Morten Gass von Bohren & der Club of Gore im Phonerinterview

Anand Ronghe und Marc Michael Mays im Interview mit Morten Gass von Bohren & der Club of Gore. Phonerinterview als Podcast vom 09.10.2012.

Titel im Hintergrund: Bohren & der Club of Gore – Beileid & Bohren & der Club of Gore – Karin

Morten Gass: Ja?

PiN: Guten Tag, Bergmann, von der staatlichen Gewinnzentrale, spreche ich mit einem gewissen Herrn Bohren?

Morten Gass: Ja, ich dachte schon das wäre ein Witz, haha, nicht schlecht!

PiN: Schönen Guten Abend, hier ist der Anand von Pretty in Noise.

Morten Gass: Haha, jaja, das hab ich dann jetzt auch gecheckt.

PiN: Ist es gerade günstig bei dir?

Morten Gass: Jajaja, ich hab Zeit.

PiN: Super, ich sitz hier grad mit dem Marc-Michael Mays und wir rufen dich aus Solingen an, wir sind so ein Indiemagazin, konzentrieren uns also mehr auf Neoklassik, Shoegaze, Post Rock und verrückte Nischenmusik. Ich war gerade so süffisant, möchten sie lieber gesiezt werden?

Morten Gass: Haha, nein nein, ist schon ok.

PiN: Okay, cool. Wollen wir dann einfach mal anfangen mit der ersten Frage?

Morten Gass: Äh, ja

PiN: Wie siehts aus mit der Tour? Ihr tourt so selten. Warum tourt ihr so selten und wie siehst du den anstehenden Gigs entgegen? Freust du dich darauf?

Morten Gass: Eigentlich seh ich dem wie immer entgegen, man freut sich drauf, mal wieder auf Klassenfahrt zu sein. Das mit den wenigen Konzerten hat zum einen den Grund, dass wir alle zusätzlich noch feste Jobs haben denen wir nachgehen. Zum zweiten hab ich da ehrlich gesagt auch nicht so viel Lust drauf mal hundert Konzerte oder mehr im Jahr zu spielen. Wir spielen 20 oder 50 Konzerte wenn es hochkommt und das finde ich schön.

PiN: Bist du gern auf der Bühne?

Morten Gass: Puh… auf der Bühne… auf der Bühne ist es erstens dunkel und es sind ja auch nur 1 1/2 Stunden. Ich spiele unsere Lieder gerne, sagen wir mal so, wobei das drumherum auch ganz lustig ist. Ich trink ein bisschen Bier und laber doof rum, wenn man es so sieht ist eigentlich alles ok.

PiN: Du hast gesagt ihr habt auch noch feste Jobs ausserhalb von Bohren und der Club of Gore, was machst du denn tagsüber?

Morten Gass: Ich arbeite in einer Telefonzentrale

PiN: Ach nein, wie lustig.

Morten Gass: Ja, das ist ein schöner Job, da hat man auch mal Zeit nachzudenken

PiN: Im Kundenservice?

Morten Gass: Nein, nein. In der Störungsannahme vom Wasserwerk.

PiN: Sind die Leute dort aggressiv, wenn sie anrufen?

Morten Gass: Selten, sehr selten.

PiN: Was machen die anderen Jungs? In welcher Branche arbeiten die?

MG: Zwei sind Krankenpfleger und Christoph, ja… der ist Musiker. Fährt aber nebenbei auch noch Taxi, wenn es schlecht läuft.

PiN: Das heisst, Bohren und der Club of Gore finanziert nicht eurer Leben?

Morten Gass: Nee, das wäre dann eine harte Nummer, da müssten wir ca. 200 Tage im Jahr unterwegs sein, und da hat keiner Lust drauf von uns, wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Wenn wir jünger gewesen wären, hätten wir wahrscheinlich gedacht “hey, jetzt aber los”. Andererseits hätte damit aber auch keiner rechnen können, dass es überhaupt so gut läuft.

PiN: Das läuft auch jetzt schon ganz schön lange ziemlich gut, oder?

Morten Gass: Lange? Joa… eigentlich läuft es schon lange gut, das stimmt. Ist auch besser, aber auch eben auch langsam. Ist jetzt nicht so, dass man in 3 Jahren einen Riesenschritt vorangemacht hätte. Den hat man dann in 20 oder in den letzten 12 Jahren gemacht.

PiN: Vielleicht liegt es auch an der Natur der Musik, dass sie sich erst langsam ausbreitet?

Morten Gass: Ja, und wir haben es ja auch nicht darauf angelegt, sonst würden wir wahrscheinlich andere Musik spielen, wenn wir damit hätten riesigen Erfolg haben wollen. Das ist die eigenliche Überraschung, das wir mit unserer Musik überhaupt wahrgenommen werden.

PiN: Ihr seid ja schon ziemlich lange stilführend bzw. avantgardistisch. Das ist ja dann auch eher Musik die dann am ehesten noch Musiker begeistert als den nicht musikalisch vorbelasteten Zuhörer. Woran liegt das? Habt ihr selbst eine sehr innovative Einstellung?

Morten Gass: Ich weiss garnicht ob das so ist, das Problem ist natürlich einen normalen Zuhörer erstmal zu solche Musik hinzuführen. Wird zudem ja auch immer schwieriger, da es immer weniger Plattenläden gibt, in denen man sich die Musik besorgen kann. Wenn wir auf Festivals spielen oder bei Theateraufführungen, da ist natürlich auch anderes Publikum, und die finden es auch gut. So wie meine Oma mir früher auch immer geschälte und geschnittene Äpfelchen hingelegt hat, weil ich sonst nicht gerne Äpfel esse, dann hab ich sie auch gegessen. Und genau so seh ich das mit unserer Musik, wenn jemand hingeht dann wird er sagen: “Oh, ist ja garnicht so schlecht”. Meistens ist das Publikum vielleicht irgendwelchen Krach gewöhnt und sind dann auch schonmal erstaunt, dass es nicht so laut ist und schön langsam und melodiös zugeht. Da hab ich sehr positive Erfahrungen gemacht.

PiN: Ich find das sehr nett, dass du so tief stapelst. Du wirst ja auch gemerkt haben, dass eure Musik, wenn auch nicht der breiten Masse, auch sehr vielen Leuten gefällt, die respektabel sind und deren Meinung überhaupt relevant wäre. Auch auf Facebook stellt ihr doch bestimmt fest, was für Menschen all eure Musik hören, oder?

Morten Gass: Ehrlich gesagt nicht, nein, wir sind auch noch nicht sehr lange bei Facebook. Seit einem halben Jahr glaube ich. Die Seite mach ich auch nicht, sondern der Robin, unser Bassist. Das hat er uns bestimmt verheimlicht das dort so viele tolle Menschen sind, ich hab keine Ahnung, haha.

PiN: Ein neueres Beispiel: Bei Amazon hab ich gelesen, dass Mike Patton (Faith No More, Fantomas Anm. d. Red.) bezüglich eurer CD “Beileid” auf euch zugekommen ist.

Morten Gass: Nein, nein, wir haben ihn gefragt, er hat uns unter Vertrag genommen für Amerika. Da ist er auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob wir nicht mal bei ihm ne Platte rausbringen wollen. Da haben wir natürlich gesagt “super”.

PiN: Wie kam der Kontakt zustande?

Morten Gass: Er hat uns wohl irgendwo mal gehört, er hat mir die Geschichte auch mal erzählt, die war auch ganz witzig, aber ich hab sie jetzt vergessen, haha. Ich glaube er hat die “Sunset Mission” gehört und uns daraufhin per E-Mail einen Brief geschrieben. Da haben wir wirklich grofles Glück gehabt.

PiN: Es gab mal ein VIVA-Special von euch bezüglich der “Sunset Mission”, richtig?

Morten Gass: Genau, als die Platte herauskam. So als eine Art Promoffensive, damals konnte man ja sowas im Musikfernsehen noch machen. Rangekommen sind wir daran durch einen guten Freund, der damals auch die Sendung “Wah Wah” betreut hat.

PiN: Denkt ihr, dass das damals ein grofler Booster war, was die Bekanntheit von Bohren und der Club of Gore angeht?

Morten Gass: Ich weiss es nicht mehr ehrlich gesagt. Es ist ja auch schon inzwischen 11 bis 12 Jahre her. Ich sag mal, geschadet hat es wahrscheinlich nicht, aber ich kann es nicht einschätzen.

PiN: Wo würdest du sagen, verkauft ihr momentan die meisten Platten?

Morten Gass: Das weiss ich nicht, das ist eine gute Frage, ich schätze mal über das Internet. Plattenläden gibt es ja kaum noch. Auf Tour verkaufen wir natürlich noch ein paar. Ich denke aber über Amazon, da müsst ihr unsere Plattenfirmen fragen. Sind ja inzwischen schon 3 die wir verschlissen haben.

PiN: Ihr habt Hydra Head kaputt gemacht, richtig?

Morten Gass: Haha, nein. Müsstet ihr mal nachfragen, die werden euch da sicher Auskunft geben. Nein, ich hab keine Ahnung, würde mich aber auch mal interessieren.

PiN: Wenn man einen Plattenvertrag auf eurem Level habt, wie kommen da Zahlungen? Kommt da einmal ein Betrag, kommt da jedes Jahr was? Wie läuft das?

Morten Gass: Nein, nein, da bin ich aber auch nicht der Passende, mit dem du darüber reden kannst. Da kümmere ich mich ehrlich gesagt am allerwenigsten drum. Letztendlich ist es ja immer ein Bandübernahmevertrag, wo man denen quasi das fertige Band in die Hände drückt und dann bekommt man da ein bisschen Geld für.

PiN: Hydra Head machen auch Bandübernahmeverträge?

Morten Gass: Ja, was denkst du denn? Künstlerverträge? Bandübernahmeverträge sind ja noch die nettesten Verträge, zumindest so wie ich die Sache verstehe.

PiN: Und dann liegen die kompletten Rechte beim Vertrag bzw. beim Label?

Morten Gass: Das sind jetzt echt Fragen. Keine Ahnung. Die haben natürlich ein paar Jahre Rechte an der Platte, die wandern aber anschliessend an uns zurück. Aber so genau kenne ich mich damit nicht aus, wir haben auch einen Anwalt, der die Verträge schickt, haha, aber letztendlich istr es auch immer eine Vertrauensfrage. Ich hab da am wenigsten Ahnung von, da müsstest du mit Christoph (Saxophon, Piano Anm. d. Red.) sprechen, der ist da etwas bewanderter.

PiN: Um mal zu einem Abschluss zu kommen, noch eine letzte Frage von mir, was hörst du für Musik im Moment? Gibt es da ein paar Bands die du gerne hörst, oder ein paar Songs, die dir nicht aus dem Kopf gehen?

Morten Gass: Poah… da fällt mir mal wie immer spontan nichts ein, da müsste ich mal kurz meinen MP3-Player anwerfen um zu schauen, was ich als letztes gehört habe. Es ist die Band vom alten Metal Church-Sänger, glaube die ist von 1990, ne alte Heavy Metal-Platte. Reverend heissen die. Plattencover ist auch so ein bisschen kitschig. So ein Hut mit einem Friedhof drauf. Ein amerikanischer Pfarrerhut würde ich sagen. World Won’t Miss You. So toll ist die jetzt nicht, aber sie lief halt eben zufällig.

PiN: Zwei kleine Fragen hab ich doch noch.

Morten Gass: Jaja, ich hab ja Zeit.

PiN: Es gibt jetzt auch viele jüngere Leute, die bei eurem Stil einsteigen in diese ganze Neoklassik-Nummer, und alles langsamer zu machen ist eine gute Antithese zu dem was momentan so im Mainstream läuft, könntest du 2 oder 3 Alben empfehlen für die nachfolgende Generation um zu sagen: “Das solltet ihr gehört haben, wenn ihr was Gutes hören wollt!”?

Morten Gass: Da würd ich sagen von Slayer “Hell Awaits”, von Sade “Promise” und ne schöne Easy-Listening-Platte, das ist auch immer gut.

PiN: Dann kommen wir zur letzten Frage: Du hast ja gesagt, dass ihr alle noch feste Jobs habt, inzwischen habt ihr sicher auch Familie und seid auch schon ziemlich lange im Business, die Musik die ihr macht, hat ja meist eine sehr melancholische, schwere Struktur, es klingt deep… schwer zu beschreiben…

Morten Gass: Hast du grad “deep” gesagt?

PiN: Ja, das ist ein beschissenes…

Morten Gass: Nee, haha, das hat unsere Chefin bei unserer zweiten Plattenfirma auch immer gesagt. “Oh das klingt aber deep”, und wir wussten nie was sie damit meint.

PiN: Manche Leute sagen auch, es klingt wie der Soundtrack zu einem David Lynch-Film. Wenn man nach 20 Jahren immer noch diese Art von Gefühlen erzeugt, also dieses tiefe, melancholische Gefühl, fühlt man das selber noch, oder ist es mehr Stilpflege?

Morten Gass: Da hab ich mir letztens lustigerweise auch Gedanken dr¸ber gemacht. Zum einen ist es ja so, dass wir die Alben ja nicht im Jahrestakt aus dem Ärmel schütteln, sondern da stecken ja auch immer mindestens 2 bis 3 Jahre Arbeit und Ideen drin. In der Zeit sind auch schonmal schlechte Tage, die in die Musik mit einfliessen. Im Grunde hat sich da nichts ge‰ndert. Natürlich, wenn man 20 ist hat man andere Ängste, als wenn man 40 ist. Da denkt man schon wieder an die nächste Blasenspiegelung oder irgendwelche Wehwehchen, die so langsam losgehen. Als 20-Jähriger denkt man “hach, hoffentlich find ich bald mal ne Freundin” oder sowas, aber im Grunde genommen wird das Leben nicht leichter. Von daher gibt es da immernoch genug Stoff den man dann verbraten kann

PiN: Was für ein wunderbares Stichwort, ich bin beeeindruckt, wir danken für das Interview, tausend Dank!

Morten Gass: Jo, bitte.

PiN: Schönen Abend noch.

Morten Gass: Jo, tschüss



2 Kommentare zu diesem EintragKommentar schreiben
  1. da habt ihr ja doch noch den grund für die hydra head pleite gefunden ;) schönes interview

  2. Sehr schönes Interview. Hätte nur gerne mal gewusst wann mit einen neuen Album aus dem Hause Bohren & der Club of Gore zu rechnen wäre. Immer wieder auffallend wie wichtig Humor bei so einer Band ist. Bei so einer düsteren Musik braucht es das wahrscheinlich auch. Wer sie schon mal live gesehen hat, weiß was ich meine. Diese Sinnfreien Ansagensind! Absolut großartig!

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