende Zustimmung von der Seite) ohne Ahnung davon zu haben, mit irgendwelchen Youtube Tutorials. Und am Anfang geht auch alles schief. Wir haben bei den ersten 100 Bestellungen viel zu wenig Porto genommen, und haben eher noch Verlust gemacht. Weil keiner auf die Idee gekommen ist auf die Post zu gehen und zu fragen: Was kostet das eigentlich wenn man so was verschickt. Wir haben einfach gepeilt: „Ja so zwei drei Euro“ und dann kostet das vier euro achtzig.

Jakob: Als wir gesagt haben: „OK, wir machens selber“, haben wir gesagt: „Wir müssen es unbedingt gut machen.“ Wir haben viele Bands aufsteigen und fallen sehen, viele Bands die sagen wir machen es doch DIY. Und das endet ganz oft darin, dass Bands schlampig werden, oder sich am Anfang darum kümmern und dann nicht mehr. Da sind wir halt ganz anders. Wir sind super neurotische Perfektionisten, auf jeden Fall, aber arbeiten halt auch gut und diszipliniert.

Lennart: Der Nachteil ist, und das sieht man von außen vielleicht nicht so. Wir sitzen da halt seit Jahren dran. Wir waren auch mal kurz davor vor eineinhalb Jahren das Album herauszubringen. Das wäre total die scheiß Idee gewesen. Weil da wesentliche Lieder darauf fehlten, plus dass wir keine Ahnung hatten, und bei einer ganz anderen Bookingagentur waren. Das war schon gut, dass wir uns da selbst gebremst haben. Auch wenn es viel Geduld gebraucht hat. Und das ist nicht unsere Stärke.
Eure Musik ist ja eher positiv. Das ist in den letzten Jahren in der deutschen Musikszene eher selten geworden. Seid ihr einfach nie traurig oder war das ganz bewusst?

Lennart: Also man muss dazu sagen, wir sind zum Beispiel mit der Ringer super gut befreundet. Wir finden auch die Musik richtig cool, vor allem live ist es der Hammer. Ich weiß nicht genau, wir saßen zwei Sommer lang im Proberaum, und haben auch ganz viel ausprobiert. Und irgendwie auch den allergrößten Großteil auch verworfen von dem was wir angefangen haben.

Jakob: Was richtig Düsteres war auch nicht dabei.

Lennart: Nein, wir haben aber auch nicht darauf geachtet. Mir war es nie bewusst, dass es wirklich fröhliche Musik ist. Aber tanzbar ist auf jeden Fall ein Kriterium das uns wichtig ist. Da sitzen wir im Proberaum und überlegen: „Nee, das ist uns zu lahm. Lass das mal ein bisschen flotter machen“, oder irgendwie so. Aber das es jetzt irgendwie happy ist – chronisch fröhliche Musik – das habe ich nie so gesehen. Vor allem weil die Themen auch Teil überhaupt nicht happy sind. Vielleicht muss man das mal auf halber Geschwindigkeit hören.

Jakob: Inhaltlich gibt es schon auch andere Songs, die ein bisschen deeper sind. Wir singen ja auch nicht so Mädchen-tanz-mit-mir Texte das wäre nicht so geil glaube ich. Aber das war nie ein bewusster Abgrenzungsmechanismus. Wir haben gesagt wir wollen nicht auf Deutsch singen auch wenn das gerade alle machen.

Lennart: Ich höre richtig viel deutschsprachige Musik und auch viele meiner Lieblingsbands singen auf Deutsch und das stört mich gar nicht. Aber bei uns hat sich das irgendwie nicht so gut angefühlt ich weiß auch nicht. Vor allem haben wir aber auch total viele Einflüsse die halt nicht deutsch singen.

PiN: Bei Englischen Texten hören die meisten ja auch gar nicht mehr darauf, und die Musik rückt in den Vordergrund.

Jakob: Tendenziell hast du recht, ich kenne das von mir selber wenn ich einen Song auf meiner Muttersprache höre, dass ich den ob ich will oder nicht inhaltlich viel näher an mich ran lasse und viel eher verstehe. Und ich glaube, dass die Texte bei Leoniden nicht komplett verpuffen, da manche Texte sehr naiv und auch einfach sind. Die man wirklich auch beim hören auch checkt. Ich denke jetzt gerade an die Hook von Nevermind. Und auf der anderen Seite auch manchmal dann sehr kryptische Momente, die dann aber auch nicht affektiert nerven, weil sie auf Englisch sind.

Lennart: Ich will auch dazu sagen, wir sind Kieler, und du bist von Kiel aus in drei Stunden in Kopenhagen, und es dauert 8 stunden nach München oder sechs stunden nach Köln. Ich will jetzt nicht international sagen, das klingt Größenwahnsinnig, aber das wäre ja total naheliegend im Jahr 2017, dass du auch statt immer nur in den Süden fährst mal die 100 Kilometer in den Norden fährst und dann spielst du mal in einer dänischen Universitätsstadt. Da gibt es genau so viele Leute mit schlecht sitzenden Hosen und komischen Mützen auf dem Kopf.

PiN: Seid ihr in Kiel abgeschottet von der Musikszene, wie zum Beispiel in Hamburg?

Lennart: Ist bestimmt so, in Kiel sind wir schon einfach unter uns.

Jakob: Ich habe gerade überlegt, wenn wir alle jetzt 10 Jahre in Hamburg wohnen würden, würden wir dann so eine Musik machen.

Lennart: Ich glaubs nicht eigentlich. Vielleicht hätten wir uns wenn wir das Album in Hamburg, oder in Köln oder in Berlin geschrieben hätten, genauso einfach im Proberaum verschanzt.

Jakob: Was ich auf jeden Fall feststelle, was bei Leoniden halt echt spannend ist, wie unterschiedlich die Einflüsse bei den einzelnen Leuten sind und wie sich das dann am Ende auf das Songwriting auswirkt. Lennart alleine ist schon das gelebte Paradox für mich gewesen, weil er der größte „The Mars Volta“ und gleichzeitig der größte „Michael Jackson“ Fans ist, den ich kenne. Und ich glaube das ist einfach das Größte, deswegen hätte es vielleicht auch in Köln passieren können.

Lennart: Wir haben aber auch Leute in der Band, die gar nichts mit dieser Musikszene zu tun haben. Also nicht, weil sie die aus Prinzip scheiße finden sondern, die leben halt in einer anderen Szene in einer anderen Welt. Und die schreiben da auch alle mit.

PiN: Im Song Nevermind geht es ja um deinen Umzug von Hamburg nach Kiel, und du singst „I’m living in a place that fucks me up“. War es wirklich so schlimm?

Jakob: Also es war nicht so, dass ich krass depressiv geworden bin in dieser kleinen kalten nassen Stadt, so ist es nicht. Der Gedanke nach Kiel zu ziehen kam irgendwann, weil einfach ein WG Zimmer frei war in Kiel und ich habe schon eineinhalb Jahre bei Leoniden gespielt. Und dann dachte ich: „Nein nein ich kann nicht nach Kiel ziehen, ich bin doch irgendwie Hamburger, ich habe hier gerade noch eine Band und ich bin theoretisch auch noch Student in Hamburg. Und dann gab es den Moment, als ich gemerkt habe: „Fuck das ist total schlau, das beste das ich machen kann, wir wollen jetzt ein eigenes Label gründen, wir wollen jeden Tag daran arbeiten ich kann doch nicht pendeln. Ich habe doch in Hamburg, nichts das mich hält“. Und dann war ich gerade sehr euphorisch, bin nach Kiel gezogen. Und dann gab es halt die erste Woche so diesen Moment, wo du wirklich deine Haustür zumachst, in deinem Zimmer sitzt und denkst: „Scheiße was mache ich denn jetzt eigentlich. War das jetzt das Richtige? Bin ich jetzt ganz naiv ins kalte Wasser gesprungen?“, und da ist Nevermind so ein bisschen entstanden. Jetzt, 8 monate später weiß ich auf jeden Fall, dass es der richtige Schritt war. Insofern kann man Nevermind jetzt retrospektiv gut beantworten.

PiN: Ist denn das Ziel mal reich und berühmt zu werden?

Lennart: Ich glaube nicht, also ne. Ich glaube wenn jemand reich und berühmt werden möchte, oder mindestens reich, dann sollte er keine Musik machen. Wir sind Studenten und arbeiten in schlecht bezahlten Nebenjobs, und halten uns mit Krampf über Wasser und wenn jetzt mal so ein bisschen Plus nach so einer tour kommt, dann müssen wir in erster Linie unsere Kredite abbezahlen, weil wir uns wirklich hart verschuldet haben, um das ganze Studio bezahlen zu können, um die ganze Produktion bezahlen zu können um die Platten herstellen lassen zu können. Und ich glaube, dass andere Leute in unserem Alter, die jetzt gerade schon fertig sind mit ihrem Studium oder schon nach der Schule angefangen haben zu arbeiten, bessere Vorraussetzungen haben, um reich zu werden. Wir machen das einfach weil wir die Musik geil finden, weil wir gerne auf Tour sind, das ist unsere Familie geworden. Also nicht nur wir Fünf sondern alle anderen, die da genauso mit dem Arsch mit drinhängen. Und darum machen wir das . Weil wir gerne kreuz und quer durchs Land fahren. Weil wir es irgendwie ganz schön finden, dass wir das einfach so durchziehen können und nicht aufgegeben habe. viele Leute, die jung sind haben irgendwelche Träume, wollen Fußballstar werden oder wollen Musiker werden oder was weiß ich, und dann hören die meisten halt auf. Und wir waren bescheuert genug es noch ein bisschen länger zu machen. Jakob sagt immer: Das ist so ein bisschen der Punkt, da kann es peinlich werden oder man steht da einfach drüber und zieht das halt durch

Jakob: So wie wir das gerade machen ist es einfach faktisch von der Zeit her die man reinsteckt ein Job.

Lennart: Es ist mehr als ein Fulltimejob.

Jakob: Ja also 24/7 ist mein Handy an und wir klären tausend. Natürlich wäre es schön und wäre auch fair, wenn man davon wenigstens auch überleben könnte. Dass man nicht noch einen Nebenjob machen müsste. Ja aber da sind wir auch ganz entspannt mit.

Lennart: Wir studieren gerade alle auf richtig doller Sparflamme, aber wir werden das trotzdem zu Ende machen. Gar keine Frage. Irgendwann ist der Punkt dann ist Schluss, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt auch einfach glaube ich Leute die den verpassen. Und zu denen möchte ich später nicht gehören. Irgendwann hast du dein Ding halt durchgezogen, entweder bist du ein Genie und kannst permanent noch einen draufsetzen oder du hattest halt deinen Output. So stelle ich mir das immer vor.

Jakob: Bevor wir ein scheiß Album rausbringen lösen wir uns auf. Das ist uns allen klar.

Lennart: Ich kann mit dem Gedanken auf jeden Fall leben. Ich finde den gar nicht traurig oder schlimm.

Jakob: Wenn du es machst, weil du mit Freunden eine schöne Zeit hast, das machst, was dir wirklich wirklich viel Spaß macht, dann macht man es auf jeden Fall richtig. Ich bin auch nicht ganz so wie Lennart, dass ich mir vorstellen kann mit 35 irgendwie einen anderen Job zu machen. Aber bevor wir uns dann irgendwann nur noch künstlich selbst kopieren und dann mit 40 noch „1990“ auf der Bühne schreien, sollten wir uns lieber auflösen.



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