Auf gut Glück!


Man kann zwar von Facebook als nicht mehr wegzudenkende Institution des modernen Zeitalters halten, was man möchte, jedoch muss man sich trotz aller Bedenken eingestehen, dass der Informationsfluss – und das eben auch im positiven Sinne – ein unvergleichliches Level erreicht hat. Einzig aufgrund irgendwelcher Algorhythmen, die mir nach der berauschenden Show von Red Apollo in der Roten Flora ähnliche Veranstaltungen vorschlugen, habe ich kurzfristig vom heutigen Abend erfahren: Ich kannte die Bands zwar nicht, aber dass das Droneburg-Festival als Veranstalter eingetragen war, sprach natürlich Bände. Schnell also nochmal 1-2 Songs auf Bandcamp (schon wieder so ein Internet-Portal) angespielt und innerhalb wenigster Sekunden dafür entschieden, mal wieder ein Konzert „auf gut Glück“ zu besuchen.

Vor Ort angekommen, sieht es rund um die Astrastube schon recht gut gefüllt aus. Etwa 60 Besucher werden es an diesem Abend wohl sein, die sich die Show der Südafrikaner nicht entgehen lassen wollen – angesichts des gestrigen Tourstops im nahe gelegenen Kiel eine durchaus zufriedenstellende Anzahl. Die ersten Kaltgetränke fließen, bis der musikalische Erguss pünktlich um 21.00 Uhr beginnt.

Überraschenderweise (zumindest für mich als Laien) starten Wildernessking, die sowohl auf dem Veranstaltungs- als auch auf dem gesamten Tourposter als Headliner betitelt worden waren.  Im Gepäck haben sie ihren zweiten, 2016 erschienenen Longplayer „Mystical Future“, ein 43 Minuten langes Werk ausgefeilten atmosphärischen Black Metals. Entsprechend klingt die Band dann auch live: Dominiert wird ihr Auftritt von langen, ausgedehnten Melodie-Läufen, die geradezu genre-untypisch friedvoll klingen. Trotz allem Respekt vor dem Handwerk der Südafrikaner kann ich den vielzitierten Vergleich mit Wolves In The Throne Room leider nicht erkennen; zu emotionslos und aufgesetzt wirken mir diesen ruhigen Parts. Das soll der Band jedoch keineswegs die Qualität absprechen – die rasanteren Riffs wie auch die allgemeine Bühnenpräsenz machen klar, dass die Männer einen haargenauen Plan von dem haben, was sie tun.

Nach einer kleinen Umbaupause (beziehungsweise der Möglichkeit, ein weiteres Kaltgetränk in der Hamburger Abendsonne zu genießen) betritt der vermeintliche Support die Bühne: Solbrud, zu Deutsch „Sonnenbraut“, heißt die Kapelle, die im Frühling dieses Jahres ihr neues Werk „Vemod“ veröffentlicht hat. Schon beim ersten Song ist zu merken, dass die Eigenschaft „Atmospheric“, von der bei Wildernessking noch in geradezu jeder Albumrezension geschrieben wurde, bei den Dänen absolut keine relevante Rolle spielt. Mit bis zum Anschlag verzerrten Gitarren, einem konstantem Drum-Gewitter und einem Hall auf den Vocals, der schon fast absurd wirkt, trägt das Quartett energisch zur partiellen Zerstörung von Trommelfellen bei. Die 45 Minuten Spielzeit vergehen wie im Flug, und auch wenn jeder Song in seinem Aufbau doch sehr ähnlich zu sein scheint, ist der Auftritt facettenreich und dynamisch. Sänger und Gitarrist Ole Luk hält sich mit seinen Bühnenansprachen vornehm zurück; im Endeffekt sind die Männer aber auch bestens beraten mit der Entscheidung, die Musik für sich sprechen zu lassen. Als sie mich kurz vor 23.00 Uhr aus der Astrastube entlassen, fühle ich mich wie benommen, und es fällt mir schwer, mich mental auf die Stille der Nacht einzulassen. Dieser Herausforderung stelle ich mich trotz allem jedoch mit Vergnügen – das Gefühl der Überraschung, die mir mein Unvorbereitetsein an diesem Abend beschert hat, lässt sich bei bestem Willen nicht mehr nehmen.

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