Auf „V“ präsentieren fünf Musiknerds, wie gelungen sich eine Band aus dem alternativen Spektrum Richtung Pop entwickeln kann – die bereits beschriebene Mischung aus Psychedelic, Shoegaze & Krautrock orientiert sich gen Stadionrock, Richtung Depeche Mode & The Cure mit großen Drums, Melodien und Synthesizerflächen. Und vielen schönen, abstrakten Gitarrensounds.

LP kaufen Vö: 22.09.2017 Caroline

„V“, der Name deutet es bereits an, ist das fünfte Album der britischen Band The Horrors. Viel wird  über ihre Anfänge geschrieben, viel darüber wurde bereits geschrieben: Schließlich galten sie in ihren frühen Tagen um 2006/2007 als Heilsbringer des Garage-Rock. Sie wurden vor allem im Nachhinein als hochgestylte Szenekids beschrieben, der schwarze Goth-Hipster Look korrespondierte aber doch gelungen mit dem schrillen ersten Album „Strange House“, welches mit dem passenden Untertitel „Psychotic Sounds For Freaks And Weirdos“ versehen war. „Style over Substance“ lautete der gängige Vorwurf, der jedoch leider über die Qualität des Debuts hinwegsah. 2017, elf Jahre später klingen The Horrors auf „V“ deutlich anders: Auf dem Vorabsong „Machine“ ist ein rock-orientierter Drive zu hören, darüber bastelte Keyboarder Tom Furse eine Collage aus Schnipseln von Synthesizern und Rauschen, Sänger Faris Badwan klingt gewohnt unterkühlt und präsentiert, was man einen „großen“ Refrain mit Fokus auf dem Leadgesang nennen würde, eine große, emphatische Melodie im Chorus im oberen Spektrum seiner Singstimme. Auf „Something To Remember Me By“ & „Weighed Down“, sind klare Refrains mit deutlichen und einprägsamen Gesangsmelodien zu hören, die sich doch sehr deutlich an klarem Pop orientieren. „Weighed Down“ im Mid-Tempo, „Something To Remember Me By“ mit flotterem, tanzbarem Groove. Vor allem letztere beiden Songs besitzen durchaus Potential für das Formatradio.

Seit „Strange House“ hat sich also einiges getan und „V“ ist das Ergebnis einer konsequenten Entwicklung, seit dem großen stilistischen Umbruch von „Strange House“ zu „Primary Colours“ – dort legten sie den Grundstein dessen, wo nun „V“ aufbaut – eine Melange aus Krautrock, Psychedelica, Shoegaze & Post-Punk. Über die Alben Nr. 3 & 4, „Syking“ & „Luminous“ hatten sie diese Mischung weiter erforscht, bis nun quasi zur konsequenten Pop-Werdung dieser Mischung auf „V“, welche bereits auf „Syking“ mit beispielsweise „Still Life“ & „So Now You Know“ auf „Luminous“ angedeutet wurde. Bemerkenswert und auch bezeichnend für diese Popwerdung auf „V“ ist dagegen das Fehlen eines markanten Titels in Überlänge, welcher sich in fortlaufender Repetition zum Albumklimax aufschaukelt – die vorhergehenden Alben seit „Primary Colours wiesen alle einen solchen Höhepunkt auf, man denke an die Titel „Sea Within A Sea“, „Moving Further Away“ oder „I See You“. Auf „V“ fehlt er hingegen. Dass das nicht negativ ins Gewicht fällt, spricht für das Album – überhaupt überrascht, dass für solch ein Pop-orientiertes Album lediglich zwei von zehn Songs unter der 5-Minuten Marke bleiben.

Im Vorfeld ist bereits viel darüber geschrieben worden, dass Paul Epworth das kommende Album der Band produzieren sollte, der unter anderem für seine Arbeit mit Adele & Coldplay bekannt is, aber auch für Bands wie Death From Above 1979 oder The Rapture. Wie nun auf „V“ zu hören ist, geschah das wohl in erster Linie im Bestreben um ein pop-orientierteres Songwiriting, schließlich hatte die Band, die ohnehin schon reich an Soundtüftler-Charaktern ist, sich auf „Luminous“ bereits selber produziert. In der klanglichen Ausgestaltung bleiben sie ihrer Bandgeschichte seit „Primary Colours verhaftet“ – auf „V“ präsentieren sie folgerichtig eine gelungene Mischung aus ihrem psycheldelischen Soundgerüst und poplastigen Songs, die in Richtung Stadion schielen. Vor allem die bereits angedeuteten beiden Soundtüftler, Gitarrist Joashua Hayward & Keyboarder Tom Furse gestalten gemeinsam einen vielschichtigen, weiten Klangkosmos, in dem auf angenehme Art & Weise nicht mehr deutlich bleibt, wo die Gitarrenarbeit aufhört und die Synthesizer & Sampler zu klingen beginnen. Dieser Umstand war bereits seit langem eine Stärke der Band und sehr zum Glück des Zuhörers spielen die Beiden diese gemeinsame Stärke auch auf „V“ aus, auch wenn die Gitarrensounds hier so deutlich wie lange nicht mehr zu hören waren. Schlagzeug & Bass liefern die passenden Grooves, wenngleich dem Zuhörer erstmals das Gefühl beschleicht, dass die Rhythmen (und nicht nur die) auf dem aktuellen Album erstmals im Studio ein wenig zu sehr zurecht gerückt wurden. Sänger Faris Badwan setzt sich gewohnt kühl aber nun mit großen Melodiebögen deutlicher in Szene als zuvor.

Was bleibt? Auf „V“ präsentieren fünf Musiknerds, wie gelungen sich eine Band aus dem alternativen Spektrum Richtung Pop entwickeln kann – die bereits beschriebene Mischung aus Psychedelic, Shoegaze & Krautrock orientiert sich gen Stadionrock, Richtung Depeche Mode & The Cure mit großen Drums, Melodien und Synthesizerflächen. Und vielen schönen, abstrakten Gitarrensounds. Das wird sicher nicht jeder bisherige Fan gerne mitverfolgen, aber Titel wie „Something To Remember Me By“ darf man sich auch gerne ins Formatradio wünschen. Klar könnte man der Band auch den Ausverkauf vorwerfen, so deutlich wie sie sich Richtung Formatradio & Stadion-Rock wenden, aber: Die Entwicklung steht letztlich einfach gelungen im Einklang mit dem Sound den sie nun über Jahre hinweg konsequent kultiviert und verfolgt haben.

Im Herbst touren The Horrors in Europa, auf den vier Deutschlandterminen stellen sie auch die Titel des neuen Albums vor:
15.11.17 Köln, Underground
17.11.17 München, Backstage
18.11.17 Hamburg, Molotow
19.11.17 Berlin, Synthäsie Festival

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