Wer William Fitzsimmons schon als „nerviges Gewinsel“ bezeichnen würde, für den ist Allie nichts. Wer jedoch gerne mal in der Rubrik „nice verschroben“ stöbert, auf fragile Stimmen wie die von White Birch Frontmann Ola Fløttum oder Sparklehorse steht und nix gegen Elektrogefrickel hat, kommt bei der neuen Allie auf seine Kosten.

Allie, Allie, who the f+++ is Allie? Schon bei den letzten drei Alben „Mimi King“ (2010), „New Friends“ (2011) und „Uncanny Valley“ (2013) war die schreibende Zunft sehr bemüht, den passenden Schubladenstauraum für Berliner Musiker Allie zu finden. Elektro-Folk-Popper, warm wie ein Roboter, leisester Rapper der Welt hieß es zum Beispiel mal hier, mal da. Ab dem 19.06.2015 spricht das neue, schlicht mit Allie betitelte Album Nummer 4 für sich selbst. Einen überraschenden Prolog liefert dabei Rapper und Dichter Black Cracker mit „WTF4“. Das spoken-word-Stück kommt kämpferisch und selbstreferenziell daher. Hier sinniert das lyrische Ich über fremde Erwartungen und eigene Ambitionen und wundert sich darüber, dass es „all this talking and considering“ bereits drei Mal über sich ergehen lassen hat. What the fu*** 4 also? Weil Allie eben irgendwie sein Ding weitermachen muss. Aber anders und mit größerer Sorgfalt, wie er selbst erklärt.

Mühe und Sorgfalt hört man dem verspielten Longplayer an, der „ohne die Ressourcen um Allie herum“– wie befreundete Musiker mit Heimstudio – nicht so hätte verwirklicht werden können. Auf den 11 neuen Stücken tummeln sich schöne und schräge Töne ebenso wie komische Kreaturen, große Gedanken und intermediale Referenzen. So treffen wir mal auf eine Wes Anderson-artige Kunstfigur, „die noch im Sterben voller Selbstüberhöhung deliriert“, wie in der poppig-einprägsamen Single „THIS IS HOW I GO“, dann wieder auf den entfremdeten „EMO ON A BEACH“. Klassische Pianoklänge und Chöre wechseln sich mit kitschiger Casio-Kakophonie und flächigen Synthesizern ab. Einzig „MAMASE“ erinnert im Klang und Energie noch eher an das Akustikgitarren-lastige, vom Strumming geprägte „Uncanny Valley“. Dahinplätschern lassen ist bei Allie trotz der ätherischen, wenn auch teils in anstrengenden Höhen angesiedelten, Flüsterstimme nicht wirklich drin. Zumindest nicht, wenn man versteht, dass sich die Songs um Themen drehen wie die Unfähigkeit zu trauern in „THE GREAT“ oder wie in „NO NO NO NO“ um einen Pharao, der sich doch nicht aus seinem Sarg hinaustraut und bildlich für das Scheitern an überhöhten Er-Wartungen steht.

Und auch wenn Allie geplant hat diesmal mit der großen Geste emotional zu treffen, ist ihm das auf seinen Vorgängern ungeplant im Kleinen gefühlt noch etwas mehr gelungen. Eine „bekloppte Schönheit“ soll das neue Album sein, doch so „bekloppt“ wie etwa seine schnauzbärtigen Kolleginnen von CocoRosie ist es trotz Einhorn auf dem Cover nicht. Allies Extravaganz wirkt eher vermeintlich schlicht wie seine Erscheinung auf den Pressebildern. Genau dieses rätselhafte Subtile macht ihn so interessant, rührt an. Die wässrige Blauäugigkeit des schlaksigen jungen Mannes mit Basecap und weißem Shirt fließt nicht gerade in Richtung Venice Beach. Er kommt auch nicht mit Skateboard unterm Arm und Gitarre auf dem Rücken zum Konzert. Auf der aktuellen Album-Release-Tour gibt es „Mehr Licht, mehr Show, mehr Sinne, die sich angesprochen fühlen dürfen.“

Wer William Fitzsimmons schon als „nerviges Gewinsel“ bezeichnen würde, für den ist Allie nichts. Wer jedoch gerne mal in der Rubrik „nice verschroben“ stöbert, auf fragile Stimmen wie die von White-Birch-Frontmann Ola Floettum oder Sparklehorse steht und nix gegen Elektrogefrickel hat, kommt bei der neuen Allie auf seine Kosten. Dass so viel Ungewöhnlichkeit aus einem ostwestfälischen Dorf stammt, macht das Ganze noch sympathischer.

01 WTF4
02 Y/N
03 The great
04 Princes Jan
05 Mamase
06 This is how I go
07 Emo on a beach
08 The one
09 No no no no
10 „Needle in the hay“
11 You’re just an alien

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