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Godspeed You! Black Emperor sind wieder da!

Das Huxleys an der Berliner Hasenheide ist an diesem Mittwoch der Treffpunkt für Träumer und Denker von E-Musik, die jedoch faktisch immer noch der U-Musik zugeordnet wird.

Godspeed You! Black Emperor aus Montreal, Quebec – Kanada, allein wie faszinierend das schon klingt, sind in die Stadt gekommen, um uns von gut und böse zu erzählen, von dem, was die Welt eigentlich in ihrem Inneren zusammen hält…

Doch was ist das? Was da auf der Bühne im gut gefüllten (ausverkauften) Huxleys steht, sieht eher aus wie ein Setup von Jean Michel Jarre: Synthies in einem Viereck und genau das ist es auch: der Support Xarah Dion gibt sich zu Beginn die Ehre. Die ebenfalls aus Montreal stammende Künstlerin mischt Synthie-Loops im typischen LoFi-Sound abgerundet mit einer Prise Indie Disco. Erinnert an Grimes, aber es erinnert auch nur daran, denn in seiner Geschlossenheit, Einheitlichkeit bezüglich Arrangement und auch in seinem künstlerischen Anspruch hat das Projekt noch nicht wirklich reife Züge erreicht. Die Ideen sprießen zwar wie eine blühende Sonnenblume, die gerade bestäubt wird, hervor, aber die Biene kann sich auch nicht gleich über das ganze Blumenfeld hermachen. Trotzdem bleibt der Act ein netter und tanzbarer Einstieg, der durch den Standort dem gemeinen Berliner durchaus gefallen könnte.

Was im Anschluss folgt hat eine andere künstlerische Stufe bereits vor knapp zwei Jahrzehnten erreicht und gilt in der alternativen Rockszene als Institution, wie auch als Kosmopolit des Postrocks und als weit etabliert und perfektioniert, wenn nicht gar schon göttlich, sprich nicht von dieser Erde.

Es sind die krassen Gegensätze, die diese Band seit je her prägen, von dynamisch, harmonisch ruhigen Passagen, die süß klingen und ursprünglich dem romantischen Gemüt entsprungen sein müssen, hin zum Ausbruch des Vulkans, zum Einsturz des Gebäudes, zum Leid und zur Trauer in Form von Feedback als kreatives Stilmittel, ohne jeglichen Ambitus, als Machart oft kopiert und nie erreicht. Die Band um Efrim Manuel Menuck, der sich auch an dem Abend gekonnt sitzend, wie gewohnt, zurückhält aber seine Mitmusiker trotzdem irgendwie wohl dirigiert, beginnt mit einem Non-Album Stück, das trotzdem jeder Fan kennt: „Hope Drone“. Sofort erscheinen die beiden Bildprojektionen, die die Show begleiten, ja visuell untermalen. Denn die Musik steht im Vordergrund. Zu neunt stehen sie da, jeder immer genau auf seinen Einsatz wartend, fast wie ein Orchester, die essentiellen Post Rock Symphoniker. Wir haben es hier mit Kammermusik zu tun im Genre des fremden alternativen Rock. Was wäre das nicht für eine großartige Idee eine Gehörbildungsstunde über Godspeed You! Black Emperor zu geben, denn arrangiert sind sie durch und durch, wie es auch bei „Storm“ vom 2000er Klassiker „Lift Your Skinny Fists Like Antennas to Heaven“ deutlich rauszuhören ist. Wie auf dem Album wird der Höhepunkt eingeleitet, der Sigur Rós-ähnlichste Track der Combo, fröhlich über die erste Hälfte, dann aber doch abstürzend ins Nirgendwo, in’s Ungewisse.

Danach folgt „Asunder, Sweet and Other Distress“ in seiner Gänze. Was für eine Rückkehr nach gerade mal drei Jahren Pause. Was für ein großartiges Drum Intro in „Pleasentry or ’Light! Inside of Light!’“, das ja fast schon als Showeinlage durchgehen könnte bei den Herren, welches einfacher und stärker in seiner Effektivität nicht sein könnte. Ein Tom-Schlag, ein Snare-Schlag, das war’s, natürlich dynamisch und metrisch verändert, um dich noch verrückter zu machen. Und dann diese Geige – eine Hommage von Sophie Trudeau an John Cale, der ebenfalls ein neues Album auf seine alten Tage bringen wird. Das sind Drones der allerfeinsten Sorte. Repetitiv und rau, nicht gekünstelt und glatt, das will man hören. „Asunder, Sweet“ leitet dann den zweiten Höhepunkt der Platte ein, der mit „Piss Crowns Are Trebled“ folgt. Das Stück erinnerte mich beim ersten Hören an das Album „Pentastar“ von Earth, natürlich mit viel mehr Dynamik und dem recht eingängigen und rockigen Arpeggiator/Noise-Ende.

Godspeed You! Black Emperor, das Kollektiv der neun, ist über die Jahre nie abgehoben, trotz des Legendenstatus im Genre. Und im Hintergrund laufen die beiden großartigen Projektionen immer weiter und erzählen von der Musik – Landschaftskunde – das verschneite Kanada – Industriekomplexe, Neubauten, aber auch ein Mikrokosmos von Fliegen – die Natur… Die visuellen Bilder wirken perfekt zur musikalischen Ausgestaltung. Danny Boyle hatte damals genau den richtigen Riecher, als er die Kanadier auch der breiteren Masse in „28 Days Later“ vorstellte. Doch „East Hastings“ wird an diesem Abend nicht gespielt, denn es wird ein anderer schönerer und alternativerer Höhepunkt gewählt. Die Band lässt von Coney Island erzählen, „they don’t sleep anymore on the beach“ lautet das Stichwort mit dem langen seichten Gitarrenintro und der Geige, die kontrapunktiert. Der erste Ausbruch – eine Gitarre, die zittert, die jammert und trauert… wieder Ruhe, das Glockenspiel. Wieso beschriebe ich das hier überhaupt, denn in Worte konnte man diese Musik sowieso noch nie packen. Das Ende steht dann doch wieder wunderschön dar mit dem Drive im Schlagzeug, der wieder so eingängigen Geige und den Brass-Elementen, die dann vom Wirbelsturm der „My Bloody Valentine“-Gitarre zu Ende gebracht werden.

Nach zweieinhalb Stunden und insgesamt neun Werken, ja so heißt das in der E-Musik, sind wir durch. Repetitiv im Feedback lässt die Band das Publikum zurück. „Episch. das Herz tut weh.“ – ein namenloser Besucher.

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