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Erfurt Nord, an einem lauen Samstagabend.

Eine verlassene und triste Gegend, fast. Denn seit ein paar Jahren gibt es hier, direkt am Nordbahnhof, die Frau Korte. Ein kleiner Lichtschimmer „in der Oase der Langeweile“. Dabei ist sie vielleicht gar kein Gegenpol zur Verlassenheit und Depressivität Erfurts, sondern ein Produkt dessen. In regelmäßigen Abständen werden hier, im sympathischsten wie auch besten Club Thüringens (mindestens!), Konzerte und allerlei andere Dinge veranstaltet, die es zu besuchen lohnt.

Ähnlich angetan ist schließlich Patrick Wagner, als er die Bühne betritt. In höchsten Tönen lobt er die Frau Korte und seine Betreiber_innen.

Trotz der spärlichen Besucheranzahl lässt er sich schon zu Beginn des Konzerts zu der Aussage hinreißen, dass dieser Abend deutlich vielversprechender und angenehmer sei als der Abend zuvor, als Gewalt vor ein paar Hundert Leuten in Berlin spielten und all die „vermeintlich wichtigen und einflussreichen“ Menschen zugegen waren. Gewalt haben sich entschieden: Trotz einer mittlerweile für diese Form von Musik recht ausgeprägten Publicity sind sie bis heute nicht fest an ein Label gebunden, und haben noch kein einziges Album herausgebracht, einzig ein paar wenige streng limitierte 7-inch-Singles. Es ist nicht so, dass es nicht anders ginge, nur, dass sie es nicht anders wollen. Und warum auch nicht?

Wagner hat mit seiner früheren Band Surrogat und seinem damaligen Label Kitty-Yo Ende der 90er, Anfang der 2000er all die Spiele des Musik-Business mitgespielt, die es zu spielen gilt, wenn man sich ihrer nicht explizit verweigert.

Heute machen Gewalt nahezu alles auf eigene Faust, Kompromisslosigkeit und Ausdruck stehen an vorderster Stelle. Wie sie selbst betonen, verbindet sie mit der Band kein finanzielles Interesse mehr – was heute wie seit jeher die wohl beste Grundlage radikal-künstlerischer Produktion darstellt.



Bevor Gewalt ihr Set beginnen, betritt ein lokaler Act namens Obstanton die Bühne, dessen Name tatsächlich Programm ist, zumindest fast. Denn statt Obst bespielt er Gemüse. Mittels Elektroden, die er mit verschiedenen Wurzelgemüsearten verbunden hat, entlockt er seinem Equipment ein faszinierendes Brummen verschiedenster Frequenzbereiche. Es gibt Anwesende, die der Auffassung sind, dies sei das interessanteste, was sie je gesehen haben. Und auch Patrick Wagner äußert seine Begeisterung für die Performance und verspricht, in fast väterlichem Ton, einen Gig in Berlin vor großen Publikum zu arrangieren.

Dann aber erlischt das Licht, Gitarren-Feedbacks ertönen, und Wagner lässt seinen fast schon zur Tradition gewordenen Satz verlautbaren: „Wir sind Gewalt, und das geht so“.

Danach ist für eine kurze Zeit nichts mehrt, wie es war. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Band ihren Sound, überhaupt alles inszeniert. Die drei Mitglieder Patrick Wagner, Helen Henfling an der Gitarre und die kürzlich zur Band dazugestoßene Rabea Erradi (ehemals Die Heiterkeit) am Bass kreieren einen Klang, der es in seiner Radikalität schwer erscheinen lässt, Referenzen heran zu ziehen, weil tatsächlich wenig daran an etwas „schon mal gehörtes“ erinnert. Polizei-Blaulicht, eine donnernde Drum-Machine und brutale, sich in Schleifen-wiederholende Gitarren-Riffs bestimmen das Geschehen, dazu der Kommando-artige Schreigesang von Wagner: „Ich bin ein guter Junge, du bist ein guter Junge, wir sind gute Jungs, das ist gut.“ Ziel ist es, darzustellen und zu inszenieren, was uns alle umgibt. Und was uns umgibt, ist Gewalt. Szenen einer Ehe kündigt Wagner an mit dem Satz „Das nächste Lied ist für meine Ex-Frau“, und immer wieder bohrt sich dann seine Stimme zwischen die sich auftürmenden Noise-Gitarren: „Was denn? Was ist denn? Was willst du denn von mir?“.

Gewalt haben mal – in einem Moment der Überheblichkeit und des Größenwahns – gesagt, Ziel ihrer Konzerte sei es, es zu verunmöglichen, dass nach einem ihrer Auftritte noch ein anderer Act die Bühne betritt. Nach gut einer Stunde, die an Intensität, Schweiß und Lärm nur schwerlich zu überbieten wäre, kann man tatsächlich konstatieren: Anspruch und Realität sind in diesem Moment eins geworden.

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