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Perfektion im kleinen Rahmen.


Das Colos-Saal im unterfränkischen Aschaffenburg ist ein allerhöchstens mittelgroßer Veranstaltungsort und bietet so lange ich zurückdenken kann, eine Bühne für Clubkonzerte etablierter Bands aus allen Genres, Auftritte von lokalen (Cover-)Bands und Raum für aufsteigende Künstler. Zu letzteren gehört der blutjunge Schweizer FABER, der mit seinem kürzlich erschienenen Debutalbum „Sei ein Faber im Wind“ überraschend positive Kritiken eingefahren hat. Ich habe auch eine davon verfasst und musste mich jetzt unbedingt überzeugen, ob er das, was er auf Platte veranstaltet auch Live transportieren kann. Ich sage: kein Vergleich. Was dieser Jungspund mit seinen Mitmusikern da veranstaltet hat, war ein absoluter Knaller! Ich hätte niemals gedacht, dass die Songs des Albums auf einer kleinen Bühne derart mächtig und auf den Punkt vorgetragen werden können.

Zur Einlasszeit um 19:00 Uhr sah es im Saal noch ganz schön dürftig aus. Vielleicht 30 Leute, bestehend aus grauhaarigen Kunstliebhabern und wirklich sehr jungen, hippen Leuten standen an den Biertischen in den Ecken des Saals und nippten wahlweise an ihrer Afri-Cola oder ihrem Bier. Die Vorband möchte ich gerne ausklammern, da das jetzt nicht wirklich meine Musik war und ich die meiste Zeit vor dem Veranstaltungshaus stand und mich unterhielt.

Pünktlich um 21:00 Uhr betraten fünf junge Männer Bühne, ohne Pomp, ohne große Show mit einer schüchternen, aber aufrichtig freudigen Ansage des Protagonisten FABER. Kennt man die Bilder in seinem Album und stellt man sich einen jungen Mann vor, der derartige Texte verfasst, erwartet man Überheblichkeit, Arroganz und möglicherweise Rockstargehabe. Nichts. Augenhöhe. Na sowas!

Man übernimmt das Intro des aktuellen Albums, das Klavierstück mit der besoffenen Posaune. Der Schlagwerker spielt dieses ellenlange Blasinstrument und wie sich herausstellen wird, tut er das mit einer absoluten Meisterhaftigkeit. Genau wie jeder andere Musiker, jedes seiner Instrumente absolut perfekt beherrscht! Aufrüttelnde, tanzbare Stücke wie „Nichts“ oder „Wem Du’s Heute Kannst Besorgen“ funktionieren hervorragend, Klavier und Posaune harmonieren unerwartet gut, eine Djembe, die öfter mal den Musiker wechselt, sorgt für das geile Rumbafeeling, das einige der Stücke innehaben. „Alles Gute“ ufert noch erheblich weiter aus als auf Platte, angefangen von den Handclaps bis hin zum einnehmenden Bläsersatz. Ganz hervorragend! Das schöne „Bleib Dir Nicht Treu“ wird durch den zusätzlichen Gesang des Publikums zu einer absoluten Hymne und zählt auf jeden Fall zu den Highlights des Abends. Zwischendurch haut der Schweizer akustisch vorgetragene, italienische Schlager raus, die, obwohl ich zugegeben überhaupt nichts verstehe, unglaublich aussagekräftig wirken und super zur Show passen. Das unbequeme „Bratislava“ ist live kaum wieder zu erkennen, es passiert plötzlich so viel mehr, obwohl ja eindeutig weniger Musiker auf der Bühne stehen als an der Studioversion beteiligt waren. Neben den aktuellen Stücken werden auch welche seiner ersten EP „Alles Gut“ von 2015 zum Besten gegeben, allem voran sein Überhit „Tausendfrankenlang“, dass nach einer ruhigen Version meines Favoriten „Sei Ein Faber Im Wind“ gespielt wird und eigentlich das Ende der ersten Zugabe darstellen sollte. Zur Überraschung des Künstlers singt das Publikum das eingängige Thema des Stücks einfach weiter und lockt damit die gesamte Band erneut auf die Bühne, die genau wieder in den Publikumsgesang einsteigt. Man will ihn einfach nicht gehen lassen. Die zweite Zugabe zeigt, dass er damit nicht wirklich gerechnet hat und es folgt eine Bandversion des Albumtitelstücks, die allerdings dazu führt, dass kein Fuß stillgehalten werden kann. Es gibt Einlagen auf Schwitzerdütsch und Improvisationen, alles in einer unglaublichen Souveränität, dass einem schier schwindelig wird.

Die Konzertdauert betrug insgesamt fast auf die Minute genau zwei Stunden, es gab weder Längen, noch Schnitzer. Gar keine. Unglaublich, wie gut die Band aufeinander eingespielt ist! Selbst die mehr oder minder improvisierte, zweite Zugabe, sitzt perfekt. Keiner Verspielt sich, keiner liegt daneben, jeder weiß genau was er macht. Das alleine war der Hammer! FABER hat, obwohl er nicht allzu viel gesprochen hat, eine offene und wirklich sympathische Ausstrahlung, was mich wie bereits oben erwähnt ein wenig überrascht hat.

Alles in allem ein Konzerterlebnis, das ich auf keinen Fall mehr missen möchte und das ich mir bestimmt nicht zu letzten Mal gegönnt habe.

Titelbild: © Fred Gasch

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