Bombastische Filmneuvertonung einer absoluten Ausnahmeband im Postrockkosmos.

We Stood Like Kings, die Cinematic-Postrocker aus Belgien haben es schon wieder getan: sie haben einen Kunstfilm vertont. Nach „USSR 1926“ und „Berlin 1927“ haben sie sich diesmal mit „USA 1982“ keinen Stummfilm, sondern einen, den einst Philip Glass mit einem Soundtrack versehen hat, vorgenommen. „Koyaanisqatsi“, so der unaussprechliche Titel des Films, besteht nur aus Zeitlupen-/Zeitraffersequenzen und Landschaftsaufnahmen, es gibt weder Dialoge, noch handelnde Personen.

Wie immer habe ich weder Kosten und Mühen gescheut, mir den Streifen besorgt, ihn mir angesehen und natürlich vor allem auf den Originalsoundtrack geachtet, der mir zugegeben auch sehr gut gefallen hat. Was allerdings ein bisschen fehlt, ist die Untermalung dieser wahrlich gewaltigen Bilder mit ebenso gewaltigen Soundkulisse, aber dafür gibt ja schließlich We Stood Like Kings.

Grundsätzlich handelt es sich bei der dargebotenen Musik um Postrock. Jedoch dominiert hier zum großen Teil ein Piano, das überaus virtuos bedient wird und dessen Reminiszenzen vom Altmeister Frédéric Chopin, bis zum unverwechselbaren Yann Tiersen reichen, der sich ja auch im Bereich der Soundtracks bekanntermaßen pudelwohl fühlt. Wie im Postrock-Genre durchaus üblich, besteht der größte Reiz der Stücke in ihrem Aufbau und den ständigen Wechseln von leise zu laut, fröhlich-unbeschwert, über tief melancholisch bis hin zu aufgewühlt oder leicht depressiv. Ein Wechselbad der Gefühle, das allem voran Bilder in Verbindung mit der entsprechenden Musik zu erzeugen wissen. Die ersten Stücke „Holy Ghost“ und „Four Corner“ scheinen noch ein wenig wie eine Aufwärmphase, wobei ersteres wie ein heranschwebendes Stummfilmpiano aus den 1930er Jahren und letzteres wie dessen direkte, moderne Weiterentwicklung unter Zuhilfenahme zeitgenössischer Bandinstrumente wirkt. Zum ersten Mal tauchen hier Drums auf, die genau die wie die Gitarren von Minute zu Minute an Intensität gewinnen. Ab „Nuages“ wird dann die volle Spannbreite von „USA 1982“ aufgefahren und somit deutlich untermauert, wie viel Wert hier auf Komposition gelegt wurde. Die Pianomelodie ist derart durchdringend und lebendig, als würde sie eine spannende Geschichte erzählen wollen, bis das Stück unter dem Einsatz von Postrock-Gitarren und Drums langsam Fahrt aufnimmt. Ein leichter Fingerzeig in Richtung Pink Floyd wird spürbar, bis flirrende Gitarren und Bombastarrangements alle Ruhe aus dem Kinosaal verweisen. Tiefe Trommeln mit aufrüttelnder Rhythmik und breite Rockriffs bringen letztendlich beim Original fehlenden Gewaltigkeit. „Heat Haze“ ist hier tatsächlich buchstäblich zu nehmen, da man die wabernde Hitze auch förmlich spüren kann und das synthetische Wummern schnell Assoziationen zu drückenden Sommertagen zu wecken vermag. Es kommen moderne Progrockparts hinzu, die nicht nur im Entfernten an die Hochzeiten der Briten von MUSE erinnern und in einem großen, emotionalen Ausbruch münden. Eher versöhnliche, positive und sogar verträumte Töne bringt „33 Eleven“, wobei auch zum ersten Mal die Saiteninstrumente in den Vordergrund dürfen. Es fühlt sich gut an, beschwingt, man möchte sich dazu bewegen. „Grand Illusion“ zollt offensichtlich den Großmeistern des klassischen Artrock Tribut, mit satten Drums und fetten Gitarren, Synthesizern und zur rechten Zeit hellen Glockentönen überzuckerten Highlights. Frühe Genesis, King Crimson oder Gentle Giant sind der Band ganz sicher nicht unbekannt. Es bleibt auch bei „Night Owl“ vorerst bei einer Dominanz von Gitarre und Bass, bis das Klavier nach einer Weile übernimmt, auf das man insgeheim und unterbewusst schon gewartet hat, so gut passt es zum Konzept des Albums. Plötzlich lassen rumpelnde, tiefe Toms die Magengrube erzittern und fette Metalriffs sorgen genau zur rechten Zeit einen Breitseiten-Weckton. Der etwas rohere, aber gut passende Ton bleibt auch noch für „Machines“ und „Eldoradosis“ erhalten und glänzen vor allem durch die zusätzliche Verwendung rhythmischer Akzente, wie etwas freistehendes Schlagzeug oder marschierende Snarespuren. „I Like That“ rezitiert das Stummfilmpiano vom Anfang, es wird wieder etwas wohliger und träumerisch, bis „Atlas Centauer“ alle bereits aufgeführten Qualitäten von „We Stood Like Kings“ erneut bündelt und damit ein grandioses Finale einer wahrlich wunderbaren Platten kreiert.

Etwas Wichtiges zum Schluss, man kann, aber man muss sich „Koyaanisqatsi“ nicht ansehen um das komplette Ausmaß der Platte erfassen zu können. Wie bei einer ordentlichen Postrock-Platte üblich, entstehen die Bilder hier im Kopf. Dass sie mit den im Film gezeigten nahezu identisch sind, spricht erneut für die Qualität des Albums.

USSR 1926 von We Stood Like Kings im Albumstream

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