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Casey, Counterparts und Alazka überzeugen, The Amity Affliction enttäuschen mit schlechtem Playback.


Casey‘s zerschriener Post-Hardcore kommt im Backstage Werk weniger gut an als noch vor einem Jahr im Vorprogramm von Being As An Ocean. Dabei werfen die Waliser genau so viel Herzblut in ihre leidenschaftlichen Songs wie damals. Wer in den ersten zehn Reihen sehnsüchtig auf Amity Affliction wartet, scheint nicht viel mit den sphärischen Post-Rock-Passagen und dem entrückten Sprechgesang anfangen zu können. Immerhin hört das Münchener Publikum der Band zu, nickt bei den härteren Parts mit den Köpfen und spendet im Anschluss warmen Beifall. Einfach haben es Casey bei dieser Konstellation aber nicht.

Counterparts brauchen im Anschluss nur Sekunden, um sich und das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. In der folgenden halben Stunde nehmen sie den Fuß nicht mehr vom Gaspedal. Darunter zu leiden haben allein die Securities, die reichlich Crowdsurfer aus der Menge fischen müssen. Der Rest schwitzt sich zu den Songs aus Counterparts beeindruckend konstanter Diskographie quer durch die Halle und zurück – Hardcore-Shows bieten dem geneigten Zuschauer reichlich Schauwerte: Die drei Typen mit den Caps auf halb sechs und den großzügig geschnittenen Unterhemden, aus denen die glattrasierten, aber sauber definierten Oberarme quellen, findet man spätestens dann völlig okay, wenn sie Rad schlagend durch das Innere des Circle Pits tollen und für Stimmung sorgen. Die Kanadier auf der Bühne wissen das Engagement des Publikums zu schätzen, ihr Set knüppeln sie trotzdem unbeeindruckt durch. Das kostet Kraft, ist intensiv und macht glücklich, Counterparts sind das gar nicht so heimliche Highlight des Abends.

Den Recklinghausenern Alazka kann man durchaus skeptisch gegenüberstehen: Zuletzt haben die jungen Männer ihren Bandnamen Burning Down Alaska entschlackt und das biedere S zu einem stylischen Z gespiegelt. Und dann ist da natürlich der Sänger, der mit seiner Casting-Show-Vergangenheit eigentlich so gar nicht zu der modernen Hardcore-Formation passen will: Kassim Auale kann nämlich wirklich singen und hat mehr Soul in der Stimme als die komplette letzte DSDS-Staffel. Mit reichlich Pathos und großer Geste schmachtet er seine Texte ins Publikum und erinnert stimmlich an Charlie Simpson, der nach Busted und „What I Go To School For“ mit Fightstar und mittlerweile solo absolut vertretbare Musik veröffentlicht. Wer sich an den befremdlichen Enrique-Iglesias-Charme gewöhnt hat, kann mit Alazka jede Menge Spaß haben: Die Songs sind eingängig und schmissig, die Musiker dahinter wissen mit ihren Instrumenten umzugehen und sowohl die geschrienen als auch die gesungenen Vocals gehören zu den besseren des Genres.

Als The Amity Affliction nach langer Umbaupause die Bühne betreten, ist das Gekreische der weiblichen Fanschar groß. Verständlich, Bassist Ahren Stringer sieht mit seinen frechen Tattoos und den blondgefärbten Haaren recht adrett aus. Während ich noch darüber nachdenke, warum ich so von Neid zerfressen bin, fegt der erste Song über mich hinweg. Wow, ist das fett! Das klingt wie A Day To Remember in ihren besten Momenten. Und der schnieke Bassist kann auch noch singen wie ein Engel. Ganz zu schweigen von den druckvollen Screams des Sängers und den satten Gitarren. Was für ein Sound, den die vier Australier auf die Bühne bringen! Das Publikum dreht völlig zurecht komplett am Rad. Auch ich lasse mich ein paar Songs lang mitreißen, bis mir etwas komisch vorkommt: Der cleane Gesang klingt glasklar und gleichmäßig, selbst dann, wenn Ahren nicht perfekt zu seinem Mikrofon steht. Kann es sein, dass…? Ahren gönnt sich eine Pause, auf der anderen Seite der Bühne darf Gitarrist Dan Brown ans Mikro. Er bewegt sichtbar seinen Mund…und aus den Boxen tönt erneut „Ahrens“ klare Stimme. Amity Affliction nutzen live auf ganz plumpe Art und Weise Backing Tracks. Nicht nur für die cleanen Gesangparts, sondern mindestens auch für eine Gitarrenspur: Während aus den Boxen ein anspruchsvolles Solo gniedelt, klampft Dan mehr oder weniger engagiert die Rhythmusgitarre nach. In einem Song ist Ahrens richtige Stimme zu hören: Sie klingt rauer, kratziger, echter…und damit automatisch besser, als der zurechtproduzierte Singsang vom Band. Livemusik braucht Unzulänglichkeiten, um spannend und authentisch zu sein, Amity Affliction scheinen darauf nichts zu geben. Das Organ von Shouter Joel Birch schafft es ohne jegliche Ermüdungserscheinungen bis ans Ende des Sets. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der Auftritt einer Band, die so massiv auf Playback setzt, unterhält prächtig – aber das kann man günstiger und mit weniger Aufwand auf dem heimischen Sofa haben, wenn Andrea Kiewel sonntags in den ZDF Fernsehgarten bittet. The Amity Affliction sollten ihre Liveperformance hinterfragen, sonst füllen sie mittelgroße Hallen wie das Backstage irgendwann nicht mehr.

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