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(Fanvideo via Youtube)

Ungewöhnliche Raum/Klangexpeditionen, Fangeschenke, die die Welt nicht braucht und herzerwärmende Geschwisterliebe – Indie-Pop ist das heute vielleicht mehr denn je, aber vor allem eine Form von Verwunderungskunst, wie sie nur EFTERKLANG beherrschen und die sie nun von den unscheinbaren, urbanen Clubs Kölns auf die feinste aller Bühnen bringt.

Damals im Kulturbunker als dieser kleine, verhuschte und kauzige Mann in Hosenträgern namens Peter Broderick als persönlichen Erinnerungsgruß in einer Geste aus Verlegenheit, Versehen und künstlerischer Freiheit ein schlichtes „Peter“ verkehrt herum auf ein Tourplakat schrieb, war damit alles auf den Punkt gebracht und es längst um alle geschehen. Die dänische Band EFTERKLANG, um den charismatischen Sänger Casper Clausen, – „Peter“ als unersetzliche Verstärkung im Gepäck – hatte kurz zuvor mit einer Mischung aus charmantem Understatement, skurriler Matrosenoptik, unbändiger Spielfreude und fabelhaften Klangkuriositäten mal eben einen kargen, bestuhlten Saal in ein überraschungsbeseeltes Örtchen verwandelt, an dem 90 verzauberte Menschen wie in Trance ausgelassen tanzten, klatschten, jubelten – im Sitzen, im Stehen, im Hocken auf dem Boden, im unvergesslichen Moment einer Konzertlänge. Unbekannte Klangerzeuger, die durch die Luft wirbeln, ekstatisches Hämmern auf Trommeln und Bühnenboden, stille Stücke am Klavier auf knarzend zurecht gerückten Stühlen, Elektrokram beladene Streicherarragements gehörten genauso dazu wie der irritierte Konzertbesucher als wesentliches Gestaltungselement.

Im Rahmen des „c/o pop-“Festivals dürfen die Dänen jetzt nicht mehr nur Namen und Konventionen auf den Kopf stellen, sondern sogar ehrwürdige Konzerthäuser wie die Philharmonie. Was als relatives Kontrastprogramm erscheint, entpuppt sich schon bald als perfekte räumliche Entsprechung ihrer eleganten Songs und als ideale Voraussetzung für efterklang-typische Gelegenheitseinfälle.

„Hollow Mountain“ hat schon eingesetzt als sich der schlacksige Casper im orangenen Sakko und mit Fliege in die runde Mitte vor das Mikro traut, seine sanfte Stimme durch die Freiräume des Liedes gleitet und sich ganz nah ans Ohr legt. Der Sound ist glasklar, die Stimmung auf beiden Seiten erwartungsvoll bis freudig aufgeregt. Auf drei Kernmitglieder geschrumpft, werden EFTERKLANG seit 2012 live von Sopranistin Katinka Fogh Vindelev, Drummer Tatu Rönkkö und Martyn Heyne an Tasten und Gitarre unterstützt. Das noch recht frische Live-Bandgefüge verzichtet zwar auf die einst üblichen Pauken, Trompeten und Streicher (leider), bringt aber innerhalb der zurückgenommenen Instrumentierung trotzdem oder darum fesselnde Vielfalt und einnehmende Detailverliebtheit ins harmonisch versierte Spiel. Dabei besteht das Repertoire vornehmlich aus Songs der beiden letzten Studioalben „Magic Chairs“ und „Piramida“, die musikalisch näher an Elbow sind, denn an Múm. Ältere Schätzchen aus der episch experimentellen und auch dynamischeren Phase haben sich kaum eingeschlichen. Dafür darf der Lieblingssong „Step Aside“, gebadet in reinlichster Akustik, am Schönsten klingen.

Es ist aber dann das neue Live-Bandmitglied Martyn, das mit einer Einlage, wie sie nur einmal vorkommen kann (im wahrsten Sinne), für den bewegendsten Augenblick des Konzerts sorgt: Der schüchterne Song „Sedna“ hat gerade zum Ausklang angesetzt, da schlüpft Multiinstrumentalist Martyn ungesehen hinter die philharmonie-eigene Orgel, und entlockt dieser Musikschatztruhe von einem Instrument die urig-sakralsten Töne, zeigt wieviel hörbare Geschichte und gelebtes Leben in ihr steckt. Sowie er dann lauthals, weil unverstärkt die letzten Liedzeilen in die Nacht schmettert, gehören ihm vom Fleck weg alle Herzen. Die Musiker tauschen erfüllte Blicke aus. Wow, das hat nicht nur das Publikum zerbröselt. Ab jetzt scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt.

Raumnutzen, Fallen aus Rahmen, Neudenken, Genuss von Ästhetik. Wenn der dürre Riese Casper im Song singend eine Wendeltreppe hinaufgeht, langsam und bedächtig, bis er oben an- und am anderen Ende des Saals wieder herauskommt und den Zuschauer dazu bringt, die ganze Location als Bühne wahrzunehmen, sind es genau diese überrumpelnden Ungereimtheiten und Überraschungen, die das Publikum miteinbeziehen, die aufwecken und berühren und die EFTERKLANG ausmachen.

Anders berührend wird es nochmal in der Mitte des Sets – irgendwo nebst „Between the Walls“ und „Modern Drift“ (dessen Ohrwurmigkeit man nach zwei Wochen noch nicht abgeschüttelt hat) – als es um eine echte Herzensangelegenheit geht, die es selbstverständlich zu erfüllen gilt. Redselig und gut gelaunt kommt Casper nach einigen, vielen Anekdoten an diesem Sonntag auf einen Gig in Amerika zu sprechen, bei dem eine junge Frau der Band einen Brief zugesteckt hat mit der Bitte, diesen doch beim Auftritt in Köln ihrem Bruder, der nichts ahnend in den ersten Reihen sitzt, zu geben. Casper verliest die Post und als der „beste Bruder der Welt, den sie sehr vermisst“ das Geschriebene in die Hände bekommt, haben alle ein Lächeln der Rührung auf den Lippen.

Bevor es zum guten Schluss dazu kommt, dass Casper „Fangeschenke“ von holländischen Festivalbesuchern ans kölsche Publikum verteilt, also allen (un)möglichen Nippes und Überbleibsel im Karton herumgehen lässt, kann er sich ein paar amüsiert belustigende Worte zum (mittlerweile schon legendären) „Husten verboten“-Schild der Philharmonie nicht verkneifen. Man solle bitte versuchen das Husten während eines Konzerts im Saal zu unterlassen, denn das sei störend für Zuschauer und Künstler: „That’s right! It is the most annoying thing you can do on…“ . EFTERKLANG wären allerdings nicht EFTERKLANG, wenn sie zur wunderbaren Zugabe „Cutting Ice To Snow“ in selbstironischer Anspielung auf das eben Gesagte eine Pause im Song einbauen, die durch ein heftiges Räuspern von Casper aufgelöst wird.

Überwältigende Dreingaben wie „Monument“, „The Ghost“ und „Alike“ setzen den liebenswürdigen Unglaublichkeiten und einem der tollsten Tage in diesem Jahr ein fulminantes Ende! Stolz und dankbar winken die EFTERKLANG’s in die Menge. Minutenlanger Applaus. Jungs, es war der wohltuendste Wahnsinn mit euch über den Tellerrand zu gucken! Popkulturelle Verschrobenheiten wie diese in solch edler Kulisse sollte es öfter geben. Das würde bestimmt auch „Peter“ gefallen.

Setlist
Hollow Mountain
Apples
Step Aside
The Living Layer
Sedna
Between The Walls
Dreams Today
Modern Drift
Raincoats
Monument
Cutting Ice To Snow
The Ghost
Alike

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