Düsterer, negativer, verzweifelter Krach. Noise-Postpunk vom allerfeinsten!

LP kaufen Vö: 06.10.2017 Crazysane Records

Ich muss gestehen, ich hatte bis vor kurzem kaum etwas mit Postpunk zu tun. Klar, „Unknown Pleasures“ und „Closer“ stehen natürlich auch in meinem Plattenschrank, aber ich war seit jeher genervt davon, dass alles was sich im großen Musikkosmos Postpunk schimpft, fleißig von diesen beiden Alben abpaust. Vor zwei oder drei Jahren waren es ein paar Inländer, nämlich Die Nerven, Messer, Human Abfall und Konsorten, die einfach herrlich schrägen Krach gemacht haben und mich so wieder auf postpunkige Pfade geleitet haben. Was wir Deutschen in unseren Kellern ausbrüten, schwelt offenbar auch in den Nachbarländern und so landet das Debut von The Lumes aus Rotterdam/NL auf meinem Plattenteller. Das mit 22 Minuten recht kurz geratene Album ist schlicht mit „Envy“ (dt. Neid) betitelt und genauso kalt und emotional abwertend wie es Neid an sich sein kann. Das eisige Cover hätte man kaum treffender wählen können, sowas gibt bei immer noch mal Extrapunkte!
Vorweg: Fensterläden zu, die Sonne stört. All ihre Wärme und ihr Licht irritieren nur und sind dem Ausdruck dieses Albums in keiner Weise zuträglich.

„Anguish“ besteht im Großen und Ganzen aus einem extrem verwaschenen Riff, das allerdings eine erkennbare, stringente Melodie in sich birgt. Der Sänger klingt als wäre er mit der Gesamtsituation alles andere als zufrieden und als ob er sich darüber beschweren würde. Er klingt dabei aber kein bisschen hilflos oder verzweifelt, eher behält seine Coolness in Gänze. Die noisigen Gitarrenwände sind undurchsichtig, irgendwie unfassbar, aber durchaus in der Lage, den Hörer zu hypnotisieren. Es passiert nicht besonders viel, aber genau darin liegt der Reiz. Die Musik ist außerdem völlig zeitlos, man kann unmöglich bestimmen, ob man sich in der 70er/80er-Wende oder im Jetzt befindet, was ganz klar für die Authentizität der Lumes spricht. Das langsame „Slow“ macht seinem Titel alle Ehre und reduziert die Geschwindigkeit etwas. Das wieder kaum greifbare Riff ist Fuzz pur, aber dennoch hoch melodiös und man hat das Gefühl, dass ständig etwas neues passiert. Der Gesang ist unterkühlt, gelangweilt, passt damit aber genau in die Szenerie. Ein unaufgeregtes Solo dazwischen, ein etwas aufregenderes am Ende und es wird langsam, langsamer und es stoppt alles, zäh wie Wachs das langsam erstarrt. „Discharge“ klingt erst mal schief, geht aber gleich gut voran. Irgendwie stellt man sich bei der Musik alles in schwarz/weiß, Farben wären hier gänzlich fehl am Platz. Der Gesang kommt durch ein Megaphon, knarzig und kalt und damit ganz schön kunstvoll. Die Stimmung ist bedrückend und eher negativ, man kann sich aber sehr gut vorstellen, dass das alles Live ganz besonders gut wirkt. Irgendwann wird es leise, es stellt sich der pumpende Bass in den Vordergrund, leise Gitarrennoten veredeln das Geschehen. Es kommt wie es kommen muss, alles endet im Noise-Chaos, die Stimmung explodiert, wir befinden uns mitten im Irrsinn. Und fühlen uns dabei auch noch wohl.

„Feign“ ist ein klassischer Postpunker mit wummerndem Bass und schrägen Gitarren, gefällt mir aber deutlich besser als andere sogenannte „Genreklassiker“. Der Sänger packt seine Gesangsstimme aus und überrascht damit, dass er sich dabei wirklich gut verkaufen kann. Er klingt dabei fürchterlich arrogant, was allerdings auch ganz hervorragend zur punkigen Attitüde des Stücks passt. Fuck off, everybody. Echt jetzt. Eine leitende Melodie ist vorhanden, man muss sie allerdings erst entdecken. „Compulsion“ ist Krach. Feedbacks, vordergründiges Schlagzeug und aufkeimende Verzweiflung sind hier am Drücker. Es wird an Worten und Akkorden gespart, aber um die superrotzige Aussage zu untermalen, bedarf es hier auch nicht vieler Akzente. Die Wirkung ist in nullkommanix erzeugt und verfehlt ihr Ziel (in dem Fall mich) nicht. Am Ende steht „Who Makes Me Try“, ein wunderbares Kneippbad der Gefühle. Ruhiger Anfang, moderate Drums und kratzige Delaygitarren werden Stück für Stück in Ausbrüche gesteigert. Es scheint als sei es dem Sänger endgültig zu viel geworden, er schreit und keift, man hat eigentlich nur darauf gewartet. Es wird abwechselnd laut und wieder leiste, akustische Stimmungsschwankungen, quasi. Dieser Kontrast funktioniert hervorragend und macht das Stück zum abschließenden Highlight des Albums.

Videopremiere: The Lumes – Slow

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