Spinnup_DuWillst

Die österreichische Band Mountain schwirrt schon seit etwa einem Jahr durch die Kanäle des Internets. Am 9. September veröffentlichen sie nun endlich ihr Erstlingswerk „Evolve“, das ein energetisches Potpourri verschiedener Genreeinflüsse aus Post Rock, Post Metal und Progressive Rock ausmacht. Pretty in Noise hat für euch einmal genauer hingehört.

„Hawking“, der erste Song von „Evolve“, beginnt gewohnt Post Rock’esque. Im Hintergrund ein hypnotisches Tremolo Picking, vordergründig eine eingängige Gitarrenmelodie, dann ein harter Bass. „Hawking“, bei dem Titel werfen sich mir gleich Fragen auf. Geht es um den berühmten Astrophysiker Stephen Hawking? Wie steht der Titel im Zusammenhang mit dem Albumtitel? Geht es allgemein um die Entwicklung der Welt, der Menschen, geht es um Wissenschaft? Mountain machen es direkt sehr spannend.

Die feine Gitarrenmelodie erwächst gemeinsam mit dem verzerrten Bass und den tiefen Drums zu einem energischen Klangteppich und es entsteht ein Musikstück, das ich am ehesten in die Kategorie „abenteuerliches Weltraumspektakel“ einordnen würde. Nach knapp viereinhalb Minuten scheint der Song abzureißen, geht dann allerdings in ein Basssolo über, hinterlegt mit sphärischen Gitarreneffekten und explodiert nach weiteren drei Minuten zu einem Epos, das auf einen Schlag abrupt abbricht.

Ich bin im Weltraum gefangen, die Erde ist explodiert und ich weiß nicht, ob mich jemals wieder etwas da herausholen kann.

Spätestens beim zweiten Song „Stugor“ bin ich überzeugt davon, dass sich Mountain perfekt in die österreichische Post Rock und Post Metal-Liga einordnen. Ich bin erinnert an Doomina, Lehnen und BOG, die für mich allesamt eine große musikalische Familie bilden. Der Rhythmus ist eingängig, mündet in einem Crescendo, ähnlich spacig wie schon der erste Song. Er ist schön, angenehm, leider nicht mehr.

„Verminest“ schlägt dann schon wieder etwas mehr aus der Art. In diesem Titel lässt sich eine gefühlvolle Keyboardbegleitung finden. Er beginnt kraftvoll, rhythmisch, mit wiederkehrenden füllenden Effekten aus Gitarren, bis die Pianomelodie schließlich einfällt und alle Instrumente miteinander vereint agieren wie in einem nächtlichen Sommergewitter. Ich meine diese Art von Gewitter, bei der zwischendurch Ruhe einzukehren scheint, sodass man nur noch ein paar dezente Regentropfen auf den Autodächern hört, so wie es hier plötzlich nur noch eine leise Gitarre gibt, die in die Ohren tröpfelt. Die übrigen Instrumente stimmen vorsichtig wieder mit ein und mir rauschen Vergleiche mit Lights & Motion und Man Mountain aus den USA durch den Kopf. Der Song endet emotional, vielleicht traurig, vielleicht auch hoffnungsvoll und beschwingt – gerade so, wie es zur jeweiligen Verfassung des Hörers passt – und mit einem Donnergrollen in der Ferne.

Ab dem vierten Titel „Deeds, Grammar and What You Make Of It“ ändert sich das bisherige Konzept des Albums vollkommen. Mountain begrüßen uns mit progressiven Gitarrenriffs, einer kräftigen musikalischen Ausarbeitung, die auch dieses Mal nach ca. eineinhalb Minuten in eine ruhige Passage mit Piano und Gitarre mündet, um einen Moment zum Nachdenken zu schaffen. Dieser Wechsel aus harten und weichen, lauten und leisen Passagen scheint sich durch das gesamte Album hindurchzuziehen, sodass jeder Song für sich genommen eine gute Bandbreite an Stimmungen bietet. Zum Ende des Titels hin wird er dann sehr catchy, sehr „frickelig“ in seinem Gitarrenspiel und völlig fernab der gängigen Post Rock-Definition. Ich denke, keine Band möchte in eine Genre-Schublade gesteckt werden, aber an dieser Stelle sagen Mountain ganz klar: Wir machen, was wir wollen!, und zeigen uns den musikalischen Mittelfinger.

Auch im folgenden Song „Ahram“ können wir diese progressiv-rhythmischen Einflüsse wiederfinden, weiterhin eine Mischung aus Düsterkeit und Schwere sowie klaren Gitarrenstrukturen. Und nach hinten raus höre ich beinahe so etwas wie Russian Circles, die sich zu einer Post Black Metal-Band umformieren. Viele Einflüsse auf einmal in einem Song von beinahe 9 Minuten. Was für eine Leistung!

„Savage Landor“ schließt sich an dieses musikalische Potpourri an. So beginnt es mit einem Auszug aus „I don’t want to set the World on Fire“ von The Ink Spots, das sich in einem brummenden Bass verliert und in ein gesprochenes Zitat des Gedichts „Dying Speech of an Old Philosopher“ von Walter Savage Landor übergeht.

I strove with none, for none was worth my strife:
Nature I loved, and, next to Nature, Art:
I warm’d both hands before the fire of Life;
It sinks; and I am ready to depart.

In diesem Stück scheint die Musik selbst ganz und gar im Hintergrund zu stehen und vordergründig ist viel eher die Poesie, denn es findet sich ein weiteres Zitat des Dichters und Schriftstellers Seamus Heaney in diesem Stück wieder. Der Zusammenhang beider Zitate scheint auf der Schnittstelle zwischen dem Tod und dem neuen Leben zu liegen, sodass sich der Kreis zum Titel des Albums – „Evolve“ – schließt.

Gitarren, Piano, Poesie, Drums wie ein schlagendes Herz – in „Savage Landor“ stimmt für mich alles, wenngleich die Mischung auf den ersten Blick wild erscheint.

„Mondo Kane“, der finale Song des Albums, schließt mit runden Post Rock-Klängen die Sammlung der Kurzgeschichten von Mountain, die alle so verschieden sind und trotzdem ihre Parallelen aufweisen.

Mit „Evolve“ haben Mountain ein sattes Debüt hingelegt, das gut durchdacht ist, dessen Konzept sich möglicherweise aber erst nach mehrmaligem Durchhören erschließt. Die Qualität ihrer Musik und die Produktion des Albums weisen einen sehr hohen Standard auf, was man nicht bei vielen Newcomern so positiv bemerken kann. Tatsächlich ist das Album jedoch auch nicht spontan entstanden. Die Songs wurden über einen Zeitraum von 3-4 Jahren geschrieben und dann, gemeinsam innerhalb der Band, über weitere 9 Monate ausgebaut und verfeinert.

Ihre musikalischen Einflüsse sind mannigfaltig und sie beweisen, dass sie nicht festgefahren sind, dass sie alles, was sie mögen, in einen Topf werfen und gut durchrühren, um etwas Neues zu erschaffen. Gleichzeitig habe ich an manchen Stellen den Eindruck, dass sie noch ein wenig unbedarft darin sind, diese verschiedenen Zutaten ausgewogen zu kombinieren. Aber den unzweifelhaften eigenen Stil zu kreieren, das wollen wir nicht schon bei ihrem Debüt erwarten.

Mountain machen mit „Evolve“ Lust auf mehr und ich bin jetzt schon gespannt, wie die Reise in Zukunft weitergehen wird! Wir haben exklusiv das Album eine Woche vor Release komplett im Stream für euch.

Lade mehr von Marc Michael Mays

1 Kommentar

  1. Mountain – Hawking – human cannonball

    Montag, 5. September 2016 um 09:32:08

    […] Pretty In Noise gibt’s das komplette Album im Vorabstream sowie eine ausführliche […]

    Ergänzen

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