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Ein Date mit Dirk (von Lowtzow) – das ist eigentlich immer eine gute Idee. Meistens stehen ihm bei unseren Begegnungen drei weitere charmante Männer zur Seite. Zusammen sind sie Tocotronic.

Doch seit kurzem ist Dirk von Lowtzow auch ein Literat, was er ohnehin immer gewesen ist; nun jedoch auch in ganz offizieller Weise, denn er hat ein Buch geschrieben. Das Buch heißt Aus dem Dachsbau, und es ist ein autobiographisches Werk, ohne Autobiographie zu sein. Es ist enzyklopädisch, ohne Enzyklopädie zu sein. Und es ist sehr gut.

Der Veröffentlichung des Buches im Februar diesen Jahres folgte ab März eine kleine Lesetour, und natürlich führte die Tour ihn zuletzt auch nach Berlin. Die Stadt seiner Rettung, wie es auf dem letzten Album Die Unendlichkeit heißt, die bereits vor vielen Jahren auch seine Heimat geworden ist. Erwartungsgemäß war die Nachfrage der Tickets hoch, sodass schnell ein Zusatztermin für den Auftritt im Hau 1 gefunden wurde. So steht Dirk von Lowtzow an diesem Mittwochabend schon den zweiten Tag hintereinander auf der Bühne. Um kurz nach acht betritt er diese, und wird dabei begleitet vom warmen Applaus des Publikums. Er bedankt sich auf grazil-höfliche Weise mit einer Verbeugung, so, wie man es von ihm gewohnt ist. Sodann folgt das erste Stück des Abends, Date mit Dirk, das, so warnt er das Publikum vor, „leicht narzisstische Züge“ trage. Aber es sei das einzige solche Stück im Laufe des Abends, wird ironisiert beschwichtigend hinterhergeschoben.

Im weiteren Verlauf des Abends werden diverse Kapitel aus Aus dem Dachsbau vorgetragen, die zwischendrin mit musikalischen Darbietungen garniert werden.

Zum großen Teil spielt er Tocotronic-Songs in akustischer Version, einzig das abschließende Moon River gibt es nicht als Tocotronic-Version. Zur offensichtlichen Freude des Publikums spielt er auch einige Songs, die zwar zu (geheimen) Klassikern der Band gereift sind, in den letzten Jahren aber doch eher spärlich bis gar nicht mehr gespielt wurden, was mit teils frenetischem Applaus goutiert wird. Dazu gehören etwa Im Zweifel für den Zweifel oder Sailor Man, einem mittlerweile schon älteren Cover der norwegischen Band Turbonegro.

Die Buchkapitel werden nicht chronologisch vorgetragen, so wie sie aber auch ohnehin nicht als Chronologie konzipiert wurden. Die Idee des Buches war die Kreation einzelner Mosaiksteine, die am Ende eher eine Ahnung als Wissen vermitteln sollten. So steigt er in den Leseteil des Abends mit dem ersten Kapitel des Buches, „ABBA“ ein. Eine rührende Geschichte über das Außenseitertum in der Provinz und die Versprechungen der glitzer-glänzenden Popwelt, Isolation und Einsamkeit (zumindest in der eigenen Fantasie) entfliehen zu können. Wenn Popmusik das schafft, dann hat sie alles geschafft, was sie zu schaffen vermag.

Es folgt eine Geschichte über seinen früh verstorbenen Jugendfreund Alexander, der, so von Lowtzow, ohnehin in jeder Geschichte seines Buches „irgendwie“ zu finden sei.

Alexander war ihm früh ein Freund, Mentor, Wegbegleiter. „Er ist wie ich“, dachte der 6-jährige Dirk nach dem ersten Treffen, und sah in ihm einen Spiegel. Doch zugleich bewunderte der damals noch sehr schüchterne Heranwachsende die Zugewandtheit und Offenheit seines Freundes. Zusammen tauchen sie ein in die Welt von Star Wars, bauen im Unterricht Dinosaurier aus Ton, obwohl der Lehrer „Kerzenständer mit Tropfenfang“ verlangt, und entdecken schließlich die Welt der Musik für sich. Die Welt der Punkmusik, um genau zu sein. The Damned, Hüsker Dü und Die Goldenen Zitronen werden zu den neuen Helden der pubertären Jungs. Letzteren möchten die beiden auf einer Hamburgreise 15-jährig gar einen kleinen Besuch abstatten. Doch als sie sie vor deren WG stehen (die damals auf der ersten Platte – ganz im Stile des 80er-Jahre-Punks – noch zu Merchandise-Zwecken angegeben war), öffnet bloß ein müde drein blickender Mitbewohner und teilt ihnen mit, dass die Zitronen zur Zeit auf Tour seien.

Es macht Freude, Dirk von Lowtzow an diesem Abend zuzuhören. Und wenn der Eindruck nicht trügt, hat auch er Freude. Das, was am Anfang als ungewisses Experiment startete, kann nun, nach einer Buchveröffentlichung und nahezu abgeschlossener Lesetour, als überaus gelungen betrachtet werden. Doch seien wir ehrlich: Hat dies je irgendjemand ernsthaft zu bezweifeln gewagt?

Titelbild: Dirk von Lowtzow | (c) Luca Glenzer

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