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Noch nicht einmal drei Jahre gibt es Beach Slang nun, und doch hat die Band um Frontmann James Alex so viel durchgemacht, im Guten wie im Schlechten: Neben einem rasanten Aufstieg und Touren durch die ganze Welt gab es viele Trennungsgerüchte, und während einer Show in Salt Lake City löste die Band sich für einige Stunden auf.. Auch personell gab es schwierige Momente: Drummer JP Flexner verließ auf Anraten seiner Kollegen die Band, Gitarrist Ruben Gallego stieg kurz vor einer Tour aus, weil er der sexuellen Belästigung einer Frau beschuldigt wurde.

Es gibt viele Vorfälle, wegen denen jede andere Band schon längst das Handtuch geworfen hätte – allerdings nicht Beach Slang und deren unbeugsamer Frontmann, der immer weiter machte und an seinem Werk festhielt. Die vakanten Positionen sind neu besetzt, ein neues Cover-Mixtape ist erschienen, und die Band gibt sich beim Konzert im Kölner Gebäude 9 nach anfänglicher Unsicherheit so leidenschaftlich und verliebt wie nie zuvor. Noch immer will Alex – wie gewohnt in seinem Prom-Outfit aus den 80ern – der Betrunkenste sein, noch immer will er jeden Einzelnen umarmen, und noch immer weicht das Konzert- prompt dem Hausparty-Gefühl. Nach zwei Stunden, diversen Oasis- und Pixies-Covern und einem Teller Frühlingsrollen für das Publikum ist dann Schluss – und wie gewohnt steht Alex direkt am Merchstand und verteilt weiterhin Liebe an alle, die etwas davon haben wollen.

Vor der Show trafen wir den Sänger und Gitarristen noch in Straßenkleidung zum Interview und sprachen mit ihm über Familie, die Bedeutung von Mixtapes und dem Gemeinschaftsgefühl im Rock’n’Roll.

PiN: Es ist ungewohnt, dich nicht in deinem Markenzeichen-Outfit zu sehen. Denkst du, du wirst auf der Bühne jemals irgendetwas Anderes tragen?

James Alex: Ich denke schon, irgendwann. Aber das wird sich eher als schleichender Prozess ändern. Die erste Band, die ich mir aktiv angesehen habe, waren die Beatles in ihren Anzügen, was wohl einfach hängen blieb. Und ich habe aus dieser Boyband-Inspiration eine kaputtere, trashige Version basteln wollen.

PiN: Ihr seid in den vergangenen Monaten viel herumgekommen: Es gab zahlreiche Touren durch Nordamerika, Europa, sogar in Australien habt ihr schon gespielt. Hättest du dir das vor drei Jahren, als es mit Beach Slang losging, jemals erträumen können?

Nein, niemals. Beach Slang fing ja eher wie eine Band aus Versehen an. Ich spielte Freunden einige Demos vor, die mir dann sagten: „Die sind ziemlich gut, die sollten wir richtig aufnehmen“, gefolgt von der ersten Seven-Inch, die gut ankam. Danach haben wir auch überlegt, Konzerte zu spielen. Es war aber eigentlich nur ein Ort für mich, diese Songs abzuladen, die ich geschrieben hatte. Natürlich hofft man, dass es jemanden interessieren würde, aber nicht in den wildesten Träumen hätte ich mir das denken können.

PiN: Während der Tour hast du deine Familie zu Hause, deine Frau und deinen kleinen Sohn. Wie schaffst du den Spagat zwischen den Reisen um die Welt und den Geliebten daheim?

Das ist selbstverständlich das Härteste für mich. Mit dem Zeitunterschied läuft es ganz gut: Wenn wir zur nächsten Stadt fahren, wachen die drüben gerade auf, sodass wir telefonieren können, genauso wie kurz nach den Shows, wenn sie sich gerade fertig für’s Bett machen. Ich sehe sie also zweimal am Tag und kann mit ihnen sprechen. Mein Sohn Oliver wird bald zwei, und je älter er wird, desto mehr hat das Ganze einen Einfluss auf ihn, was es auch für mich schwerer macht. Wenn ich weg bin und sie vermisse, dann liegt das ganz bei mir; ich habe diese Entscheidung schließlich für mich gefällt. Was mir allerdings mehr zusetzt, ist, wenn es ihm dadurch schlecht geht. Er hat es sich ja nicht ausgesucht, dass sein Vater um die Welt reist. Es ist nicht leicht, auch bei dieser Tour: Wir sind gerade erst zehn Tage dabei, und meine Frau Rachel sagt mir schon so etwas wie „Hör mal, er muss jetzt mit dir reden. Er braucht das gerade“. Ich wünschte, ich hätte so etwas wie einen Masterplan oder einen Trick im Sinne von „so gehe ich perfekt mit dieser Situation um“. Ich schaue eher jeden Tag auf’s Neue, wie es läuft. Es gibt keinen Trick, ich versuche nur mein Bestes und möchte so oft mit ihm reden, wie ich kann. Und sobald wir uns beim Telefonieren sehen, kriegen wir beide ein breites Grinsen auf unsere Gesichter. Ich hoffe einfach, dass das genügt, bis ich wieder zu Hause bin.

PiN: Neue Songs werden auch deshalb nicht zu Hause, sondern auf Tour geschrieben?

Ganz genau. Das ist dann der Vorteil: Wenn wir nach der Tour wieder da sind, bin ich wirklich nur zu Hause. Ich bin dann 24 Stunden am Tag für ihn da. Es wird auch erst an Musik gearbeitet, wenn er schläft. Da trifft es sich gut, dass ich nachtaktiv bin: Meine Frau und er gehen früh schlafen, und das ist dann die Zeit, die ich allein für mich habe. Das ist sowieso meine liebste Zeit zum schreiben: Da passiert einfach etwas mitten in der Nacht, das du tagsüber nicht bekommst.

PiN: Apropos Reisen um die Welt: Reagieren die Fans außerhalb der USA anders auf die Botschaften deiner Songs? Oder sind die Oden an das Erwachsenwerden, an das Außenseitertum und die jugendliche Leidenschaft universell verständlich?

So langsam erkenne ich, dass letzteres zutrifft. In den Songs geht es grob gesagt oft um das Motto „Du bist hier, und du lebst – mach etwas daraus“, und wem geht denn dieser Grundgedanke nicht nahe? Ich versuche immer so zu schreiben, dass es über Kulturgrenzen hinaus leicht verständlich ist, und nach allem, was die Leute mir bei den Shows so erzählen, habe ich damit wohl auch Erfolg.

PiN: Es tauchen ja immer wieder Geschichten auf, wie du aktiv auf die Menschen eingehst, ihnen versuchst zu helfen und für sie da zu sein – das passiert also auf der ganzen Welt gleichermaßen?

Ja, glücklicherweise war es bisher überall so, hoffentlich verliert das auch nicht an Fahrt. Mein Gefühl dabei war schon immer – und so kam ich wohl auch in der Szene rüber – dass ich niemand bin, der sich nach dem Konzert nur im Backstage-Bereich versteckt und sein Ding macht. Ich will lieber ein Teil des Ganzen sein, verdammt. Ich hoffe einfach, dass die Leute reden wollen, denn auch ich ziehe da viel heraus. Und dabei bildet sich auch so etwas wie eine Rock’n’Roll-Gemeinschaft. Ich denke nicht, dass die Botschaft verloren geht. Sachen wie Zweifel, Angst, Mut, die sind allgegenwärtig. Ich lebe gerne mit den Hebeln auf Anschlag, und genau das möchte ich auch vermitteln. Es geht da weniger um das Alter, sondern um den Kampfgeist, der einem hilft, mit dem Leben fertig zu werden. Das ist die Sache, die auf der ganzen Welt nachvollziehbar sein dürfte.

PiN: Man sieht es auch bei euren Shows: Nicht nur Teenager sind dort zu sehen, sondern auch Leute in ihren Fünfzigern. Anscheinend fühlen sich alle Altersklassen angesprochen.

Das erlebe ich traurigerweise auch mit Freunden: Ab einem bestimmten Alter gab es plötzlich Erwartungen, erwachsen zu sein. „Du kannst doch jetzt nicht mehr in einer Band sein, du musst Verantwortung übernehmen. Such dir einen Job“ oder so ähnlich. Dann lebst du die nächsten 50 Jahre irgendwie unvollständig.

PiN:In meinem Umfeld fiel zuletzt der Spruch „du bist jetzt Mitte 20 – benimm dich auch so“.

Genau, und was soll das bitte bedeuten? Ich merke schon, wir denken da ganz ähnlich.

PiN: Du postest bei sozialen Netzwerken regelmäßig kleine Mixtapes, hin und wieder bringst du einen Coversong heraus, und nun gibt es mit Here, I Made This For You Vol. 2 ein zweites Mixtape von euch mit Coversongs. Was hat es mit dir und dem Zusammenstellen und Covern von Songs anderer Bands auf sich?

Für mich hatte das Basteln von Mixtapes immer einen romantischen Touch: Was ist die persönlichste Sache, die ich für einen Menschen tun kann? Und das größte Geschenk, das ich Menschen machen kann, die mir wirklich am Herzen liegen, ist dieses akribische Zusammenstellen von fünf oder 15 Songs, die möglicherweise dein Leben verändern können oder irgendetwas in dir auslösen – das ist mir wirklich wichtig. Und wenn wir selber die Cover für das Mixtapes machen, dann hat das zwei Seiten: Wenn du die Songs vorher schon kanntest, dann halte dir damit in Erinnerung, wie großartig sie sind. Und wenn nicht, dann hast du hier Bands, die du nicht verpassen solltest, die mich berührt oder inspiriert haben – die haben das für mich getan, vielleicht tun sie das auch für dich. Manche Leute sehen es auch deshalb nicht umsonst als Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen an.

PiN: Geht mit den Coversongs denn auch etwas wie Heldenverehrung einher – für die Vorbilder, die dir so geholfen haben, wie du nun deinen Fans hilfst?

Ohne Zweifel. So sehe ich das mit Rock’n’Roll: Dass es weder zwischen Band und Fans, noch zwischen den Bands untereinander große Distanzen geben sollte. Diesen Ethos habe ich in der Szene gelernt, und so möchte ich es auch weitergeben. Vielleicht übernimmst du sie ja für dich oder eben auch nicht – aber sie haben mir sehr weitergeholfen, weswegen ich sie auch gerne in die Welt hinaustrage. Vielleicht hilft es ja jemandem, ich hoffe es jedenfalls. Es ist aufregend: Nach diesen Mixtapes habe ich Menschen aus den Bands getroffen, die wir gecovert haben, beispielsweise von den Senseless Things oder den Posies, die Candyskins haben darüber getweetet. Mit denen rede ich sowohl über das Internet, als auch in echt, über Platten, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Das ist immer noch unfassbar, und das hätte ich auch niemals erwartet: Wir covern jetzt diesen Song, und plötzlich schreibt mir jemand von den Senseless Things. Das ist ein äußerst netter Nebeneffekt.

PiN: Man kann in Zukunft also mehr Cover-Mixtapes erwarten?

Absolut, ich bin sogar schon bei der Planung für das nächste. Das Schwerste ist ja, es auf fünf Songs herunterzubrechen. Mein Plan war es ja eigentlich, zwei davon pro Jahr zu veröffentlichen. Letztes Jahr haben wir leider nur eines geschafft, dafür haben wir in diesem Jahr schon sehr früh eins herausbringen können. Mindestens ein weiteres Mixtape wird 2017 also definitiv noch kommen.

PiN: Apropos 2016: Letztes Jahr stieg der Erfolg für Beach Slang rasant an, und doch gab es ziemlich harte Rückschläge. Da wäre die kurze Auflösung nach einer Show in Salt Lake City, der Ausstieg zweier Mitglieder, im November haben Unbekannte euren Tourbus aufgebrochen und Equipment gestohlen – und doch hast du immer weiter für die Band gekämpft und sie nie aufgegeben. Warum?

Wir haben es natürlich nie geplant, aber aus Beach Slang ist mittlerweile schon so etwas wie ein gutmütiges Nimmerland geworden. Dabei geht es nicht nur um die Band selber und die Leute, mit denen wir uns professionell umgeben, sondern auch um die Menschen, die zu den Konzerten kommen und die mir schreiben. Mit all dem Mist und dem Müll, der in der Welt passiert, haben wir diesen sicheren, lebenslustigen, unterstützenden Zufluchtsort gegründet. Mittlerweile kann ich mir kein Leben ohne das alles mehr vorstellen, und das hilft mir auch, mich nach schwierigen Sachen wieder aufzurichten. 2016 sah von außen sicherlich wie ein einziger turbulenter Unfall aus, allerdings war es für uns nie an einem kritischen Punkt angelangt. Natürlich waren einige Dinge schlimmer als andere, aber vielleicht liegt es einfach an meiner Hartnäckigkeit, dass nichts davon wirklich eine ernsthafte Gefahr für unsere Sache darstellte. Die letzte US-Tour sollte eine normale Bandtour werden, allerdings hatte ich von einem auf den anderen Moment keine Band mehr, weswegen ich die Shows dann solo als Quiet Slang gespielt habe. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich am ersten Abend in Washington D.C. dachte: „Ich bin entweder zu blöd oder zu verliebt, um es zu beenden, und ich bin viel zu dankbar, um alles aufzugeben“. Das fasst für mich ganz gut zusammen, warum die Band bis heute besteht.

PiN: Das ist erstaunlich, gerade wenn man bedenkt, dass viele andere Bands an dem Punkt wahrscheinlich schon längst aufgehört hätten.

Das haben wir tatsächlich viel von Freunden zu hören bekommen, die uns auch sagten: „Das wäre es für mich schon lange gewesen“. Es kam eben viel in kurzer Zeit zusammen.

PiN: Bedeutet das neue Jahr nun auch ein Neuanfang für die Band? Haben wir es nun mit einem neuen James Alex zu tun, vielleicht sogar mit Beach Slang 2.0?

Darüber haben wir auch schon unsere Späße gemacht. Aber doch sind Ansätze, Seele und Energie immer noch dieselben, und ich habe mich auch nicht groß verändert. Vielleicht bin ich etwas lebenserfahrener geworden: Das wird man wohl, wenn man solche Dinge erlebt – man lernt, öfter mal über die Schulter zu schauen und sich besser abzusichern. Ich werde es aber nicht zulassen, dass es das verändert, was die Band im Ansatz ausmacht: diese sorgenfreien Momente, in denen wir einfach leben und loslassen können, in denen wir ohne schlechtes Gefühl unsere Herzen ausschütten können. Das will ich auf keinen Fall ändern, denn sobald wir das tun, ist die zugrunde liegenden Essenz für das weitere Bestehen der Band quasi weg. Jetzt haben wir zwei wundervolle neue Leute in der Band, die nicht nur tolle Musiker sind, sondern – und das ist viel wichtiger – auch großartige Menschen. Wenn wir aber darüber hinaus schauen, ist es im Prinzip immer noch dieselbe Band wie vorher. Wir sind immer noch diese verantwortungslosen, betrunkenen Raufbolde.

PiN: Schauen wir mit der letzten Frage in die Zukunft: Auf dem ersten Album The Things We Do to Find People Who Feel Like Us hast du deine eigenen Geschichten erzählt, Platte Nummer zwei namens A Loud Bash of Teenage Feelings handelte von den Schicksalen und Storys anderer Menschen. Weißt du schon, worüber du auf dem nächsten Album erzählen willst?

Weißt du, ich habe schon wieder viel geschrieben, allerdings nur in musikalischer Hinsicht. Ich versuche momentan noch immer herauszufinden, in welche Richtung ich mit den Texten gehen möchte. Ich möchte auch nichts fälschen oder einfach herunterrattern, und ich habe den Code dafür wohl noch nicht ganz geknackt. Als Songwriter will man ja dieses organische, ehrliche Ding haben und nichts erzwingen, und darauf warte ich noch. Ich habe nun mal die Möglichkeit, viele interessante Orte zu sehen und viele Menschen zu treffen, was ja geradezu perfekt für mögliche Inspirationen ist. Deshalb wird es mich irgendwann schon einfach erwischen und ich werde wissen, was ich mit den Texten verfolgen will.

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