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Am liebsten haben wir unsere Augen und Ohren überall, wir wollen 360°, 24/7, nichts verpassen. Ungewissheit ist eine Seltenheit geworden; was kein Foto wert ist, ist nicht geschehen. Dass es auch anders geht, zeigte das Michelberger Music Festival am 1. und 2. Oktober im Berliner Funkhaus.


Die Kuratoren Justin Vernon (Bon Iver) und die Dessner-Zwillinge (The National) setzten gemeinsam mit den Inhabern des Berliner Michelberger Hotels auf weniger Informationen und mehr Musik.

Am vergangenen Wochenende stellten rund 80 Künstler, darunter Erlend Øye, Damien Rice, The Staves, Lisa Hannigan und Poliça, ihrem Publikum das Produkt einer einwöchigen gemeinsamen Probenzeit vor. Unter dem Motto „Egolessness“ durfte man Zeuge einer Zusammenkunft musikliebender Menschen werden, die jenseits von Kommerz und Erfolgsversessenheit Band- und Genregrenzen überwanden.

Was anfangs nach einer Herausforderung für die Musiker, Filmemacher und Choreografen klang, avancierte zu einer Lehrstunde der Genügsamkeit für die Zuschauer. Wer das Gelände des Funkhauses betrat, legte das Schicksal eines Wochenendes in die Hände der kuratierenden Künstler. Ein Zettel, vier Termine, keine Namen – das und eine festivaleigene Zeitung, in der Momentaufnahmen und Zitate der Probenwoche abgedruckt waren, war alles, was die rund 5000 Besucher am Eingang des Festivalgeländes erhielten. Das Chaos hatte, zumindest theoretisch, ein Prinzip: nicht die Band, sondern die Musik selbst sollte wirken. Die Besucher wurden mittels verschiedenfarbiger Festivalbändchen in zwölf Gruppen aufgeteilt, die ihnen den Zugang zu jeweils vier exklusiven, aber nicht näher beschriebenen Konzerten ermöglichten.

Ein gut gemeinter Versuch, dem Publikum einen unvoreingenommenen Blick auf diejenigen zu ermöglichen, die es je 45 Minuten lang mit verschiedensten Klängen umgaben. Klassische Musik folgte auf improvisierte Gesangseinlagen von This Is The Kit und The Staves, Justin Vernon wechselte zwischen Präsentationen seines vielschichtigen neuen Albums und schlichtem Singer-Songwriting. Doch wie man es von großen Menschenmassen im Allgemeinen kennt, ist es mit der Harmonie schnell vorbei und Unmut kommt auf. Verwirrung, zu lange Wartezeiten und überhaupt: Was werden die anderen sehen? Haben sie mehr Glück als die eigene Gruppe? Ein wenig fühlte man sich wie ein kleines Kind, das von seinen Eltern bevormundet wird. „You will be in the right space at the right time“, sagen sie. Mach dir keine Sorgen, wir kümmern uns um dich – keine Widerrede.

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Natürlich ist man gekommen, um seine Lieblingskünstler zu sehen und sicher, es ist enttäuschend, am Ende des ersten Tages genau dieses Ziel nicht erreicht zu haben. Aber vielleicht war das Machtwort der Künstler genau das, was das Publikum brauchte.

Musik ist allgegenwärtig: in Supermärkten, Bars, Fitnessstudios werden wir mehr oder weniger angenehm dauerbeschallt. Streamingdienste geben uns alles, was wir wollen. Der ganz persönliche Soundtrack ist immer in Reichweite. Und die Folge? Oft schätzen wir den Künstler nicht mehr als kreative Quelle, seine Musik nicht mehr als emotionales Transportmittel. Er verkommt zu einem Dienstleister, der die Stille in und um uns vertreiben soll, zu einem Konsumgut in tausenden Instagram-Feeds. Zunehmende Bekanntheit steigert seinen Marktwert und die Erwartungen des zahlenden Publikums, das Unterhaltung in Massen will.

Da ist ein Kontrapunkt dringend nötig. Das Wochenende im Funkhaus verlangte ein Ende der Konsum- und Erwartungshaltung. So naiv und illusionär das auch klingt, der Lohn waren umso schönere Momente.

Am zweiten Tag wurde das wohl auch der Mehrheit der Besucher klar. Der Sonntag begann geordneter, die Stimmung war gelöster. Nach dem Unmut, den die fehlende Organisation am ersten Tag hervorgerufen hatte, bemühten sich die Veranstalter, Zuschauergrenzen anzuheben und Nachrückverfahren zu organisieren. Das änderte zwar nur wenig an den langen Wartezeiten vor den kleinen Studios, doch wer möchte sich beschweren, wenn neben der Menschen-Schlange plötzlich Damien Rice aus dem Nichts auftaucht und mit einem Chor an seiner Seite für die wartenden Menschen singt, Erlend Øye sein Entertainer-Potenzial ausschöpft und Lisa Hannigan mit This Is The Kit und den Dessners auf der Hauptbühne auftritt?

Neben all den bekannten Musik-Gesichtern waren es die unerwarteten Momente, die das Michelberger Music Festival einzigartig machten. Dabei fiel besonders Ragnar Kjartansson, ein isländischer Performancekünstler und Freund der Dessner-Brüder, auf. Ob er nun Volkslieder aus seiner Heimat oder den Liederzyklus „Dichterliebe“ von Robert Schumann in achtstündiger Dauerschleife vortrug – mit Anzug, raubeinigem Charme und Fußballfan-Attitüde brachte er seine Zuhörer dazu, Ungewohntem eine Chance zu geben und verkörperte auf diese sympathische Weise wie kein anderer den Geist des Festivals.

Spätestens am Sonntagabend, als das Stargaze Orchestra, mit dem Bryce Dessner 2015 einen Teil des Soundtracks zum Kinofilm „The Revenant“ aufnahm, auf der Hauptbühne auftrat und Künstler unterschiedlicher Stilrichtungen begleitete, verflogen die Enttäuschung, der Neid und die Missgunst der vergangenen Stunden. The Staves coverten Kate Bushs „Cloudbusting“, Lisa Hannigans „Prayer For The Dying“ konnte mit Orchester auch auf der großen Bühne bestehen. Und dann, im fliegenden Wechsel, Kill The Vultures, Boys Noize und Käpt’n Peng. Der Kontrast könnte kaum größer sein und doch funktionierten die Auftritte genau deshalb so gut. Und auch hier war Ragnar Kjartansson ein Liebling des Publikums, als er zunächst Bowies „Heroes“ coverte und anschließend in Begleitung von Bryce und Aaron Dessner deren Song „Sorrow“ sang. Nachdem Justin Vernon am Vorabend mit einem gelungenen Techno-Set ungewohnte Seiten zeigte, ließ sein virtuoser, jazziger Mainstage-Auftritt am Sonntagabend keinen Zweifel mehr an der Vielseitigkeit des zurückhaltenden Musikers. Nach immer aufwändiger produzierten Alben und Kollaborationen mit Kanye West und James Blake zeugten gerade diese spontanen Musikeinlagen von berührender Einzigartigkeit und der Freude, die er und seine Künstlerfreunde sich selbst und ihrem Publikum mit diesem chaotisch-schönen, ambitionierten Wochenende bereitet haben.


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