CD & LP Börse auf Pretty in Noise

Unterm Strich bleibt also ein interessanter Stilmix mit ebenso interessanten Instrumentenkombinationen, die in der Erinnerung bleiben. A Drink For All My Friends ist definitiv erfrischend ungewöhnlich, dabei aber nicht gewöhnungsbedürftig oder sperrig.

Manchmal kommt alles gute zusammen. In diesem Fall: Überraschend gutes Wetter und überraschend gute Musik. Nicht, dass der Name My Education schlechte Musik erwarten lassen würde, eher lässt er mangels Bekanntheit garnix erwarten. Aber es passiert in letzter Zeit selten, dass ein Album wirklich zu überzeugen vermag. Aber A Drink For All My Friends kann es.

Die Tags auf der Bandcampseite von My Education lassen nicht allzu viel spannendes vermuten, stattdessen ängstigen sie erst mal: „ambient rock ambient cinematic crunk experimental indie indie rock instrumental post-rock psychedelic Austin“ – bis darauf, dass die Band aus Austin Texas kommt, sind die Informationen, die sich aus diesem bisschen ziehen lassen, relativ spärlich. Aber halt – steht da wirklich crunk? Das lässt einen erstmal unangenehm zusammenzucken. Man stelle sich an der Stelle bitte vor, wie eine Band klingen mag, die experimental ambient psychedelic cinematic crunk macht. Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Wie war das noch mit Aristoteles und dem goldenen Berg, der zwar denkbar, aber trotzdem einfach nur falsch wäre? Bedeutet crunk hierzulande etwas anderes als in Texas? Oder war da jemand in der Band ein Spaßvogel?

Wie dem auch sei, My Education machen keinen experimental ambient psychedelic cinematic crunk. Stattdessen machen die sechs Musiker nämlich… äh, ja. Was machen sie denn nun? Öffnen wir die Genreschubladen doch mal ein wenig weiter. Definitiv ist’s post-rock, denn alles was nicht irgendwas anderes ist, ist ja post-rock. Die Instrumentalisierung, unter anderem auch Geige, Cello und Pedal-Steel-Gitarren umfassend, erinnert an diverse Folk-Richtungen (aber nicht den nervtötende Banjo-Schrammel-Folk von Marcus Mumford und seinen namensgebenden nicht-wirklich-Söhnen), lässt sich aber auch nicht darauf reduzieren.

Musikalisch deckt A Drink For All My Friends ein überraschend und erfrischend breites Spektrum ab: Neben den erwähnten Folk-Tendenzen klingen so beispielsweise der Opener A Drink For… und Stück Nummer drei und vier, Mister 1986 und Black Box, als kämen My Education aus Island, hätten ihren Sänger Jonsi (und ein wenig Epicness) zuhause vergessen und hätten als Ersatz verschiedenste Crescendocore-Größen ins Studio geholt. …All My Friends dagegen, als zweites Stück, klingt nach solidem, sehr schön verarbeitetem Crescendocore (so despektierlich der Begriff auch sein mag, so treffend ist er).

Der erste wirkliche Höhepunkt unter diesen sehr guten Stücken ist aber der fünfte, für Texaner und überhaupt sehr ungewöhnlich betitelte Song ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER. Ja, die Großschreibung ist bandseitig beabsichtigt und kein Ausdruck von Euphorie. Auch wenn diese Euphorie angebracht wäre. Stilistisch zwar alleine schon durch das schnelle Tempo ein Bruch mit den vorhergehenden vier Stücken, nimmt ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER (es macht Spaß das groß zu schreiben!) fahrt auf und erinnert dabei an vieles (ausser crunk): Die Assoziationen reichen einerseits von (natürlich) Maserati über diversen Prog- und vor allem Krautrock á la La Düsseldorf oder Neu!, hin zum jungen Klaus Schulze, Alan Parsons und natürlich Tangerine Dream. Ach ja, und noch diversen anderen frühen, synthesizergetriebenen Electronica die irgendwie awesome klingen aber doch kein eigenes Genre haben. Und das lustige an ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER: Das alles klappt ohne elektronisch anzumuten. Um mit sprachlichen Bildern rumzuwerfen: ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER nimmt den Hörer mit auf eine Reise durch die Jahrzehnte, mit bisschen Neonlicht, ein wenig Furnierholz, vielen Knöpfchen und Klinkensteckern. Gefällt.

Absetzen tut ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER einen dann abrupt wieder in Island, auf einer dunkelgrün-nassen Wiese, neben einem fröhlichen Dorf. Happy Village, der sechste und vorletzte Song, beginnt wieder trist, langsam, mit Streichern, um sich dann in ein ausgedehntes, zischend-sirrendes Finale zu steigern, das sich sicher gut in concert machen würde.

Ganz kurz und bündig, in radiotauglichen 3 Minuten und 27 Sekunden, poltert dann auch schon das letzte Stück, Homunculus, los und zeigt noch ein wenig mehr musikalische Bandbreite – neben ziemlich lehrbuchafter Gitarrenmusik gibt’s für den Hörer ab der zweiten Hälfte sogar noch ein Paar Blechbläser. Nanu.

Unterm Strich bleibt also ein interessanter Stilmix mit ebenso interessanten Instrumentenkombinationen, die in der Erinnerung bleiben. A Drink For All My Friends ist definitiv erfrischend ungewöhnlich, dabei aber nicht gewöhnungsbedürftig oder sperrig. Definitiv eine tolle Entdeckung die beim geneigten Hörer mehrfache Plays und mögliche Konzertbesuche und Datenträgerbestellungen nach sich ziehen kann. Und die Erkenntnis, DASS MAN AUCH RUHIG MAL IN MAJUSKELN SCHREIBEN KANN WENN DAS WORT SO AWESOME IST WIE ROBOTER-HÖHLENBEWOHNER!

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