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Pompöser Minimalismus

Sologitarrenambient. So könnte man dieses Genre wohl am treffendsten beschreiben, das sich besonders in letzter Zeit immer größerer Beliebtheit erfreut: Lange, atmosphärische Stücke, eher Klanglandschaften, live vorgetragen von einer einzigen Gitarre und einem großen Katalog an Effektgeräten, vor allem Loopstations, die es dem einzigen Gitarristen ermöglichen, seiner simplen Klampfe einen ebenso großen Katalog verschiedener Klänge zu entlocken und das ganze auf seine epische Länge auszuwalzen.

Nicht viel anders verhält es sich auch bei signalsundertests‘ Kollaborationsalbum Nascent, das mit ganzen dreizehn nicht gerade kurzen Stücken aufwartet: Auch hier athmosphärische Klangpassagen, die sich aufbauen, in sich zusammenfallen und in Neuem münden – mit dem Unterschied, dass die verwendete, von Mastermind Ricky Graham (übrigens seit kurzem mit einem PhD in Musik versehen) selbst entwickelte Hard- und Software genau auf ihren Einsatzzweck zugeschnitten worden ist. Die auf dem Album enthaltenen Stücke werden vom Label Fluttery Records als durch Postproduction verfeinerte Liveperformances beworben – hier stellt sich die Frage, wieviel Live und wieviel Postproduction, wieviel Gitarre und wieviel Computer nun auf dem Album zu finden ist genauso sehr wie die Frage nach der genauen Art und Weise, wie die verwendeten Produktionsmittel maßgeschneidert worden sind.

Das Album selbst kommt für Drone und Ambient sehr leichtfüßig, transparent daher, die Echogitarren klimpern sanft und zierlich vor sich hin. Irgendwie hat das Album was von Wasser – mal klar und kalt, mal plätschernd, mal reißend, ungreifbar, sich immer verändernd. Man hat sich schon an die minimalistischen, wenn auch epischen Klanglandschaften der ersten vier Tracks gewöhnt, als auf einmal beim fünften Stück ‚Keep me (143)‘ erst eine dezente Bassline, dann auch noch weibliche Vocals und ein paar Bitcrusher-Rhythmuselemente in die Ambientsphären eintauchen – und dabei einen sehr guten Job machen. Natürlich bleibt die fragile, distanzierte Grundstimmung erhalten, durch diese aber durchaus dezenten Stilmittel sticht das Stück aber durchaus in einem positiven Sinne hervor. Davon hätte es ruhig mehr geben können, stattdessen baut das Album danach wieder instrumentale, minimalistische Skulpturen, schichtet Ebene auf Ebene, synthetisiert und moduliert Klänge.

Insgesamt ist es durch seine stetig im Fluss befindliche Struktur schwer, das Album in seiner Ganzheit weiter und genauer zu beschreiben, ohne sich immer wieder der gleichen abgegriffenen Begriffe wie Kälte, Leichtigkeit, Distanz zu bedienen, genauso wenig wie man fließendes Wasser mit den Händen greifen kann, aber es handelt sich hier doch eben um eine Platte, die ohne viel Düsternis auskommt, stattdessen aber einen pompösen Minimalismus verstrahlt, der sich insgesamt mit seinem hellen, klaren, transparenten Klang abheben kann. Hier schichtet sich zwar eine Klangebene auf die andere und türmt sich zu wahren Klangskulpturen, aber trotzdem bleibt alles immer differenziert genug, dass nichts im Drone-Matsch versinkt. Ob das nun an Herrn Grahams Talent oder seinem hoffentlich an den Musik-Doktortitel geknüpften Fachwissen liegt, ist vermutlich die dritte Frage, die sich zur Entstehung des Albums stellt.

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