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Der deutsche Pop-Punk in seiner reinsten Form – Neues von Angelika Express

LP kaufen Vö: 17.11.2017 Unter Schafen Records

Sänger Robert Drakoginannakis beschreibt es sehr treffend: „Meistens eher unter dem Radar, manchmal haarscharf davor ein größeres Publikum zu erobern.“ Das muss ich jetzt genau so unterschreiben, da Angelika Express in den letzten 15 Jahren zwar stets präsent und immer irgendwie auf dem Schirm, aber nie wirklich in den hohen Rängen zu finden war. Aber ehrlich, warum auch? Der Erfolg hat so viele gute Bands ruiniert und die Shows, das Auftreten der Musiker zu einem albernen Promo-Kasperletheater werden lassen und vor allem die Musik völlig unhörbar gemacht. Davon kann hier somit in keiner Weise die Rede sein, ganz im Gegenteil, „Letzte Kraft voraus“ macht größtenteils richtig Spaß!

Der Opener „Geh gegen den Rhythmus“ ist ein kaum umsetzbarer Appell an den Hörer und beginnt mit aufrüttelndem Takt und überaus klebrigen Melodien. Leicht kratzige Gitarren spielen punkige Riffs mit dezenter, bluesiger Note, vielstimmiger Gesang passt zu allem wie Rotwein zu dunklem Fleisch. Obwohl alles frisch und gutgelaunt klingt, merkt man schon, dass man es mit einer erwachsenen Band zu tun hat. Inhaltlich ist der Song ein Aufruf sich gegen die tägliche Lethargie zur Wehr zu setzen und man ist umgehend geneigt, genau das zu tun. Der anschließende Titeltrack steht ungewöhnlich lang auf dem gleichen Akkord, was ihm eine stetig aufbauende Wucht verleiht. Das ganze Ding ist fett von vorne bis hinten, allen der Chorus ist der absolute Brecher! Es werden alle möglichen Melodic-Punk Strippen gezogen, wohlgemerkt alle auf einmal, was den Song etwas überladen wirken lässt, woran man sich aber schnell gewöhnt, da dieses Stilmitttel auch in den folgenden Songs verwendet wird.

„Vinylbeton“ ist der erste richtige „Hit“ des Albums, bei dem sich der werte Jörkk Mechenbier von Love A als Gastsänger zur Verfügung stellt. Gitarren die surfig, breit ausgelassen, dabei aber gleichermaßen melancholisch auftreten, schaffen wundervolle Melodien. Es klingt fast wie ein aufgepunktes Liedermacherstück, bei dem sich die beiden Gesangstimmen schön umeineinander wickeln. „Wir bau’n euch eine Stadt aus Vinylbeton“. Ob es hier um Musik auf Schallplatten geht? Ich hoffe doch! Die nicht ganz ernst gemeinte Hymne „Geboren in der BRD“ wartet auch wieder mit einer wohligen Melodie auf, die als leichter Pachelbel-Klau hervorragend ins Ohr geht. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, worum es hier geht, aber Aussagen wie „lebenslänglich NRW“ oder „Bei Herne hinter’m Horizont schläft die Melancholie“ erheitern mich zutiefst, während die angezerrten Vollakkordgitarren die perfekte Untermalung darstellen. Mit „Am letzten Donnerstag im Mai“ wird der Sommerhit des Jahres kurzerhand nachgereicht. Suzie Kerstgens von KLEE steuert hier einige Vocals bei, das Melodiegespür der Band bleibt ungebrochen und der Refrain erinnert sehr angenehme an WEEZER. „Ein Jahr“ knüpft hier nahtlos an und transportiert die herrschende Stimmung kurzerhand weiter. Ein frischer, wie aus dem Ei gepellter Punksong, ohne jeden Staubansatz. „Schönheit oder Mut“ hat zwar wieder River-Cuomo-Feeling, Drakogiannakis bemüht sich aber etwas zu arg um einem lasziven Gesangsstil, was hier im Gesamtkontext nicht so perfekt aufgeht.

„Wir kommen wieder“ geht wieder kompromisslos nach vorne, ist dabei das schnellste Stück des Albums und verbreitet ein cooles Rock’n’Roll-Feeling. Stakkatos und Vollakkorde im Wechsel sorgen für aufregendes, volles Rocktheater. „Comeback im Dreck“ wäre vor 20 Jahren locker als Britpop-Song durchgegangen und macht einmal mehr deutlich, dass hier mit einem Melodiegespür gewütet wird, dass es einem schwindelig wird! Die Gitarren im Hintergrund erinnern sogar an The Clash oder Strummers Solo-Zeug. Was soll ich sagen, es geht vorerst genau so weiter! „Kaiser von Köln“ und „Jägerzaun“ sind Pop-Punker erster Kajüte, mit epischen Refrains und lyrischem Augenzwinkern. Dann lässt das überwiegend ungebrochene Niveau leider etwas nach. Der die Liebe suchende Roboter „Mister Fantastik“ wirkt tatsächlich etwas künstlich und deplatziert, das verhipsterte „Agentur“ trotz durchdachtem Riff etwas zu gewollt jugendlich und damit irgendwie gegensätzlich zum erwachsenen Anfang des Albums. „Agenten“ ist ein cooler Gitarrenrocksong, klingt ein klein wenig nach den Sternstunden der Strokes, aber bleibt hinten der Hymnen des Albums zurück. „Für Paul“ ist nichts weiter als eine ein-minütige, zugegeben ansprechende Song-Idee und gleichzeitig der Schlussakkord.

Es scheint irgendwie, als habe man die letzten vier Tracks nur mit auf das Album genommen, weil gerade noch Platz war. Ich kann jetzt nicht sagen, dass sie besonders schlecht oder gar unhörbar sind, aber zu den starken, vorherigen Songs passen sie einfach nicht. Schade.

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