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Schrammeliger Rock direkt aus dem Schlafzimmer – Post-Punk muss nicht immer duster sein.

LP streamen/kaufen Vö: 22.09.2017 Geenger Records

Der Promozettel verrät mir, dass es sich hier um eine Kapelle aus dem kroatischen Zagreb handeln soll. Ich habe mich dann gefragt, ob irgendwo in meinem Albenarchiv Bands aus diesem Land zu finden sind und habe das direkt recherchiert. Nichts dergleichen. Wie klingt Post-Punk vom Balkan? Kurz: überraschend frisch, überaus innovativ und vor allem positiver als ich ich es erwartet hätte. (The) Lesser Men klingen wie die kroatische Antwort auf die ewigen Hamburger Schüler der 1990er Jahre, genauer gesagt sogar stark nach Tocotronic.

Fragt man die Band direkt, beschreibt sie ihre Musik als „Erwachsener, desorientierter Bett-Rock“, als „Bett-Rock“ oder „Liebe/Hass-Core“. Das klingt zwar irgendwie albern, passt in diesem Fall aber irgendwie wie die Faust auf’s Auge. Der Titeltrack geht sofort voran und liegt irgendwo zwischen Shoegaze und Post-Punk. Er vermittelt ein angenehm wohliges Gefühl, so als könnte er kein Wässerchen trüben und geht dabei ohne Umwege ins Ohr. „Sometimes So“ beginnt etwas klagend („Sometimes I feel so alone…“) und lebt vor allem von seiner wunderbaren Melodie und der verträumten Grundstimmung. Rein handwerklich sticht hier der doppelstimmige, im Kanon vorgetragene Gesang hervor. Im Laufe des Stücks nimmt die Verzerrung merklich zu, was die Intensität klar steigert. Mit drückendem Bass/Schlagzeug-Fundament bricht „This Won’t Hurt (Long Enough To Cry)” polternd los, es bleibt recht melancholisch und macht deutlich, dass einige der Bandwurzeln sich an einer ranzigen Punkader ihr Wasser gezogen haben. Wie auch vor meinem Fenster, zieht auch bei „Bedrooms“ nach und nach der Herbst ein. „Summer’s Gone“, ambitionierter Post-Punker, mit flüsternder, verzerrter Stimme. Harmonieakkorde erinnern hier sehr deutlich an Morrissey und seine Smiths, der Sänger kreischt im Hintergrund, das passt alles fabelhaft zusammen. Leicht gruselig kommt „Hours“ rüber, balladesk, könnte aber in der ein oder anderen Szene von „Twin Peaks“ im Radio laufen. Scheppernde Indierock-Gitarren unterstreichen die voller Inbrunst vorgetragenen Lyrics. Großartig!!

„Vacation Free“ besteht aus hektischen Akkordwechseln, Synths, großen Melodien und einem schön vertrackten Drumbeat, während der Sänger stoisch und unbeeindruckt die Stimme über die Hektik erhebt. Der Refrain ist eine Insel der Ruhe und Normalität, wird allerdings nicht allzu häufig aufgesucht. Hinter dem sperrigen Titel „Useless Men Think-Tank“ verbirgt sich eine grandiose Britpop/Indie/Retro-Nummer irgendwo zwischen frühen Radiohead und Black Rebel Motorcycle Club. Arschcool, voller Steigerungen, mit das beste Stück des Albums. Schnell und garstig wird es bei „(Take Me To) Damask“, in welchem ein dezent aufgetragenes Piano einen orientalischen Flair zeichnet. Von fies und bedrohlich zu auflösend hoffnungsvoll ist hier alles dabei, wobei eine leicht düstere, wavige Stimmung stets erhalten bleibt. Ungewohnt traurig hievt sich „The Beat“ heran und bricht zu ersten mal kurz mit dem roten Faden, sehr reduziert und verzweifelt, bis in „Never Tell“ die wohl langsamste Mundharmonika der Welt Einzug hält. Sofern es eine ist, klingt jedenfalls stark danach. Das ganze Stück schleppt sich lethargisch voran, wie ein unschöner Traum, es bleibt dabei immer noch etwas Traurigkeit hängen, die jedoch der lange und eingängige Chorus gut erträglich macht. Das abschließende „The Cycle“ ist ein ganz hervorragender Ausstieg aus dem Album und bringt die positiven Gefühle mit einem Schlag zurück. Einfach ein gut gelaunter Indiepopsong mit rumpelnden Drums, melodiösen Gitarren und einem Sänger, der richtig aus sich heraus geht.

Wieder einmal mehr hoffe ich, dass wir nicht zu letzten mal etwas von dieser Band gehört haben. Eine frische (und manchmal wieder etwas positivere) Note tut dem aktuellen Post-Punk-Universum sicherlich gut.

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