Sigur Rós – Valtari

Da fehlt was.

Mit Wartezeit und Erwartungen ist es so eine Sache, ob es nun Filme, Serienstaffeln oder neue Platten sind. Irgendwann wird der Nachfolger zu Lieblingsfilm, Lieblingsstaffel oder Lieblingsplatte angekündigt – und in der Wartezeit, bis das heißersehnte neue Stück Kunst endlich verfügbar ist, extrapoliert man die altbekannten, oft gesehenen Elemente zu einem fiktiven Werk, das eigentlich nur perfekt sein kann: Die Witze der Lieblingssitcom werden sicher so komisch sein wie nie zuvor, die Geschichten unglaublich und meisterhaft verwoben, das lang erwartete Sequel zum Lieblingsfilm wird alle Ansprüche erfüllen und ein wahres Feuerwerk der cineastischen Perfektion abfeuern, das sechste Album der Lieblingsband wird sich zu neuen Sphären purer Schönheit aufschwingen und alles dagewesene in den Schatten stellen.

Wenn man dann endlich die DVD in Händen hält, die ersten Folgen im TV laufen oder man die Vinyl auf den Plattenspieler legen kann, ist man dann ersteinmal irritiert. Oder besser: ernüchtert. Denn irgendwie ist alles doch nicht so witzig, die erwarteten Charakterentwicklungen laufen in eine ganz andere Richtung, selbst Schnitt und Bildqualität scheinen dem bisher Bekannten unterlegen – und Sigur Rós scheinen auf einmal nur noch Ambient machen zu wollen.

So fühlt sich Valtari jedenfalls nach dem ersten Hören an. Leise, schleppend. Und vor allem: Irgendwie fehlt da was.

Natürlich – Bands entwickeln sich weiter. Das ist meist gut, kann aber auch zu Desastern führen. Das beste Beispiel dafür müsste wohl dredgs letztes Album ‘Chuckles & Mr Squeezy’ sein – Experimente und Weiterentwicklung in allen Ehren, aber irgendwas lief da ganz gewaltig schief. Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Nun, was begegnet dem Hörer auf Valtari? Natürlich – etwas aus der Richtung von Ágætis Byrjun, ( ) oder Takk zu erwarten, wäre wohl wirklich zu viel des Guten. Trotzdem wandert die Erwartung immer wieder in diese Richtung – natürlich vollkommen unbegründet. Diese Platten sind nun auch schon mindestens sieben Jahre alt – mit Blick auf die heutige Musikwelt doch schon eine etwas längere Zeitspanne. Für die meisten Fans definiert aber wohl eins dieser drei Alben den Sound von Sigur Rós – wuchtig, imposant, aber eben auch still, melancholisch, ein wenig folkig, ein wenig weltmusikesk, aber immer einzigartig, ungreifbar und – man verzeihe den pathetischen Ausdruck – ausserweltlich. Das Erstlingswerk Von wird von den meisten und auch der Band selbst trotz einiger guter Momente nur bedingt zum Kanon der Sigur Rós-Klassiker dazugezählt und scheint bei der Betrachtung immer ein wenig aussenvorgelassen zu werden. Was das letzte Album der Isländer angeht – Með suð í eyrum við spilum endalaust – das wird bei den meisten wohl mit einem Adjektiv assoziiert werden: Fröhlich.

Nun, bei Valtari verhält es sich anders. Fröhlich ist das nun nicht mehr wirklich – allerdings auch nur bedingt wuchtig und imposant. Viel mehr bleibt hier nur der gemeinsame Nenner des ungreifbaren und ausserweltlichen als Konstante übrig, sieht man einmal von Jónsis distinktivem Gesang ab. Und selbst der scheint auf Valtari merklich zurückgenommen und verhaltener geworden zu sein.

Natürlich merkt man von Anfang, dass es sich um ein Album von Sigur Rós handelt und dass man dem eigenen Stil auch an sich treu geblieben ist. Die ersten beiden Stücke, Ég anda und das bereits vor Release präsentierte Ekki múkk tragen unverkennbar die Handschrift der Isländer. Beiden scheint aber eine Art Entwicklung und Dynamik zu fehlen, besonders Ekki múkk plätschert bemerkenswert struktur- und entwicklungslos vor sich hin.

Sehr symphonisch wird es dagegen bei Varúð, das die von Sigur Rós teilweise schon gewohnten Streicher ins Boot holt, um dann in einem – für dieses Album leider ungewohnten – wundervollen Klimax der Marke Sigur Rós zu gipfeln. Hier passt fast alles: Steigerung, Stimmung, eine sich langsam aufbauende Klangwand. Das einzige Problem: Auch hier fehlt wieder irgendwas. In dem Falle wohl am ehesten ein passendes Finale. Stattdessen läuft’s nämlich da, wo man bei anderen Stücken der Isländer das wahre klangliche Ausrufezeichen erwartet und bekommen hätte, nur auf drei unentschlossene Punke hinaus: Klimax und dann…

Das nächste Lied. Rembihnútur. Und auch hier wieder: Es fehlt einfach was. Es klingt natürlich wie gewohnt nach Sigur Rós, aber erneut – kaum Entwicklung, obwohl doch einige gute Ansätze vorhanden sind. Irgendwas passiert ja auch, aber das, was da passiert, ist nicht viel, besonders eben im Vergleich mit älteren Alben. Rembihnútur ist aber zusätzlich dazu ein bemerkenswerter Wegmarker: Genau in der Mitte des Albums ist es das letzte Stück, in dem man auf Valtari ein Schlagzeug hört – die restlichen vier Stücke kommen ohne aus, im darauffolgenden sechsten Stück Dauðalgon hören wir auch zum letzten Mal Jónsis Stimme – die restlichen drei Stücke des Albums, Varðeldur, Valtari und Fjögur píanó, immerhin mehr als zwanzig Minuten Spielzeit, driften vollständig in Ambient-Gefilde ab, leider aber ohne dabei allzu bemerkenswert zu sein.

Es mag sein, dass das einige Hörer und viel Zuspruch finden wird, manchen Fans wird bei Valtari aber das gewisse Etwas fehlen, was auch immer das sein mag. In dem Falle vermutlich: Entwicklung, Struktur, die von Sigur Rós gewohnte Klanggewalt, kurz: Action. Ja. Eigentlich paradox, einem Album der Meister isländischer und ausserweltlicher Klanggestaltung mit Spezialgebiet melancholischer Sphärenbau vorzuwerfen, es wäre nicht actionreich genug. Aber viel passiert auf Valtari wirklich nicht.

Aber so ist eben nunmal mit der Erwartungshaltung: Man bekommt nicht immer das, was man gerne hätte. Gerne hätten wohl einige ein neues Popplagið, Olsen Olsen oder Sæglópur gehört, nur noch imposanter und auf die Spitze getrieben. Stattdessen gibt’s mit dieser Haltung vor allem aber eben Ernüchterung.

Ernüchterung, die aber weder das Sequel zum Lieblingsfilm, noch die neue Staffel der Lieblingsserie noch eben das neue Album der Lieblingsband immer auch direkt verdient hat. Stattdessen vernebelt projizierte Erwartung und der Glanz des Neuen die genaue Betrachtung eines Werkes und vor allem dessen, was alles an Intention seitens der Künstler dahintersteckt – entweder eben durch zu starkes Vergleichen mit anderen, älteren Werken oder auch eben blinde Euphorie durch den Reiz des Neuen.

So auch vielleicht eins von beidem bei Valtari, das eben nicht die konsequente Weiterführung einer Entwicklung ist, die durch die letzten Alben in Gang gesetzt wurde. Stattdessen fokussierten sich die Isländer bewusst auf die stilleren Passagen ihres bisherigen Oeuvres – denn solche Stücke, wie man sie auf Valtari findet, gibt es auch in der einen oder anderen Form auf jeder anderen Platte aus dem Hause Sigur Rós, nur eben umgeben von lauteren, bombastischeren und vielleicht auch stärkeren Liedern, die das (meiner Meinung nach) Beste darstellen, was Island und vermutlich auch die wie auch immer umrissene Postrockszene an musikalischem Talent zu bieten hat. Daran ändert auch ein etwas stilleres Album und vor allem fehlgeleitete Erwartungshaltung nichts.



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