Zu der Band ANGELIKA EXPRESS hatte ich mal eine ganz besondere Beziehung. Die Musik des Trios gab mir vor 13, 14 Jahren einfach Alles, was ich gebraucht hatte. Ich inhalierte die beiden ersten Alben, konnte jede Textzeile auswendig, stand voller Aufregung alleine vor der Bühne bei einem ihrer energetischen Konzerten und war einfach voll in love. Es wäre sogar fast passiert, dass die Band auf meinem 15. Geburtstag gespielt hätte. Dazu fehlte dann doch leider das nötige Kleingeld.

Einige Jahre später flaute meine Angelika Express – Euphorie ab. Zum Einen lag das wohl daran, dass die Band sich auflöste und zwei Nachfolgeprojekte entstanden, die mehr oder weniger meinen Geschmack trafen. Overschmidt (mehr) und Planetakis (weniger). Mit Overschmidt organisierten wir dann auch tatsächlich unser erstes Konzert, danach kam nicht mehr viel, von beiden Gruppen gab es nur wenige Releases.

Nach einigen Jahren gab es die große Neuigkeit, Angelika Express spielen eine Reunion! Yeah! Was hab ich mich gefreut, selbst wenn Jens Bachmann und Alex Jeszdinsky an Bass und Drums ersetzt wurden. Mastermind Robert Drakogiannakis war und ist eh für das meiste zuständig bei der Tante Angelika.

Seit der Reunion habe ich mir Angelika Express noch ein einziges Mal live angesehen. Die Euphorie flachte ab, ich konnte sogar garnicht mehr genau verstehen, warum ich so ein Riesen-Fan war. Nach und nach merkte ich, dass die Texte im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Künstlern ein wenig plakativ daherkamen, sich allzeit gezwungenermaßen reimen und somit manchmal fast sinnfrei daherkommen. Aber vielleicht war es auch einfach genau das, was ich als Teenie brauchte.

Die Alben habe ich seit der Reunion nicht mehr gehört, lediglich Singleauskopplungen wie „Du trinkst zuviel“, „Was wollt ihr alle auf dem Dancefloor“ und „Dich gibts nicht“, welche meiner Meinung nach in keinster Weise an Hits wie „Teenage Fanclub Girl“, „Rock Fucker Rock“ oder „Jetzt!“ herankamen.

Das neue Angelika Express Album ist ein Konzeptalbum und trägt den Namen „ALKOHOL“. Also, 15 Lieder übers Saufen, so wurde der Tonträger angekündigt. Bisher habe ich keine einzige Preview gehört und möchte die Gelegenheit nutzen, eine Direct Review, quasi eine First Reaction Review, live beim ersten hören zu tippen. Viel Spaß bei meinem Alkohol-Konsum:

Alkohol beginnt mit einem Einzähler. Robert ruft „1, 2“ und es geht direkt im Franz Ferdinand Stil los. Der Sound scheint dick produziert, der Text stößt mich leider relativ schnell ab. „Die Diktatur der Mixgetränke“…. „16 Uhr bis morgen früh, lalü lala tatu tatü“. Das klingt selbst schlimmer als Liebficken von Sofaplanet. Plakativer kann ein Text über Alkohol leider nicht gestaltet werden. Ich drücke auf Skip. (Menschen brauchen Alkohol)

Song Nummer Zwei erinnert ein wenig an alte Aufnahmen der Band, klingen die Abläufe sehr nach „Alltag für Alle“, textlich hätte es auch auf die zweite Platte der Gruppe gepasst. Allgemein ist das Songwriting stark an Rock Fucker Rock angepasst. Durchaus ein solider Song, der mir damals mit Sicherheit viel Freude bereitet hätte. (Wann lässt du endlich los)

Kurze oder Longdrinks. Eine Frage, die sich sicher schon einige des Öfteren gestellt haben. Aber die Idee, einen Song darüber zu machen, hatten sicherlich die Wenigstens. Ist auch besser so. „Hausmeister der Nacht, beim letzten Langgetränk (sic!) hat keiner mehr gelacht“… Puh. Nach 1:37 Min ist das Stück schon wieder zu Ende. (Kurze oder Longdrinks)

Lustig. Der nächste Song heißt Phil Collins und beginnt mit Stadion-Drums. Danach folgen Back-Beats mit klassischen Indie Dance Rythms. Klingt irgendwie nach Kraftklub, textlich auch. Plötzlich setzt ein Synth ein und ich weiß nicht genau, was passiert. Alles sehr hektisch und zum Glück auch unter Zwei Minuten schon wieder vorbei. (Phil Collins)

Nummer 5 auf Alkohol klingt ein wenig, als ob Farin Urlaub Co-Songwriter gewesen wäre. Total ironisch wird gesungen „Die Reste hinter deiner Stirn, möchte ich total verwirren“. Klappt bei mir irgendwie auch ohne den angepriesenen Phazer, der im Song als Hilfsmittel besungen wird. Es fällt mir schwer, die Songs bis zum Ende zu hören. „Du wolltest nie ein Spießer sein, stattdessen bist du jetzt ein mieses Schwein“. Ich verstehe nicht wirklich, was Drakogiannakis uns sagen will. (Phazer auf Betäubung)

Das nächste Stück klingt wie eine gut gelaunte Coverversion eines schlechten Dirty Pretty Things Song. Also ein wenig britisch, ein wenig punkig aber dennoch tanzbar. Inzwischen blende ich den Text schon fast aus. Ich muss pausieren nachdem die gesanglich formulierte Antwort „Nein ich will keinen Piccolo, ich hab noch einen Flachmann im Büro“ aus meinen Kopfhörern schallt. Wenn ich länger darüber nachdenke, klingt das Ganze doch eher nach 10 kleine Jägermeister. (Flachmann im Büro)

Erika Fahrbier ist der Name des nächsten Songs. Überraschenderweise gefällt mir das Intro gerade ganz gut. Der Sound ist anders als der Rest des bisherigen Album und es ist ein Instrumental. Bisher mein Favorit, wobei sich mir hier der Bezug zum Alkohol nicht erschließen mag. (Erika Fahrbier)

Song Nummer 8 hat einen Refrain der eigentlich ganz nett ist und nochmal an Indie und Britrock der Mitte 2000er erinnert. Hier singt die Bassistin neben Robert ziemlich viel, was dem Lied einen kleinen NDW Touch verleiht, was ich ganz ansprechend finde. Die Text-Trauerveranstaltung zieht sich leider immer bis jetzt. (Du bist kaputt)

Für dich… geskippt nach Zwei Sekunden. Hierzu will und kann ich nichts schreiben.

Ich habe einen neuen Favoriten. Track 10 geht 11 Sekunden lang, ist flott und besteht aus 2 Akkorden. (11 Kölsch in 11 Sekunden)

Nach dem Hit folgt die erste Ballade auf Alkohol. Textlich mein bisheriger Tiefpunkt schon nach 26 Sekunden. „Niemand tut niemandem weh, Zen Buddhisten trinken Tee“…. Achso! Sobald das Intro zu Ende ist, entpuppt sich die vermeintliche Ballade ans countryangehauchte Rocknummer. Im Refrain wird gezwungenermaßen ein willkürlicher Zusammenhang zum Saufen hergestellt. Wo es am Anfang heißt, wie schön eine Welt wäre in der Frieden herrsche, verlangt Drakogiannakis nach „mehr Kohle für Cocktails“ und fragt sich „wo sind all die Cocktails hin? Wo sind sie hin?“ (Kohle für Cocktails)

Hang over Annelore klingt wieder ein wenig nach früher, was mir direkt ganz gut gefällt. Der Gesang und der Text sind stimmig, ich fühle mich gerade kurz wie 14 und mir machen die ganzen Reime garnicht mehr soviel aus. Wäre nur das ganze Album so, dann wäre es wirklich eine gute Platte geworden. Schade drum! (Hang over Annelore)

13 ist für manche ja eine Glückszahl, für die Platte Alkohol auf jeden Fall nicht. Stressiger Poppunk, gehetzter, gedoppelter Gesang, musikalisch nicht gerade niveauvoll. Viel zu voll gepackt, überzeugt mich null. (Das Biest ist frei)

Industrial-Intro Alarm. Trotzdem alles in allem garnicht allzu schlimm. Aber irgendwie auch nicht gut. Der Rhythmus der wohl zum Tanzen einladen soll, wirkt auf mich eher verschränkt und sperrig, der Backgroundgesang quietscht viel zu laut von der Seite. Die Umschreibung „Weiche Bombe“ sagt mir nichts, hat aber mit Sicherheit wieder irgendwas mit Saufen zu tun. Würde ich den Ausdruck kennen, müsste ich dann eventuell sogar schmunzeln? Ich befürchte nein. (Weiche Bombe)

Am Ende angelangt erklingt eine leise Gitarre, die auch den letzten Song einer Revolverheldplatte einläuten könnte und wird nach einigen Sekunden von einem Drumcomputer unterstützt, der wie aus einem 20 Euro Keyboard klingt. Eben dieses setzt leider kurz darauf auch ein um sich in meinen Gehörgang zu bohren. Verhallte, seltsame Schreie und Ausrufe des Sängers hallen im Raum umher. Alkohol kommt zum Ende und ich bin froh. (Zur Theke am Ende des Regenbogens)

Ich bin durch. Nach 35 Minuten, die mir eher wie über 60 Minuten vorkamen, kann ich leider nicht viel Gutes über meine ehemaligen Indie-Pop-Heroes Angelika Express schreiben. Liegt es nur daran, dass ich damals noch nicht wusste, wozu manche Menschen fähig sind, wenn sie Stift und Papier in die Hand nehmen? Bin ich zu verwöhnt durch viele deutschsprachige Texter, die in letzter Zeit mit ihren Gruppen wahnsinnige Platten herausgebracht haben? Ich versuche dieses Album objektiv zu betrachtet und selbst dann fällt es mir schwer, ihm etwas abzugewinnen. Die Songs sind langweilig geschrieben, meine Meinung über die Texte kam oft genug durch, der Sound ist seltsam und unpassend. Vielleicht sollte man Helden einfach irgendwann mal ruhen lassen.

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