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Wenn sich geliebte Bands auflösen, die einen über lange intensive oder kurze prägnante Lebensabschnitte hinweg begleitet haben, ist das nie leicht. Oft weiß man nicht, was schlimmer zu ertragen ist: Die darauf folgenden nächsten „letzten“ Konzerte, die zwiespältigen Reunionversuche nach ein paar Jahren, die uninspirierten Neuprojekte oder einfach das konsequente, bittere Band-Ende. Am Liebsten würde man das Unausweichliche verleugnen, Uhren zurückdrehen, Zeit anhalten. Wenn sich Abschied aber so ergreifend anfühlt wie „Heartwrencher“ letzten Samstag beim ARKTIKA-Abschiedsgig, dann mischt sich zu all der Trauer auch ein verdammt heroisches Gefühl, das man zumindest in ein schweißnasses Shirt einwickeln, mitnehmen und aufheben kann, für die Zeit danach.

Sie hatten mit „Symmetry“ eben erst den beachtlichen Nachfolger zum beeindruckenden 2010er-Album „At Zero“ veröffentlicht, da verkündeten ARKTIKA im November 2012 bereits ihre Trennung. Hier das Statement zum Nachlesen. Damit kommt das Band-Aus nach insgesamt 5 kurzen, aber ereignisreichen Jahren viel zu früh. Mit ARKTIKA geht eine Band, die es in ihrer relativ jungen Bandgeschichte schaffte, sich mit einem Mix aus Post Rock-Epik, Post Hardcore-Wut und Screamo-Verzweiflung auf höchstem Niveau zwischen den fließenden Genregrenzen zu bewegen, zu positionieren und dem Ganzen den eigenen Stempel aufzudrücken. Eine Band, die mit Größen wie ENVY, THIS WILL DESTROY YOU, PG.LOST und CASPIAN tourte und sich dabei nicht nur ins Herz von PiN spielte. ARKTIKA, ein aufregendes Kapitel, das jetzt geschlossen werden soll.

Doch bevor sie den hiesigen Bühnen für immer den Rücken kehren werden, wollen sie uns noch einen unüberhörbaren Abgang schenken, den niemand so schnell vergisst.
Was eignet sich da besser als eine restlos ausverkaufte Farewell-Show (samt wunderschönsten Tickets), um das Ende live und gebührend zu zelebrieren? Dazu lädt man sich am Besten noch gute Freunde in Form von AMBER, BLCKWVS und THE TIDAL SLEEP ein und feiert dort, wo man sich zu Hause fühlt – in der Heimatstadt im kleinen intimen Kreis. 150 Leute sind gekommen (übrigens das sympathischste Publikum seit langem), um Lebewohl zu sagen. Sogar Fans aus Litauen haben es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein, wenn der letzte Vorhang fällt.

Arktika abschied

Den Anfang der arktischen Abschiedszeremonie eröffnen AMBER aus Marburg, für die dieser Auftritt schon deshalb von besonders nostalgischer Natur ist, weil sie vor genau einem Jahr ihr allererstes Konzert überhaupt zusammen mit ARKTIKA und THE TIDAL SLEEP bestritten hatten. Noch nicht allen Zuschauern hinlänglich bekannt, sind sie gleich eine klangliche Überraschung. Es werden sehr postmetalisch doomige Versionen von Post Hardcore aufgeschachtelt, denen Anna am Mikro ungeahnt kraftvolle Emotionalität einschreit. Schöner Auftakt. Im Auge behalten und ihrem Album „Lovesaken“ beide Ohren leihen. Flugs sich zur dringenden Abkühlung auf ein Bier oder andere, neumodische Getränke draußen vor der Tür verabredet – denn drinnen steht schon jetzt die Luft – geht es Schlag auf Schlag mit zwei Bands aus dem This Charming Man-Häuschen weiter.
BLCKWVS walzen in bedrohlich dröhnender Gangart ganz ohne Vocals, aber mit Keyboards, rein instrumental durch düster-sludgige Doomtäler, die hier leider nicht in jedem Moment so zwingend und einnehmend wirken wie sie auf Platte gepresst sind.
Im hohen Tempo hinaus auf‘s raue Meer geht‘s mit THE TIDAL SLEEP. Barfuß springt Sänger Nick von einer Ecke zur anderen und bringt die von der musikalischen Wildheit gut angeheizte Menge immer mehr ins Schwitzen bis die Karlsruher an die Band des Abends übergeben.

Als ARKTIKA dann schließlich und entschlossen das Grand Finale begehen, durchströmt von der ersten bis zur letzten Sekunde an pure, fesselnde Energie den kleinen, stickigen Raum und alle greifen danach. Plötzlich entsteht diese kribbelig knisternde Atmosphäre, in der sich „A Fire To Everything“ geradezu flächendeckend entfacht. Weil es kein Morgen gibt, schreit Marc jeden seiner Texte mit der brachialen Vehemenz der Letztmaligkeit heraus. Zeilen, wie die eines „Bridge Burners“ sind heute nicht nur bezeichnend, man möchte sie auch für ewig hübsch hässlich an Wände tapezieren. In jede einzelne Note ihrer Songs versunken, trägt das gebannte Publikum die Band zu Grabe. Ein eigentlich unsterbliches „Broken Flowers“ wird da zum vergänglichen Augenblick, der zum Ausleben gemacht ist. Noch ein mal auf die vergangenen 5 Jahre zurückblicken, noch ein mal sich als Band feiern.

Dann setzen ARKTIKA zum letzten tiefen Atemzug an. Und als wäre die Stimmung mittlerweile unter tropischen Temperaturen nicht schon am Siedepunkt, braut sich aus der Verbindung von Abschiedsschmerz und Abrisslaune vor der Bühne auf ein mal etwas zusammen, das man sich nicht schöner ausmalen könnte, hätte man es nicht selbst erlebt: 150 verschwitze Menschen erheben lauthals ihre Stimmen zu „Heartwrencher. Mit der Inbrunst der Endgültigkeit eines unwiederholbaren Abends singen, gröhlen kehlen sie Marc die Worte entgegen, die ihm angesichts dieser geballten Hingabe fehlen: „When everybody grabs for your heart/You better keep it locked/It doesn‘t get any better/ It will never be good“.

Eine muckelig warme Masse Eins mit Bühne, Sänger und Song. Alles ist nur noch „Heartwrencher“. Würdevoller kann man nicht abtreten. Umarmen, verbeugen, mit sich im Reinen sein. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge: „May the bridges that you burned light your way“.


Ich habe noch ein Video gefunden, welches zumindest ganz gut die Atmosphäre des Abends wiedergibt.

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