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Der Frühling ist angebrochen. Dies alleine bietet schon Anlass zur Freude: Die Tage werden länger, die Straßen schöner, die Depressionen kleiner. Doch ist das nicht alles, denn Frühlingszeit ist immer auch Tourzeit. Aktuell ist daher auch eine Band unterwegs, die lange das Dasein des Indie-Geheimtipps innerhalb der deutschsprachigen Popmusiklandschaft fristete, und mittlerweile doch viel mehr als das ist.

Die Heiterkeit hat vor kurzem ihr viertes Album herausgebracht und damit zum wiederholten Male unter Beweis gestellt, wie wunderbar es auch im Jahr 2019 noch funktionieren kann, einen ziemlich eigenwilligen Stil zu kreieren. Dabei sind ihre Grundzutaten alles andere als unkonventionell: Gitarre, Bass, Schlagzeug und seit kurzem auch vermehrt Synthesizer. Einfache Akkordstrukturen, dazu die Tiefe Stimme Stella Sommers, die von engelsgleichen Backgroundgesängen flankiert wird – fertig. Doch vielleicht ist es auch dieser eher konservative Ansatz, der die (gefühlte) Einzigartigkeit der Band ausmacht: Sie verweigert sich Trends, setzt stattdessen stoisch auf die basalen Grundzutaten eines guten Popsongs. Sie setzt sich selbst einen engen Rahmen, und präsentiert sich doch auf jedem Album in einem neuen Soundgewand. Die Heiterkeit liebt die Ambivalenz, und das Ungefähre. Sie ist ein Chamäleon, das in ständig wechselnden Grundtönen die immer gleichen Wege abläuft.

Wenngleich die der Band entgegengebrachte Aufmerksamkeit in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen hat, ist das Werk 2 in Leipzig an diesem Mittwochabend doch eher spärlich besucht. Mit Die Heiterkeit auf Tour ist in diesen Tagen ein anderes Chamäleon der deutschsprachigen Musik, der einzigartige Hans Unstern. Wikipedia weiß über ihn, dass er „in den 1980er Jahren geboren worden sein“ soll und „entweder aus Hessen oder aus Österreich“ stamme. Während er in der Vergangenheit meist mit Band unterwegs war, präsentiert er sich und seine Musik zur Zeit als Solokünstler in einem intim-zerbrechlichen Soundgewand, bestehend aus Harfe und seiner anrührend weichen Stimme. Seinem Charme kann man nicht entkommen, die wenigen Leute, die anwesend sind, hängen an seinen Lippen, derweil er mit Rauschebart und High Heels Songs über Paris, Bonbons aus Plastik oder den schönen Ausklang von Cis singt.

Hans Unstern | (c) Richard von Wienenheim

Die Heiterkeit kommen dann eine ganze Spur pompöser daher: Momente der Intimität sind seit Erscheinen des neuen Albums zwar neuerdings auch in das Soundgerüst integriert worden, dennoch nach wie vor eher dünn gesät. Im Zuge der Veröffentlichung wurde immer wieder das Wort „popglänzend“ genannt, was als Schlagwort zur Umschreibung ihres Sounds ganz gut taugt. Ihr Set beginnen sie mit dem Song Im Fluss, der relativ ruhig beginnt und dann in einem hymnischen Refrain gipfelt. Weiter geht es mit Dieses Mädchen und Was passiert ist, die ebenfalls auf dem aktuellen Album zu finden sind. Doch insbesondere das Vorgängerwerk Pop & Tod I+II ist auch mit mehreren Songs wie Im Zwiespalt, Schlechte Vibes im Universum oder Große Namen vertreten. Auffällig während des Auftritts ist die exponierte Stellung Stella Sommers, die nach diversen Besetzungswechseln in den vergangenen Jahren als einziges Bandmitglied übrig geblieben ist. Mit ihr spielt eine Begleitband, die genau wie eine solche ein bisschen wirkt. Vielleicht ist es der Blick eines tradiert-konservativen Heiterkeit-Anhängers aus frühen Tagen, doch der Eindruck ist, dass hier eher Stella Sommer + Band als Die Heiterkeit auf der Bühne steht. Was gleichwohl der Wirkung der Songs selber nicht unbedingt widerläufig ist. Augenfällig aber ist, dass die Stücke in einem relativ gleichförmigen Raster präsentiert werden. Insbesondere schnellere, dynamische Songs (wie Das Wort) verlieren durch das zurückgenommene, manchmal etwas schematisch wirkende Spiel des Drummers jenen Drive, der ihren besonderen Charme in ihren Studioversionen ausmachten, was durch den relativ leisen Mix des Tontechnikers noch zusätzlich verstärkt wird. Auch der gelegentlich zu vernehmende Blick des Bassisten auf sein Handy ist ein kleines Ärgernis, trägt er doch nicht gerade zum Zauber des Spektakels bei.

Das Set der Band ist relativ umfangreich wie ausgewogen. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf Songs des neuen Albums, doch auch alte Klassiker wie Für den nächstbesten Dandy oder Hauptquartier werden zum ersten Mal nach langer Zeit wieder live präsentiert. Mit einem trockenen „Na gut“ kommentiert Stella Sommer die durch den Applaus artikulierte Aufforderung einer Zugabe vonseiten des Publikums, bevor der Abend mit dem schaurig-schönen Die Kälte beschlossen wird.

Titelbild: Die Heiterkeit | (c) Richard von Wienenheim

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