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Ein bisschen irreal, beinahe anachronistisch wirkt das Leipziger Völkerschlachtdenkmal ja schon.

Funktionalität oder humanitäre Symbolik gehen dem Denkmal völlig ab. Im Angesicht seiner Größe soll das Individuum seine eigene Bedeutungslosigkeit erfahren. Für die einen bedeutet ein Besuch des größten Denkmal Europas eine sinnliche Erfahrung, die anderen sehen in ihm eine betonierte, „gigantische Erektion“ oder einen „peinlichen Granit-Phallus“, gar eine „gewalttätige Sinnlosigkeit“.

Völkerschlachtdenkmal | (c) Benjamin Barker

Aus gutem Grund sollte man die männlich-militaristische Bedeutung des Völkerschlachtdenkmals nicht abspalten, wenn man seine Gegenwart aufsucht. Aber wie lässt sich der kaiserliche Größenwahn heute, gut 200 Jahre nach der nach Völkerschlacht und 100 Jahre nach Vollendung des Bauwerks selbst, sinnvoll nutzen? Oder allgemeiner gefragt: Wie umgehen mit Denkmälern oder historischen Orten jeglicher Art, denen ein antihumanistisches, antiaufklärerisches Erbe innewohnt? Die Band Einstürzende Neubauten hat auf etwaige Fragen bereits im Jahr 1986 eine ganz eigene Antwort gefunden. Damals spielten sie auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg von 1936 – ein weiterer, wenn auch historisch natürlich noch mal völlig anders gelagerter Ort deutschen Weltmachtstrebens – ein denkwürdiges Konzert, das den Ort zumindest symbolisch gesehen in Schutt und Asche legen sollte.

Das Leipziger Projekt Bells Echo arbeitet diesbezüglich natürlich mit völlig anderen Mitteln.

Gestartet wurde es im Jahr 2015 als eine Art audio-visuelle Konzertreihe. Ziel ist es, verschiedene Formen des künstlerischen Ausdrucks zu Vermengen und die Ergebnisse des künstlerischen Schaffensprozesses in architektonisch angemessenen Räumlichkeiten zu präsentieren. Die ersten drei Aufführungen wurden in verschiedenen Kirchen in Leipzig präsentiert. Für die vierte Ausgabe vergangene Woche hatte man sich inzwischen schon so weit einen Namen gemacht, dass eine Nutzung des Völkerschlachtdenkmals möglich gemacht werden konnte.


https://www.youtube.com/watch?v=kOngpQ_hKh8


Den knapp 500 anwesenden Gästen oblag es zu entscheiden, sich während der Aufführung in der Krypta oder der eine Etage darüber liegenden Ruhmeshalle zu bewegen.

Den Abend eröffnete die Theatermusikerin Friederike Bernhardt mit dem 1. Akt namens Xanten. Dabei arbeitete sie mit 3 Sängerinnen sowie einer Mischung aus elektronischer Ambientmusik, klassischen Elementen sowie geräuschartigen Kulissen. Das ganze basierte auf einer eher reduzierten Ästhetik, was als Einstimmung auf den Abend sehr angemessen erschien. Etwas bedauerlich waren dabei die nur sehr spärlich eingesetzten Visuals, die vermutlich aber daher rührten, dass das Völkerschlachtdenkmal mit seinen pompösen, raumeinnehmenden Elementen nur geringfügigen Spielraum für visuelle Akzente bot. Dennoch erschien gerade im Rückblick des Abends diese Reduziertheit sowohl auf musikalischer wie auf visueller Ebene als keine schlechte Wahl.

Bells Echo IV | (c) Benjamin Barker

Nach einer halbstündigen Pause folgte dann die zweite Komposition des Abends. Bells Echo mitsamt der beiden Musiker Alex Röser und Steffkovic van Interesse präsentierte dem Publikum ihr Stück Gaialyse. Eingeleitet wurde dieses durch ein mehrminütiges, spannungsaufbauendes Intro, das mit dem Einsatz eines sound-dynamischen Lichtelements in der Mitte der Krypta in Szene gesetzt wurde. Nach einigen Minuten folgte die erste Steigerung des Stücks: Mehrere in Gewändern gehüllte, geschminkte Personen betraten aus dem Hintergrund kommend nach und nach die Mitte des Raumes.

Bells Echo IV | (c) Benjamin Barker

Es folgten erste Elemente eines choreografierten Tanzes, der – so der Eindruck – nicht ganz dem künstlerischen Schwerpunkt der Beteiligten zu entsprechen schien und durch die eher dilettantisch wirkenden Bewegungsabläufe zwischendrin etwas deplatziert wirkte. Im Laufe des Stückes wurde die Spannung durch die Hinzunahme choraler Elemente gesteigert. Der damit einhergehende Pathos war in seinen besseren Momenten ergreifend, in seinen schlechteren an der bzw. über der Grenze des Kitsches. Manch eine_r sagte im Nachhinein, die Pompösität des Chors und die im Performance-Teil erfolgte „Anbetung“ des in der Mitte installierten Lichts erinnerten an Herr-der-Ringe-Ästhetik.

Bells Echo IV | (c) Benjamin Barker

Immer mal wieder gewann man den Eindruck, dass durch die diversen Elemente – Elektronik, Chor, Tanz, Performance, Licht – der rote Faden des Stücks partiell verloren ging. Im Finale des Stücks betraten dann die musikalisch verantwortlichen Personen Röser und van Interesse die Bühne und gaben dem Stück durch die Hinzunahme an Synthesizer-Elementen noch mal eine neue Richtung. Dieser letzte Teil stellte den besten der Komposition dar, hätte nach meinem Dafürhalten aber durchaus etwas länger ausfallen können.

Bells Echo IV | (c) Benjamin Barker

So endet gegen 23 Uhr ein Abend, der schon lange im Vorhinein für Spannung und Vorfreude gesorgt hatte und im Laufe des Abends noch diversen Diskussionsstoff bieten würde. Die Auffassungen über den Einsatz verschiedener Elemente innerhalb der Performances gehen dabei durchaus auseinander; bereut hat den Besuch von Bells Echo IV aber wohl niemand.

prettyinnoise.de präsentiert: Bells Echo IV – 26.04.2019, Leipzig Völkerschlachtdenkmal

Titelbild: Bells Echo IV | (c) Benjamin Barker

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