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Drangsal präsentiert voller Scham den klanglichen Minderwertigkeitskomplex, den man bald als Harieschaim kennen wird.

Das steht im Booklet des Debütalbums von Max Gruber, der derzeit als Drangsal durch Deutschland tourt. Sein Genre: der selbsternannte Brachialpop.

28.10.2016: Köln, Gebäude 9. Schon vor dem Konzert taucht Max Gruber, unbemerkt von dem Großteil der wartenden Menschen, am Hintereingang des Konzertgeländes auf und redet dort mit einer Handvoll Fans. Das wirkt so bodenständig, dass es gar nicht zu dem Sänger passen möchte, der sich „Viva Hate“ auf die Brust stechen lässt und mit schonungslosem Mundwerk als Pop-Despot über Deutschlands Musiklandschaft herzieht.

Er ist gekommen, um die nette Indieszene zu überrollen, jene Musik mit unverfrorener Gewalt zu zerschlagen, die von der eingebildeten Exklusivität ihres Publikums lebt. Er will Erfolg, er will in die Charts – und spielt schamlos mit dem verpönten Mainstream.  Weder die BILD noch Jenny Elvers‘ Küsse lassen ihn zurückschrecken.

Da er dies gerne medienwirksam und eloquent kundtut, hat er inzwischen auch den Feuilleton erreicht. Das Dorfkind aus Herxheim in der Pfalz hat gelernt, sich in der Rolle des Sonderlings der Allgemeinheit preiszugeben und dabei doch die eigene Introvertiertheit zu wahren. Seinem lautstarken Hassprotest zum Trotz beschreibt er sich als langweiligen Stubenhocker, dem die Großstadt zuwider ist – an dem Umzug nach Berlin hat ihn das letztlich jedoch nicht gehindert. So widersprüchlich sich sein Band Ego gibt, ist auch sein Erstlingswerk. Max Gruber selbst bezeichnet das Album „Harieschaim“, das der Multiinstrumentalist alleine eingespielt hat, als „klanglichen Minderwertigkeitskomplex“, seine Texte jedoch zeugen von unverfrorener Gewaltlust. „I’m not without sin, yet I would cast the first stone“ oder „If you don’t want my gun, you better kiss this ugly face“ – das könnte besorgniserregend klingen, wenn da nicht der tanzbare New-Wave-Sound und Max Grubers melancholische Stimme wären, die dem 23-Jährigen ständige Vergleiche mit Robert Smith von The Cure einbringen.

Ob Drangsal nun eine gut durchdachte Bühnenfigur oder der verkörperte Zwiespalt eines unsicheren Bühnenneulings ist, lässt Max Gruber durch das ironische Brechen der eigenen Radikalität offen. So auch an diesem Abend.

Hätte Gruber gedacht, dass er ein Jahr, nachdem er als Vorband von Kraftklub auftrat, selber als Hauptact vor einem beachtlichen Publikum stehen würde? – Vermutlich schon. Bescheidenheit ist nicht gerade das Aushängeschild der Drangsal. Dementsprechend selbstbewusst lässt er sich durch Der Ringer einleiten. Mit ihrem düsteren Soft-Punk stimmt die Hamburger Band, die im März dieses Jahres ihre zweite EP herausgebracht hat, auf den Mann der späten Stunde ein.

Dieser lässt es sich nicht nehmen, nach dem Stimmen der Instrumente auf sich warten zu lassen, um dann mit „Der Ingrimm“ die „längste Zugabe der Welt“ zu eröffnen. Diese fällt, Max Grubers Stil der maßlosen Übertreibung gerecht werdend, verhältnismäßig kurz aus, kann jedoch mit einer bizarren Mischung aus Humor, todernstem Inhalt und, ja, Exhibitionismus aufwarten.

In zwanglosem Plauderton erzählt der Sänger von seinem Lieblingssong des Debütalbums, „Do The Dominance“, um sich im selben Atemzug in ebenjenem erniedrigen und im Fegefeuer quälen zu lassen. Und was macht das Publikum? Es tanzt und feiert mit dem Sänger dessen Schmerz und die Absurdität des Abends.

Allein das hätte gereicht, um die Ernsthaftigkeit der Gewaltfantasien dieses aalglatten Musikers zu hinterfragen. Doch jemand, der sich nach dem Bestattungsunternehmen seines Heimatortes benennt, lebt scheinbar fernab jeglicher Subtilität. Die alternativlose Konsequenz ist es dementsprechend, die Hose runterzulassen. Wortwörtlich.

Es ist warm im Gebäude 9. 15-jährige Konzert-Erstlinge drängen sich an 50-Jährige, die dankbar Grubers Retro-Charme zelebrieren. Dieser scheint nicht bedacht zu haben, wie heiß es in einem prall gefüllten Raum voller Fans werden kann, und trägt Thermo-Unterwäsche. Wenn diese unerträglich wird, legt man eine kleine Pause ein, geht hinter die Bühne und löst das Problem, still und heimlich. Könnte man meinen. Aber nein, im Drangsal-Universum kokettiert man mit dem eigenen Schamgefühl und im Handumdrehen weicht der Inbegriff deutschen Spießbürgertums kurzzeitig der bühnenreifen Nacktheit bleicher Beine. Damit die Situation den letzten Rest Normalität verliert, holt man einen jungen Mann auf die Bühne, der diesen malerischen Moment mit schlechten Witzen begleitet.

Von unnötiger Kleidung und jeglicher Seriosität befreit kann sich Gruber erneut der Düsterkeit der eigenen Musik widmen, unter anderem mit dem erstmals live gespielten Song „Zur blauen Stunde“ und einer obligatorischen Zugabe.

Nach „Allan Align“, dem letzten Stück des Abends, verlässt Gruber gemeinsam mit der ihn auf Tour begleitenden Band schnell die Bühne, nur um  kurz darauf als netter Fan-Kurator am Merchandise-Stand die Post-Konzert-Depression der wartenden Schlange zu vertreiben und der Widersprüchlichkeit seines Alter Ego Drangsal den letzten Schliff zu verpassen. In einem kaum zu vereinenden Taumel zwischen Narzissmus und Außenseiterrolle macht Gruber an diesem Abend das Kuriositätenkabinett menschlicher Abgründe tanzbar und glänzt, sicherlich nicht zum letzten Mal im Rahmen seiner „No Sleep ‚Til Harieschaim“-Tour, mit inkonsequentem Draufgängertum.

Hier könnt ihr die Drangsal höchstpersönlich erleben:
11. November – Keller Klub (Stuttgart)
19. November – Lido (Berlin)
10. März 2017 – Kulturzentrum Lagerhaus (Bremen)
11. März 2017 – Knust (Hamburg)
18. März 2017 – Ampere / Muffatwerk (München)

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Fred

Der Trump der Indiewelt. Uäh!

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