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Leipzig ist nun wahrlich kein Geheimtipp mehr. Ganz besonders gilt diese ohnehin schon profane Feststellung für den Bereich der düsteren Musik.

Maßgeblichen Anteil hat daran das Wave-Gotik-Treffen, das bereits seit Anfang der 1990er-Jahre ein mal jährlich ausgetragen wird sowie eine auch darüber hinaus sehr lebendige Szene in Leipzig und Umland. Auch das in diesem Jahr erstmals veranstaltete Grey Days Festival kann in diesem Zusammenhang genannt werden, vereinte es doch an 2 Tagen einige der spannendsten (und gehyptesten) Acts, die es im Bereich Wave & Post-Punk aktuell zu finden gibt.

Die erste Band, die ich auf meinem Festivalplaner notiert habe, sind Molde aus Leipzig. Das Duo spielt vertrackten, mal melodischen, mal brachialen Noise Pop. Wenngleich das Werk 2 zu diesem Zeitpunkt erwartungsgemäß nur sehr marginal gefüllt ist, bietet die Band immerhin einen angenehmen Einstieg in das Festival.

Molde | (c) Luca Glenzer

Deutlich voller wird es dann vor der Bühne, als Silent Runners die Bühne betreten. Die Musiker der Band sehen nicht nur so aus, als wären sie every Schwiegermutters darling, ihre Musik klingt leider über weite Strecken auch so. Dabei ist der erste Eindruck gar nicht so schlecht: New Wave Pop, der irgendwie ein bisschen nach The Cure klingt. Aber es ist halt auch nur der erste Eindruck, hat man halt auch schon 1000 mal gehört. Zu den The Cure-Assoziationen gesellen sich nach Song 5 ungefähr dann auch latente U2-Reminiszenzen, weshalb die zweite Hälfte der Show dann aus sicherer Distanz von der aus Bar beargwöhnt wird.

Danach erscheinen dann The Underground Youth auf der Bühne. Eine Band, die schon lange auf der muss-ich-mal-sehen-Liste stand, aber irgendwie immer verpasst wurde. Die Musik ist, wenngleich auch alles andere als außergewöhnlich, so doch deutlich interessanter und lässt sich in Grundzügen als eine Mischung aus The Velvet Underground & Sonic Youth (Zufall?) und einer gehörigen Portion Rock’n Roll(-Attitüde) beschreiben, was in der Kombination nicht nur ein mal an The Jesus & Mary Chain in ihrer Frühphase erinnert. Der Rock’n Roll-Anteil wird dabei manchmal ein wenig peinlich und klischeehaft. Insbesondere den machohaften 3m-Sprung des Bassisten zum Ende der Show von der Bühne direkt in ein paar unschuldige Zuschauer_innen hinein hätte man sich auch sparen können. Der Rest des Konzerts ist aber tatsächlich ganz unterhaltsam.

The Underground Youth | (c) Luca Glenzer

Noch besser wird es danach mit Whispering Sons aus Brüssel, die im vergangenen Jahr ihr fulminantes Debüt herausbrachten und seitdem zu dem gezählt werden, was man die Sperrspitze des zeitgenössischen Post Punk nennen kann. Insbesondere Sängerin Fenne Kuppens beeindruckt dabei mit ihrer tiefen, manchmal zurückhaltend, manchmal aggressiven Stimme. Die Musik selbst ist düster, die Instrumente hervorragend aufeinander abgestimmt, was sich u.A. darin offenbart, dass nicht jeder Song zu jeder Zeit mit jedem Instrument vollgekleistert wird, sondern auch häufige, spannungserzeugende Pausen zu finden sind.

Den Abschluss des Abends absolvieren dann Esben & The Witch, die aber an diesem Abend nicht so recht zünden wollen. Die Musiker_innen wirken ein wenig lustlos, das Publikum ein wenig müde und überreizt. Dabei passt die Band mit ihrer brachialen Musik eigentlich hervorragend ins Festivalkonzept.

Der zweite Festivaltag beginnt für mich dann mit Tales Of Murder And Dust, die einen atmosphärisch extrem dichten und vielschichtigen Sound auffahren. Von allen auf dem Festival vertretenen Acts kommt der Sound des Quartetts wohl am ehesten an den Begriff „Post-Rock“ heran, dementsprechend bieten die eher getragen daherkommenden Songs der Band einen willkommenen Kontrast zu den vielen Uptempo-Acts, wozu u.A. die darauf folgenden Then Comes Silence gehören.

Then Comes Silence | (c) Luca Glenzer

Auch ihr Sound kommt, wie schon der von The Underground Youth am Vortag, ziemlich rock’n rollig daher, ist dabei allerdings noch ein wenig düsterer, tanzbarer und irgendwie auch ironischer (weil klischeehaft und dabei gleichzeitig den Eindruck erweckend, sich dessen bewusst zu sein).

Tales Of Murder And Dust | (c) Luca Glenzer

Den Abschluss des Abends bieten dann Holygram aus Köln. Die Band wird schon seit einiger Zeit sehr gehyped, und hat es dabei unter Anderem in eine zweifelhafte Preisauswahl namens PopNRW 2017 geschafft. Der Sound des Quintetts ist prinzipiell interessant und vielschichtig, sie selbst bezeichnen ihn als „post-punk and new wave with Krautrock and Shoegaze“, was nicht ganz falsch ist. Der dabei erstaunlich monoton und langweilig daher kommende Gesang des Sängers schmälert den positiven Eindruck aber leider etwas und erinnert in seinen schlechten Momenten an – pardon – Noel Gallagher und Konsorten (die Fliegerbrille und Rock’n Roll-Attitüde tun dabei ihr übriges).

Bleibt zu hoffen, dass das Festivalleiter es nicht bei der einen Ausgabe belassen. Sollte es im nächsten Jahr eine Wiederholung geben, wäre ein musikalisch vielschichtigeres Line-Up aber durchaus wünschenswert, beispielsweise mit der Einladung von einer der vielen Bands, die in der vergangenen Zeit unter dem Label „Stuttgarter Schule“ subsumiert wurden (Die Nerven, Karies, Human Abfall, und Konsorten).

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