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Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, besteht seit mittlerweile über 20 Jahren und ist heute sehr vieles, doch eines mit Sicherheit nicht (mehr): Ein klassisches Gothic-Festival.

Vielmehr kommen im Rahmen des WGT wohl nahezu alle Freund_innen von irgendwie düsterer Musik auf ihre Kosten, was nicht zuletzt die Auftritte jener vier Bands unterstreichen, die hier besprochen werden sollen – Friends of Gas, Karies, Die Nerven und Fehlfarben.

Wer in den vergangenen fünf (bzw. 40) Jahren auch nur oberflächlich verfolgt hat, was sich im Bereich des deutschsprachigen Post Punk so tut, was es an spannenden Entwicklungen gibt, der weiß wohl ungefähr, was es mit dieser Konstellation auf sich hat.

Sie steht exemplarisch für eine seit einigen Jahren schon existente, kleine, insgesamt aber doch sehr virulente Subkultur, die zwar weit mehr zu bieten hat als diese vier Bands, im Zweifel aber sehr gut durch sie vertreten wird.

Dabei ist die Location für diesen Abend mitnichten gut gewählt, und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen. Erstens ist das Haus Leipzig weit entfernt von Subkultur und Punk. Es bietet glatte, sterile, weiße Fassaden und ebenso glatt ist das übrige Programm des Jahres, auf das im Flur des Hauses verwiesen wird: Von Jürgen von der Lippe bis Ingo Appelt, von Glamour Girls bis Amigos. Wer auch nur einen der hier besprochenen Acts schon mal live erlebt hat, kann sich vorstellen, dass etwaige Musik in kleineren Kellern im Zweifel deutlich besser wirkt. Zudem ist der Saal zumindest die ersten zwei bis drei Stunden nur sehr mittelprächtig gefüllt, was der Stimmung auch nicht gerade zuträglich ist.

Nachdem Der Ringer den Abend eröffnet haben, betreten schließlich Friends of Gas aus München die Bühne und bieten dem spärlich anwesenden Publikum das, was man von ihnen seit Erscheinen ihres ersten Albums Fatal schwach kennt: Uhrwerk-präzisen Noise-Rock, psychedlisch-flirrende Gitarren, eine stoisch harte, ins Hirn sich bohrende Rhythmus-Fraktion und dazu Nina Walser, Nina Walser, Nina Walser. Will heißen: Sich kunstvoll wiederholende, um sich selbst drehende Lyrics, die mal von der Fremdheit des eigenen Körpers („I don’t need my teeth“), mal von der Machtlosigkeit in einer sich von Tag zu Tag rasanter entwickelnden Welt handeln (Geschichte wird gemacht, doch nicht von mir, und nicht von dir“), vorgetragen von einer schier unglaublichen coolen Sängerin, die mit einer rauchigen, eigenartig stimmenlosen Stimme ins Mikrofon nölt. Zur Freude des Publikums bietet die Band auch einige neue, unveröffentlichte Songs, was die Hoffnung nährt, dass das zweite Album der Band in nicht mehr allzu weiter Ferne ist.

Friends of Gas
Friends of Gas | (c) Luca Glenzer

Nach Friends of Gas folgen Karies, ebenfalls ursprünglich aus dem Süden Deutschlands kommend, allerdings aus Baden-Württemberg, genauer gesagt aus Stuttgart, das sich vor einigen Jahren zu dem mauserte, was Hamburg vielleicht mal in den 90er Jahren für den deutschsprachigen Indie war: Eine Oase aufregender, diverser, häufig unkonventieller punkbeeinflusster Popmusik. Die meisten Bands sind inzwischen wohl abgewandert in die großen Epizentren der Republik, weit weg von schwäbisch-urbaner Einöde, was vielleicht für den Musikjournalismus ein wenig schade ist (droht doch damit das geliebte Stuttgart-Label eines Tages zu verfliegen), doch für die beteiligten Musiker_innen wohl doch Erleichterung verspricht. Karies jedenfalls – sie waren ja der Ausgangspunkt – haben erst kürzlich ihr drittes Album Alice via This Charming Man Records veröffentlicht, das nicht zuletzt den Schreiber dieser Zeilen nachweislich beeindruckt hat.

Während insbesondere das erste Album Seid umschlungen, Millionen noch schnelle, ungezügelte Punk-Stücke darbot, hat die Band nach und nach an ihrem Sound gewerkelt und ihn ein wenig gezähmt, ohne nun tatsächlich zahm zu wirken. Live sind sie immer wieder ein Vergnügen, so auch beim WGT. Doch auch Karies wirken ähnlich wie Friends of Gas – nicht zuletzt aufgrund des eher mau gefüllten Konzertsaals, doch ein wenig verloren auf der Bühne, weshalb sich ihr Livezauber nicht in ähnlicher Weise entfalten kann wie bei anderen Gelegenheiten in der Vergangenheit.

Karies
Karies | (c) Luca Glenzer

Was damit einen ziemlich geeigneten Übergang bietet zu jener Band, die nach Karies die Bühne betritt: Die Nerven. Zugegebenermaßen: Sie haben es offensichtlich einfacher als ihre beiden Vorgänger auf der Bühne, denn die Ränge sind beim Beginn ihres Konzerts doch schon deutlich gefüllter, eine geradezu handfest spürbare Spannung liegt in der Luft. Und tatsächlich bringen Die Nerven den Saal innerhalb kürzester Zeit zum Kochen. Als Beobachter kann man am Ende fast nur spekulieren, was den Zauber dieser Band ausmacht: Natürlich, sie haben gute Songs. Doch so vieles stimmt bei dieser Band. Das tighte Zusammenspiel, die (nicht ein mal peinliche) Verbindung von Musik und Show (großartig etwas der Moment, in dem mit Verweis auf die vermutete Anwesenheit beinharter Fehlfarben-Fans und in Anlehnung an die musikalische Epoche ein wenig provokativ „Shine on you crazy diamond“ angespielt wird), und die nicht zu übersehende Freude der Musiker bei der musikalischen Darbietung.

Die Nerven
Die Nerven | (c) Luca Glenzer

Wie man mit ebenfalls großartigen Songs am Ende dann doch nicht viel mehr als gähnende Langeweile hervorrufen kann, beweisen dann anschließend die Fehlfarben.

Seit mittlerweile 2 ½ Jahren touren sie von Zeit zu Zeit mit ihrem Alltime-Klassiker Monarchie & Alltag durch die Breitengrade der Republik. Natürlich, die Band steckt (wie viele andere Bands der Generation übrigens auch) in dem Zwiespalt, dass sie heutzutage nahezu ausschließlich mit ihrem Frühwerk aus den 80er Jahren assoziiert wird, obwohl sie auch in den 2000er Jahren noch durchaus spannende Werke veröffentlicht hat (zuletzt im Jahr 2015 Über…Menschen). Ehrlicherweise verweist Sänger Peter Hein dann auch auf das üppige finanzielle Angebot, das Auftritte wie den beim WGT aus rein finanzieller Sicht schon lukrativ machen (deren Annahme prinzipiell natürlich auch legitim ist).

Man merkt auch den Fehlfarben eine gewisse Freude an auf der Bühne, doch die immer gleiche Darbietung der immer gleichen Songs ist ein Ärgernis, denn es macht aus einstmals rebellischer, herrschaftskritischer Musik ein starres, fast schon steriles Museumsstück.

Klar, man wippt von Zeit zu Zeit mit dem Fuß, man singt ein paar (zugegebenermaßen ewigkeitstaugliche) Zeilen mit, und doch gibt es am Ende wenig, fast nichts, was die Musik in einem noch auszulösen vermag, außer das Bedürfnis, dass das Konzert lieber früher als später vorbei sein möge. Dabei könnte die Band sicherlich musikalisch weit mehr reißen, würde sie sich stattdessen entscheiden, ein Programm zu spielen, das den Schwerpunkt mehr auf aktuelle Songs legen würde, gerne auch garniert mit ein paar Zugaben aus dem Frühwerk (aber bitte ohne Ein Jahr (Es geht voran)“). Doch dafür müsste sie dann wohl auch in Kauf nehmen, am Ende statt vor 1000 vor 100 Leuten zu spielen. Und mit der Gage nur die Spritkosten, nicht aber die Kosten für den Lebensunterhalt decken zu können. Wer vermag es ihnen zu verübeln, dass die Wahl so ausfällt, wie sie ausfällt? Das ist die – leider bittere – Erkenntnis dieses Auftritts.

Titelbild: Fehlfarben | (c) Luca Glenzer

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